Herr Steinegger, sind Sie ein Masochist?

Franz Steinegger: So habe ich noch nie empfunden. Weshalb?

Sie haben vor zwei Jahren freiwillig das Planungsdebakel der Expo übernommen. Jetzt werden Sie Schuldenfranz genannt. Sogar Ihre Entlöhnung wird angeprangert.

Steinegger: Das ist dreimal übertrieben. Was meinen Sie mit Planungsdebakel? Eigentlich haben wir die Expo damals ja gerettet. Schon 1996 sprach eine Vorstudie von einem Kostenrahmen um 1,3 Mrd Fr. Aus heutiger Sicht war der Hauptfehler nicht, dass die Kosten falsch eingeschätzt wurden, sondern, dass man glaubte, dass sich diese 1,3 Mrd Fr. zu zwei Dritteln extern, also durch Sponsoring finanzieren lassen würden.

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Heute sieht die Rechnung eher umgekehrt aus: Der Bund muss etwa zwei Drittel finanzieren. Vielleicht ist das Planungsdebakel aber ein Glück für die Landesausstellung. Denn hätte man von Anfang an gewusst, wie viel die Expo den Steuerzahler kosten wird und wie wenig die Wirtschaft bezahlen wird, wäre sie abgeblasen worden.

Steinegger: Das kann ich nicht beurteilen. Aber man hätte es wissen können. Die Expo ist eine Themenausstellung, und weltweit gibt es keine solche ohne massgebliche Beteiligung des Staates. Mehr als 50%iges Sponsoring geht nur bei einer Produkteausstellung. Immerhin korrigierten wir die Erwartungen Ende 2000 noch einmal: Einschlägige Sponsoringagenturen und der Hayek-Bericht betrachteten 450 Mio Fr. aus der Schweizer Wirtschaft als realistisch, der Kostenrahmen wurde nach einer

Erhöhungsrunde auf 1,8 Mrd Fr. wieder bei 1,45 Mrd Fr. festgesetzt...

Um sich gleich ein zweites Mal zu verschätzen.

Steinegger: Stimmt, aber nur bei den Einnahmen. Bei den Kosten hat die Expo bewiesen, dass es trotz schwer abschätzbaren Entwicklungen möglich ist, eine Fehlerquote von plus-minus 5% zu erreichen. Bei der Landi 39 waren es 7%, bei der Expo 64 rund 100%. Bei den Kosten haben wir uns überhaupt nicht verschätzt!

Dennoch musste der Bund mehrfach Zusatzkredite locker machen.

Steinegger: Ja, weil wir bei den Einnahmen zu optimistisch waren. Im Vorfeld wurden die Kosten nach den möglichen Einnahmen ausgerichtet. Mit dem Konjunktureinbruch wurde die Finanzierungsproblematik dann richtiggehend hin und her geschoben. Beim Bund dachte man, die Expo.02 finanziere sich hauptsächlich durch Sponsoring und nebenbei durch die öffentliche Hand. Die Unternehmer hingegen sahen den Bund als massgeblichen Veranstalter der Landesausstellung. Als dann im Frühling 2001 die Swissair ins Trudeln kam und im Herbst einen gemeinsamen Milliardenaufwand erforderte, begann das Expo-Sponsoring immer mehr abzubröckeln. Auch darauf reagierten wir sofort und strichen die Zahl der Ausstellungen von 54 auf 38 zusammen. Aber das genügte nicht. Der Bund sprang also diesen Frühling mit einer ersten Tranche von 120 Mio Fr. für fehlendes Sponsoring ein.

Fehlendes Sponsoring ist aber nur ein Teil des Einnahmen-Debakels. Der Bundesrat hat am Montag beschlossen, das Budget nochmals um insgesamt 90 Mio Fr. aufzustocken.

Steinegger: Wenn es ein Debakel wäre ? wie Sie es nennen ? dann könnte man ebenso behaupten, die Hälfte der Schweizer Wirtschaftsbetriebe stünden vor einem Konkurs. Der Unterschied ist aber, dass die Expo nicht wie herkömmliche Unternehmen eine Vor- und eine Nachgeschichte hat. Sie muss ihr Budget mit den Einnahmen einer einzigen Betriebssaison abwickeln. Insofern war es ein Fehler, dass wir im Voraus nicht explizit darauf hinwiesen, dass niemand für die Einnahmen der fünf Expo-Monate garantieren kann. Das war etwas blauäugig: Insgesamt fehlen 80 Mio Fr.; zwei Drittel bei den Besuchern, ein Sechstel bei den Events und ein Sechstel bei den Annexeinnahmen wie Parkplätzen, Läden und Restauration. Der Bund springt mit seiner zweiten Tranche also für fehlende Besuchereinnahmen ein. Würde er nochmals eine Landesausstellung beschliessen, würde ich nur noch einmal einspringen, wenn die Finanzierung des Ausgabenbudgets garantiert wäre.

Auch Sie sind ein Ausgabeposten. Sind Sie das Geld wert?

Steinegger: Bis dato habe ich jährlich 20000 Fr. bekommen. Ausserdem führe ich eine transparente Abrechnung: Das Grundsalär für die Komiteemitglieder beträgt 20000 Fr. pro Jahr. Dazu kommt der Verdienstausfall, den wir der Expo verrechnen dürfen. Einige Mitglieder aus der Wirtschaft verzichten sogar darauf, was der Expo wiederum als indirektes Sponsoring zugute kommt. Ich rechne zu den Ansätzen eines Urner Anwalts von etwa 220 Fr. die Stunde. Ich möchte nicht schlechter gestellt sein, als wenn ich die Offizialverteidigung eines albanischen Drogendealers ausüben würde.

Ein weiterer Posten, der das Debakel noch verschlimmern könnte, sind die Kosten für den Abbau der Expo. Haben Sie die im Griff?

Steinegger: Ich schätze das diesbezügliche Risiko geringer ein als ein weiterer Einbruch bei den täglichen Einnahmen, der in den letzten zwei Expo-Wochen etwa durch schlechtes Wetter noch verursacht werden könnte.

Die Grünen fordern mit Unterstützung der SVP eine PUK. Sie werfen der Expo intransparente Projektführung vor.

Steinegger: Gegen eine solche PUK habe ich nichts. Ich kann dem Vorstoss aber bereits heute entgegenhalten, dass ich noch nie eine derart kontrollierte Unternehmung kennengelernt habe wie die Expo. Sie wurde immer wieder von den Bundesbehörden geröntgt. Wenn im Expo-Bereich jemand hustete, stand es am nächsten Tag in der Zeitung. Ich weiss nicht, was an der Expo nicht transparent sein soll. Wir haben das Bestmögliche gemacht. Etwa die Hälfte aller Bewohner der Schweiz hat die Expo gesehen.

Wer waren die Gewinner?

Steinegger: Es gibt Gewinner: So verschafft die Expo den Standortregionen laut einer Studie der Universität Neuenburg wirtschaftliche Impulse im Wert von etwa 2,2 Mrd Fr., und das in einer rezessiven Zeit. Schauen Sie nur die Wandlung der öffentlichen Infrastruktur in Biel an ? ohne Expo undenkbar. Auch den Kulturschaffenden sind durch die Expo zusätzlich Subventionen von rund 400 Mio Fr. zugeflossen.

Ständig stand die Finanzierung im Vordergrund. Die Expo hat es nicht geschafft, ihren Inhalt zum Thema zu machen.

Steinegger: Das stimmt zum Teil: Über einzelne Events oder die Kantonaltage wurde diskutiert, aber als Gesamtkunstwerk, so, wie es Pipilotti Rist einst präsentieren wollte, wurde die Expo zumindest von den Medien nicht wahrgenommen. Das liegt aber auch daran, dass die Expo nicht zum pädagogischen Lehrpfad geraten sollte, von dem jeder dasselbe Resultat nach Hause nimmt. Die Segmentierung der Geschmäcker und Bedürfnisse ist heute viel differenzierter als 1939 oder 1964.

Gerade Sie betonten aber immer wieder, wie wichtig eine «identitätsstiftende» Landesaustellung ist. Für jeden etwas wirkt wohl kaum identitätsstiftend.

Steinegger: Doch. Zum Beispiel Kindern wird die Expo als ihr erstes nationales Ereignis in Erinnerung bleiben. Genauso, wie ich noch den Igel von 1964 vor mir habe, wird mein neunjähriger Sohn die Wolke von Yverdon nicht vergessen. Ich glaube, dass die Expo sehr wohl Identität gestiftet hat, nicht einfach durch Bestätigen und Provozieren, sondern durch wohlwollend Fragen. In den Kantonaltagen bestätigte sich unser Föderalismus wunderbar. Ohne Expo hätte der Bund Millionen aufbringen müssen, um der Bevölkerung unsere Sicherheits- oder Agrarpolitik, wie sie an der Expo ausgebreitet wird, näher zu bringen...

Aber so ein richtiges Gemeinschaftsgefühl ist dabei nicht aufgekommen.

Steinegger: Hätten wir das beabsichtigt, hätten wir uns abgrenzen müssen. Im Stile von: wir sind die Besten... An der Landi ?39 war das noch einfach, zum Beispiel mit der frisch gebauten Lokomotive mit 12000 PS. Die heutige Wissenschaft, die zum Beispiel in den Ausstellungen Biopolis oder Ada veranschaulicht wird, erklärt sich nicht einfach von selbst und kann angesichts ihrer Globalität auch nicht so identitätsstiftend wirken. Dafür kann sie im Gegensatz zur Lokomotive hinterfragt werden. Vielleicht hätte man wenigstens die Erstaugustfeier zu einem nationaleren Gemeinschaftsevent machen können. Das misslang, weil wir auf Theater setzten, und das wirkt für viele zu langweilig oder zu provokativ.

Was hat die Expo Ihnen persönlich gebracht?

Steinegger: Wahrscheinlich eine der komplexesten Führungsaufgaben, die in der Schweiz zu vergeben sind. Für mich war es interessant, immer wieder zu versuchen, die Balance zwischen Kultur, Wirtschaft und Politik herzustellen. Und das nicht nur einseitig bei der Wirtschaft. Wir mussten oft auch in der Kultur einwirken, wenn Projektträger nicht mehr weiterkamen. Es ist nämlich sehr schwierig, komplexe Projekte in Ausstellungen umzusetzen. Ich habe auch sehr viel erfahren, wie die Westschweiz funktioniert.

Welches sind Ihre Lehren aus der Expo?

Steinegger: Dass eine Themenaustellung zu 50 bis 75% von der öffentlichen Hand finanziert werden muss und unter 0,4 % des Bruttosozialproduktes nicht zu bewerkstelligen ist. Dass die Veranstalter nur für die Ausgabenseite, nicht aber für die Einnahmen garantieren können. Wer mehr Besucher anlocken möchte als die Expo. 02, der hätte sie im Zürcher Limmattal oder Glatttal machen müssen.