Flexibilität heisst, in der Lage zu sein, sich auf ständig verändernde Umweltfaktoren einstellen zu können. Konsumenten verlangen heute von den Hersteller- und Handelsunternehmen immer grössere Flexibilität, und die Hersteller versuchen, sich über Flexibilität am Markt zu differenzieren. So kommt es in der dynamischen, globalen Autoindustrie heute nicht nur darauf an, erstklassige Produkte anzubieten, sondern immer mehr auch auf Flexibilität gegenüber den Kunden – seien es veränderte Kundenwünsche, Änderungen bei den Lieferterminen oder gar Änderungen von Ausstattungsvarianten noch kurz vor dem Liefertermin.

Kurzfristige Kundenwünsche

So zielt der Kunden-Orientierte Vertriebs- und Produktionsprozess (KOVP) bei BMW auf maximale Änderungsflexibilität, Schnelligkeit und hohe Termintreue. Änderungswünsche bezüglich Karosserievariante, Motor, Farbe oder Ausstattung können bis sechs Tage vor Montagestart berücksichtigt werden. Auch Unternehmen aus der Bekleidungsindustrie müssen heute eine zeitlich schnelle und flexible Anpassung an differenzierte Kundenwünsche und Trends gewährleisten.

Angesichts der Tatsache, dass heute viele Unternehmen über Outsourcing den grössten Teil der Wertschöpfung über das Zuliefernetzwerk beziehen, dürfen die Prozesse und Strukturen, welche diese Flexibilität ermöglichen, nicht an der Unternehmensgrenze halt machen. Vielmehr muss die Zusammenarbeit mit den Lieferanten die Flexibilitätsbemühungen des Herstellers unterstützen. Flexibilität in der Beschaffungslogistik bildet einen wichtigen Baustein bei der Umsetzung des Bosch Production Systems (BPS), welches in Anlehnung an das Toyota Production System auf einem Pull-System und einem stetigen und kontinuierlichen Materialfluss basiert. Dabei bildet die Kennzahl EPEI («Every Part Every Interval») eine wichtige Grundlage für das Beruhigen, Glätten und Nivellieren der Produktion. Bei Bosch wirkt sich die Umsetzung des BPS direkt auf die Anforderungen an die Lieferanten aus. Bosch verlangt, dass Lieferanten Abrufschwankungen plus/minus 10% ohne Bestände realisieren und kleine Lose (EPEI maximal 1) fertigen können.

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Flexibilität ist hoch im Kurs

Eine aktuelle Studie des Lehrstuhls für Logistikmanagement an der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit dem Department of Management Science and Engineering an der Stanford University, bei der Logistik- und SCM-Verantwortliche von rund 336 Unternehmen aus den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz, aus England, aus Frankreich und aus den Vereinigten Staaten zu deren Erwartungen bezüglich Lieferantenflexibilität befragt wurden, gibt Einblicke in die Unternehmenspraxis. Für den Erfolg ihrer Produkte am Markt ist für 76,2% der befragten Unternehmen die Möglichkeit zu kurzfristigen Veränderungen der Lieferzeiten bei Bestellungen wichtig bis extrem wichtig. Diese Flexibilität bei den Lieferzeiten trägt dazu bei, dass Hersteller keine Lager in ihrem Bereich aufbauen und trotzdem Produkte gegenüber den Kunden termingerecht ausliefern können.

Des Weiteren achten die Hersteller stark auf die Vertragsgestaltungsfreiheit mit den Zulieferern, welche es den Herstellern ermöglicht, kurzfristige Änderungen hinsichtlich Lieferverbindlichkeiten, Bestellmengen usw. durchzusetzen (71,4%), auf die Möglichkeit zur Variierung der Bestellmengen (70,8%) und auf ein breites Spektrum an Lieferrhythmen (69,3%). Sowohl die häufige Veränderung der Bestellmengen (61,0%) als auch die Volumenallokation (54,2%) sind hingegen von geringerer Bedeutung für den Erfolg der Supply Chain.

Wenngleich die Unternehmen der Lieferantenflexibilität eine grosse Bedeutung beimessen, sollte hohe Flexibilität im Zuliefernetzwerk nicht das Ziel per se sein. Die Studie untersuchte auch den Zusammenhang zwischen Flexibilität in der Beschaffungslogistik und Supply Chain Performance des Herstellers. Es zeigt sich, dass sowohl eine sehr geringe als auch eine sehr hohe Flexibilität zu guter Performance der Supply Chain führen können. Wieder einmal schneiden Unternehmen, die halbherzig nach Flexibilität in der Beschaffungslogistik streben, schlechter ab. Dies liegt daran, dass die Erhöhung der Flexibilität bei den Lieferanten mit Kosten verbunden ist. Produziert der Hersteller jedoch funktionale Produkte, wie Lebensmittel oder Zement, entscheiden oftmals die Kosten und nicht die Zeit-, Mengen- und Variantenflexibilität über den Erfolg des Produktes beim Kunden. Werden andererseits innovative Produkte produziert, lohnt sich die Investition in ein flexibles Zuliefernetzwerk mehr.

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Richtige Lieferantenstrategie

Wenn das Produkt und die Unternehmensstrategie eine hohe Flexibilität in der Beschaffungslogistik erfordern, lässt sich diese in der Praxis nur durch ein professionelles Lieferantenmanagement erreichen. Zum Management der Lieferantenbasis gehört die Reduzierung der Lieferantenbasis und die Segmentierung der Lieferanten in «flexible» und «weniger flexible» genauso wie die Lieferantenauswahl und -auditierung. Immer wieder stellen Unternehmen bei der Erarbeitung einer Lieferantenstrategie oder bei einer Lieferantenbewertung fest, dass Lieferanten den Flexibilitätsanforderungen nicht aus eigener Kraft gerecht werden können. Dann können Hersteller durch Massnahmen der Lieferantenentwicklung den Lieferanten beim Auf-bau von Prozessen helfen, welche die Flexibilität des Lieferanten erhöhen.

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