Ein persönliches Treffen ist wegen Corona nicht möglich. Aber es gibt ja YouTube: Dort finden sich ein paar Videos mit Frédéric Arnault, nicht mit ihm als Geschäftsmann zwar, aber mit ihm als Pianisten. Im einen betritt er ruhigen Schrittes eine kleine Bühne, setzt sich an den Flügel, legt die Hände in den Schoss, sammelt sich. Dann fängt er an zu spielen. Die Sonate in h-Moll von Franz Liszt – konzentriert, präsent, souverän. In einem anderen konzertiert er zusammen mit seiner Mutter, der Konzertpianistin Hélène Mercier. Sie spielen die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Liszt, vierhändig, und sorgen für Gänsehaut.

Angesprochen auf die Auftritte, reagiert Frédéric Arnault, jetzt anwesend per «Teams», erfreut. «Ich habe mit fünf Jahren angefangen, Klavier zu spielen», erzählt er, «heute ist es eine grosse Passion, und ich liebe es, Konzerte zu geben.» Und nein, Profimusiker zu werden, sei für ihn nie eine Option gewesen, «das ist extrem fordernd».

Dass einer wie er sich von «extrem fordernd» abschrecken lässt, ist reine Koket­terie. Ein Blick in sein CV jedenfalls lässt vermuten, dass ihm in den vergangenen Jahren nichts zu viel war, um sich für eine Businesskarriere bei LVMH, dem Imperium seines Vaters Bernard ­Arnault, zu empfehlen: Computermathematik-Studium an der renommierten École Polytechnique in Paris, Praktikum bei McKinsey in San Francisco und ein weiteres in der Forschungsabteilung «Künstliche Intelligenz» bei Facebook in New York.

Frédéric Arnault zusammen mit seiner Mutter Hélène Mercier am Piano:

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Der Reiz des Neuen

Im September 2017 schwingt für ihn die Tür zu LVMH auf: Er wird Head of Connected Technologies bei TAG Heuer. Die Schweizer Uhrenmarke ist einer von in­zwischen 75 Luxusbrands, die Bernard Arnault seit Mitte der 1980er Jahre akquiriert und in seine rund 200 Milliarden Franken schwere Schatzkiste mit der Aufschrift «LVMH» gelegt hat (siehe «Familiäres Imperium» unten). Neben TAG Heuer lagern dort auch die beiden Uhrenhersteller Hublot und Zenith.

TAG Heuer ist mit einem Umsatz, den Morgan Stanley für 2019 auf 851 Millionen Franken beziffert, die mit Abstand grösste der drei ­Marken und mit 160 Jahren auch die mit der längsten Geschichte mit grossen Meilensteinen wie dem ersten Armband-Chronographen und den genauesten Zeitmessinstrumenten der Welt. Und dann die zahlreichen Ikonen, darunter die «Carrera» und die «Monaco», die am Hand­gelenk von Steve McQueen im Film «Le Mans» zur Legende geworden ist.

Was Frédéric Arnault an der alten Marke reizte? «An einem innovativen Produkt arbeiten, in einem noch ganz jungen Markt und gleichzeitig in einer höchst traditionellen Branche», antwortet er und fährt fort: «Wer hätte gedacht, dass eine Schweizer Uhrenmarke dereinst Apps selbst entwickelt?» Am Hauptsitz in La Chaux-de-Fonds ist das Digitalteam mit 30 Ingenieuren, Entwicklern und Designern an der Arbeit.

LVMH Imperium
Quelle: Bilanz

Am 12. März 2020, kurz vor dem Lockdown dann, präsentierte Arnault, seit 2018 Chef Stra­tegy & Digital, in New York die dritte, «seine» Connected Watch. Der Handgelenkcomputer – nicht «Swiss made» und stolze 1750 Franken teuer – misst nicht nur Herzfrequenz und Schritte, sondern versteht auch etwas von Golfen.

Da steht zum Beispiel eine 3-D-Karten-Software bereit für mehr als 39 000 Golfplätze der Welt. Dank ausgabefreudigen, Gadget-affinen Golfern – «wenn man einmal mit der Connected ­gespielt hat, will man nicht mehr darauf verzichten» (Arnault) – plant er das TAG-Smartwatch-Business zum Fliegen zu bringen. Und die Kundenbasis zu verbreitern: «Mit der Connected kommen wir an neue Kunden heran», sagt Arnault, «mehr als die Hälfte der Käufer, die bislang eine Connected gekauft haben, hatten zuvor keine TAG Heuer.» Seine Ambition: «Deutlich mehr als zehn Prozent des Umsatzes.»

Flexibel, agil, kooperativ, durchlässig

Am 1. Juli 2020 wird Frédéric Arnault CEO von TAG Heuer. Sein Vater kommentiert die Beförderung so: «Es ist eine Anerkennung seiner Leistung.» Kann der junge Arnault die traditionsreiche TAG Heuer führen? «Natürlich», sagt Jean-Claude ­Biver, vorletzter CEO von TAG Heuer, «er ist bestimmt der talentierteste junge Mann, den ich kenne.» Ein Wunderkind ist aber auch er nicht: «Für seinen Erfolg braucht er ein starkes Team mit Leuten, die ihm helfen und sich trauen, ihm die Wahrheit und auch Nein zu sagen.»

Arnault selber reagiert zurückhaltend auf die Frage, sagt, seine Rolle als CEO sehe er vor allem darin, «die Leute zu ermächtigen: It’s the people who make the brand.» Für ihn sei es zentral, dass die Mitarbeiter für die Marke brennen, und er werde sicher­stellen, dass die, «die am nächsten an den Details sind, auch die sind, die entscheiden». Im Digitalteam, das er nun seit drei Jahren führt, herrscht bereits der Groove, den er für das ganze Haus anstrebt: flexibel, agil, kooperativ, durchlässig.

«Da hat er sich aber etwas vorgenommen», sagt ein Uhrenhändler, der die traditionsreiche Marke und ihre Macher sehr gut kennt. Immerhin: Im Rücken hat der junge Arnault einen stehen, dem sehr daran gelegen sein muss, dass der Youngster reüssiert: Stéphane Bianchi, Chef der Uhren- und Schmuckdivision von LVMH und Arnaults Vorgänger bei TAG Heuer. Am meisten will den Erfolg aber natürlich der junge Arnault selber.

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Starke zweite Generation

Frédéric ist das zweitjüngste von fünf Kindern von Bernard Arnault und das vierte, das bei LVMH, deren Kapital knapp zur Hälfte von Papa kontrolliert wird, eingestiegen ist. Sein älterer Bruder, Alexandre (28), ist CEO von Rimowa.

Wie es dazu gekommen ist, erzählte er bei einem Talk mit Goldman Sachs: Als es für ihn nach der Matura in die USA zu McKinsey ging, besorgte er sich einen Koffer von ­Rimowa, «cooles Design, hat mir gefallen». Zurück in Frankreich, «ich wollte selber etwas aufbauen in dieser Industrie», nahm er nach einem Vorgespräch mit dem Vater Kontakt zum deutschen Hersteller Rimowa auf mit zwei Ideen: «Wir beteiligen uns mit einer Minderheit am Unternehmen und helfen zu wachsen, oder wir beschliessen eine Partnerschaft.» Zwei Jahre später übernahm LVMH 80 Prozent von Rimowa, für 640 Millionen Euro. Dass Alexandre das CEO-Amt übernommen hat, war nicht der Wunsch seines Vaters, sondern die Bedingung, an die der vormalige Inhaber den Deal geknüpft hatte.

Der älteste Sohn von Arnault, Antoine (43), ist Frédérics Halbbruder, er führt den Schuhhersteller Berluti und ist zudem ­Präsident von Loro Piana. Und die Halbschwester Delphine (45) ist Vizepräsidentin von Louis Vuitton, gemäss Interbrand mit 30 Milliarden die wertvollste Luxusmarke der Welt. Dort verantwortet sie alles rund um Produkte und Events und sitzt zudem bei ihrem Vater im LVMH-Verwaltungsrat sowie in der Konzernleitung. Der jüngste, Jean, ist 21 Jahre alt und studiert am Imperial College in London.

Bernard Arnault, billionaire and chief executive officer of LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton SE, speaks as the luxury brand announces full year earnings in Paris, France, on Tuesday, Jan. 28, 2020. LVMH's sales growth slowed in the fourth quarter as protests in Hong Kong dented Chinese demand for the luxury giant's products at the end of a strong year. Photographer: Christophe Morin/Bloomberg

Der Unternehmer: Bernard Arnault hat in 35 Jahren das grösste Luxusimperium der Welt aufgebaut.

Quelle: Bloomberg
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Der Vater der fünf hat in seinem bisherigen Leben gross performt: Bernard Arnault ist gemäss «Forbes» mit einem geschätzten Vermögen von 76 Milliarden Dollar hinter Amazon-Chef Jeff Bezos der zweitreichste Mensch auf Erden.

Angefangen hat der Sohn eines Bauunternehmers aus Roubaix, nördlich von Paris, mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln, doch mit ­riesigen Ambitionen: Als er 1984 Christian Dior für 15 Millionen Euro und 1987 dann auch noch die Mehrheit an LVMH übernahm, verkündete er den Plan, die grösste Luxusgruppe der Welt zu formieren. 1988 übernahm er Céline, 1993 Kenzo, 1994 Guerlain, 1996 Loewe, 2015 Loro Piana – um nur einige zu nennen.

Allen Zukäufen gemeinsam war erstens das Savoir-faire und zweitens Potenzial. Dafür hat Arnault nicht nur ein Gespür, sondern kann es auch zu Gold machen: Sephora zum Beispiel kaufte er 1998 für 150 Millionen Euro. Heute erzielt er damit eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr. Auf die Frage, wie er bei den Akquisitionen vorgehe, sagte er in ­einem Interview mit dem TV-Sender CNBC, «man muss umsichtig sein und sich die Zeit nehmen, die es braucht». Und: «Lieber ein gutes Geschäft verpassen als ein schlechtes eingehen.»

Bernard Arnault kauft die Marken, verschluckt sie aber nicht

Arnaults Erfolgsrezept: Er kauft die Marken, verschluckt sie aber nicht. Die «Maisons» bleiben sich selbst, Arnault mischt sich kaum ein. «Natürlich gibt es Synergien, die es zu nutzen gilt», sagt Biver, der elf Jahre lang für Arnault die Uhren­division aufgebaut und geführt hat. Etwa bei Preisverhandlungen in Shoppingmalls oder mit Medienhäusern, nicht aber, wenn es um den Kern einer Marke geht, das Produkt. Da lautet der Imperativ des Monsieur Arnault an seine 163 000 Mitarbeitenden: «Seid kreativ und innovativ, liefert höchste Qualität, und kultiviert einen unternehmerischen Geist!»

Der Grandseigneur des Luxus hat sein Ziel, den grössten Luxuskonzern zu bauen, längst erreicht. Konkurrenten wie Kering mit Gucci (15,9 Milliarden Euro Umsatz 2019) und Hermès (6,9 Milliarden Euro Umsatz 2019) hat er uneinholbar hinter sich gelassen. Bewunderer hat er auf der ganzen Welt, Unternehmer, Promis und Politiker. Er weiss das zu nutzen: Bei der Eröffnung einer Louis-Vuitton-Fabrik in der texanischen Kleinstadt Keene letzten Oktober hielt kein Geringerer als US-Präsident ­Donald Trump die Festrede.

Arnault sei keiner, der sich wiederhole, und keiner, der stehen bleibe, charak­terisiert Anna Wintour, legendäre Chef­redaktorin der «Vogue», den Unternehmer. Tatsächlich kommt der Mann nicht zum Stillstand. Im Frühling 2019 hat er das ­Luxusreise-Unternehmen Belmond übernommen und im November den grössten Deal besiegelt, den es in der Industrie je gab: Für 16,2 Milliarden Dollar kaufte er den US-Juwelier Tiffany.

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Der Tiffany-Handel war abgeschlossen und von den Aktionären abgesegnet, geriet aber Anfang Juni nochmals in die Schlagzeilen, mit dem Gerücht, Arnault könnte wegen des Kurssturzes, den Corona sowohl bei LVMH als auch bei Tiffany ver­ursacht hatte, den Preis neu verhandeln wollen. Wenige Tage später liess Arnault der Fama die Luft ab: Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, die Übernahme stehe nicht in Frage, der Preis werde nicht neu verhandelt und LVMH werde sich auch nicht am Markt mit günstigen Aktien eindecken. Der Deal wird in Kürze finalisiert.

«Es wird die Person gewählt, die die besten Managementfähigkeiten besitzt.»

Bernard Arnault

Arnault sen. ist inzwischen 71 Jahre alt, sagte in dem Interview mit CNBC, er werde noch «eine Weile» weitermachen. Und auf die Frage, wer auf ihn folge: «Es wird die Person gewählt, die die besten Managementfähigkeiten besitzt.» Aus der Familie. Wobei er im Gespräch explizit die ganze Belegschaft dazuzählte. Natürlich würde er es gern sehen, an eines seiner Kinder zu übergeben. Aber: «Erstens muss es sie ­interessieren, und zweitens müssen sie dann auch noch fähig sein.»

Frédéric ist interessiert. Dass er auch fähig ist, steht für Biver, der den Junior bei TAG Heuer anfänglich unter seinen Fittichen hatte, ausser Frage, «er hat eine ­ausgezeichnete Ausbildung und Erziehung und auch sonst vieles von seinem Vater geerbt».

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Vom 25-Jährigen ist also viel zu erwarten. Fürs Erste bei TAG Heuer. Was er vorhat? Seine Strategie für die Marke werde er im Herbst kommunizieren, sagt Arnault jun. Mehr ist ihm zum Geschäft nicht zu entlocken. Aber zum Schluss noch dies: Auf die Frage, welche Eigenschaften ihn ausmachen, sagt er, «ich bin entschlossen, leidenschaftlich und detailorientiert». Zudem, das belegt YouTube eindrücklich, ist er ein Mann, der nicht nur die lauten, sondern auch die leisen Töne kann.