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Widerstand
«Fusion mit Saint-Gobain nicht im Interesse der Sika»

Die Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat der Sika lehnen die Übernahme durch Saint-Gobain ab. Sie glauben, dass der Baustoffkonzern darunter leiden würde. Die Aktie stürzt ab.

Von Gabriel Knupfer
am 08.12.2014

«Nicht im Interesse der Sika oder ihrer Aktionäre». So lautete der Titel der eilig einberufenen Pressekonferenz am Montagmorgen in Zürich. Der Verwaltungsrat und das Management des Schweizer Industrieriesen hätten das ganze Wochenende über die Übernahme beraten und seien nach einer «unvoreingenommenen und offenen Analyse» zum Schluss gekommen, die Transaktion abzulehnen, so Sika-Konzernchef Jan Jenisch.

Die Saint-Gobain-Gruppe will die Kontrolle über den Schweizer Bauchemie-Hersteller übernehmen. Und zwar zum Schnäppchenpreis von 2,75 Milliarden Franken. Wegen der einzigartigen Struktur der Sika – die Besitzerfamilie hält über eine Holding dank einer Konstruktion mit Inhaber- und Namenaktien mit 16 Prozent der Aktien die Stimmenmehrheit – braucht es dafür kein öffentliches Angebot. Das stösst dem Verwaltungsrat und dem Management sauer auf. Sie drohen im Fall des Vollzugs mit geschlossenem Rücktritt.

Nachteile für den Rest der Aktionäre

Die angestrebte Struktur berge für die 84 Prozent «normalen Aktionäre» mehr Nachteile als Vorteile, so die Unternehmensleitung. Es bestehe insbesondere das Risiko, dass die Sika künftig im Interesse von Saint-Gobain geführt werde. «Die Sika und Saint-Gobain sind in den selben Märkten tätig», sagt Verwaltungsratspräsident Paul Hälg. Es sei deshalb abzusehen, dass die Wachstumsstrategie der Sika unter Saint-Gobain-Kontrolle abgewürgt werde. Die Aktionäre scheinen die Bedenken des Verwaltungsrats zu teilen. Bis kurz vor 11 Uhr stürzten die öffentlich gehandelten Papiere der Sika um 20 Prozent ab.

Kritisiert wird von Seiten der Sika auch die ungleiche Verteilung der Synergien. Während Saint-Gobain nach eigenen Angaben Einsparungen von 100 Millionen Euro im Jahr 2017 und 180 Millionen Euro 2019 erwartet, sind für die Sika Einsparungen von 70 Millionen Franken vorgesehen. Dieses Ungleichgewicht sei stossend, findet Jenisch. «Zudem finden wir die Zahl schwer nachvollziehbar, da wir mit ähnlichen Produkten in den gleichen Märkten unterwegs sind.»

Aus heiterem Himmel

Die Hiobsbotschaft kam offenbar aus heiterem Himmel. Der Verwaltungsrat sei weder involviert noch informiert gewesen, sagt Präsident Hälg an der eilig einberufenen Pressekonferenz. «Es gab in unserern Sitzungen mit den Besitzern keinerlei Anzeichen von Unzufriedenheit mit unserer Führung». Am Freitagabend stellte die Familie Burkard den Verwaltungsrat und das Management offenbar vor vollendete Tatsachen und informierte über den Verkauf – der Vertrag soll bereits unterschrieben sein.

Der Verwaltungsrat sei nicht grundsätzlich gegen eine Übernahme. «Wenn es ein öffentliches Angebot gäbe sähe die Sache wohl anders aus», so Hälg. Das Problem sei, dass 84 Prozent der Aktionäre nicht von den Synergien profitieren würden. Deshalb sei klar: «Wer A sagt muss auch B sagen. Wenn die Transaktion von der Kartellbehörde genehmigt wird, werden alle ungebundenen Verwaltungsräte und die Geschäftsleitung geschlossen zurücktreten.»

In Familienbesitz

Das Schweizer Traditionsunternehmen Sika ist weltweit führend im Bereich der Bauchemie und einer der grössten Hersteller von Industrieklebern. Die Firma mit Sitz in Baar wurde 1910 vom aus Vorarlberg stammenden Maurer Kaspar Winkler gegründet, der einen Mörtelzusatzmittel zum Schutz gegen Wasser und Feuchtigkeit erfand.

Heute beschäftigt Sika über 16'000 Angestellte in 84 Ländern und erzielt einen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Franken. Über die Schenker Winkler Holding hält die heutige Besitzerfamilie Burkard-Schenker 16,1 Prozent der Aktien mit 52,4 Prozent der Stimmrechte.

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