Die private Luxusyacht hiess «Perle Bleue». Sie war 38 Meter lang und besass vier Decks. Das Meer glänzte, die karibische Sonne brannte. Für Guy Dubois und seine Familie waren es Winter­ferien aus dem Bilderbuch. Zu ihren Diensten stand eine siebenköpfige Mannschaft. Zwölf Flaschen Cham­pagner der Marken Veuve Clicquot und Moët & Chandon lagen gekühlt bereit. An Bord bot ein Pool Abkühlung. Das Beste aber kam zum Schluss: Die 230000 Franken teure Ferienreise vor zwei Jahren kostete den damaligen Chef von Gategroup nichts.

Die Rechnung bezahlte Amanda Jacobsen. «Denken Sie daran, die Familie überhaupt nicht in die ­finanziellen Angelegenheiten zu involvieren», schrieb die Nordeuropa-Chefin der Gategroup-Tochter Gate Gourmet an den Yacht-Broker, kurz bevor die «Perle Bleue» in See stach. Die Grosszügigkeit kostete auch sie nichts. Sie belastete die Rechnung illegal einem Konto des Konzerns. Das war für die Managerin Routine. ­Jacobsen hatte in den Monaten zuvor bereits Millionen für sich abgezweigt. Insgesamt stahl sie der ehemaligen Swissair-Tochter 25 Millionen Franken.

Es ist der spektakulärste Betrug der letzten Jahre. Detektive wurden eingeschaltet, Rechtshilfegesuche gestellt, Gegenüberstellungen organisiert. Seit zehn Monaten versuchen die Behörden, den Fall zu klären. Jacobsen ist geständig. Verurteilt ist sie noch nicht. Ihr Verfahren läuft in Dänemark. Aber auch die Staats­anwaltschaft Zürich ermittelt weiter. Sie untersucht separat, ob Dubois als Konzernchef vom Betrug wusste. «Das Verfahren ist hängig», sagt Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel. «Der Ausgang ist offen.» Es gilt die Unschuldsvermutung.

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1. Teil: Der Aufstieg

Es begann im Jahr 2003. Amanda Jacobsen suchte damals einen Job und fand ihn bei Gate Gourmet ­Dänemark. Als Finanzmanagerin sollte sie die Bankverbindungen zentralisieren. Sie sollte Schwachstellen finden. Millionenbeträge wanderten auf Papier an ihr vorbei. Früh gab sie ihrer Umgebung zu verstehen, sie komme aus reichem Haus. «Sie sprach von ihrer Familie und davon, dass diese durch ein Erbe reich geworden war», sagt ein Gategroup-Mitarbeiter über jene Zeit. Irgendwann begann sie, teure Sportwagen zu fahren. Bentley, Aston Martin, Bugatti, Maserati, Ferrari. Das waren ihre Marken. In Kopenhagen kursierte unter den Kollegen der Spruch, dass sie den Aschenbecher im Auto nie leerte, sondern sich lieber ein neues Auto kaufte.

Alle glaubten ihre Geschichte. Doch die Autos ­waren geleast, die Kleider nur scheinbar teuer, ihr ­Lebenslauf gefälscht. Es ist die Ironie der Geschichte, dass auch der Konzern die Hochstaplerin gegen aus­sen höher dekoriert erscheinen liess, als sie es wirklich war. Sie bekam den Titel «Managing Director» und wurde auch Chefin für Gate Gourmet Nordeuropa. Man baute sie so zur Repräsentationsfigur auf. Die ­Titel entsprachen nicht dem, was Jacobsen wirklich tat. Operativ hatte sie kaum Funktionen. Auf ihrem Schreibtisch herrschte dennoch immer Unordnung. Mehrere Gategroup-Manager beklagten sich denn auch schon bald über die Situation.

Ihre Stärke lag woanders – im Umgang mit Leuten. «Sie hat eine Gabe, Menschen für sich einzunehmen und zu gewinnen», sagen selbst Ermittler, die sie später verhörten. «Alle erlagen ihrem Charme», berichtet ein damaliger Mitarbeiter. Das nutzte der Konzern. «Gab es ein Problem beim Revisor PricewaterhouseCoopers, schickten wir Amanda hin. War ein Restaurant für ein wichtiges Essen ausgebucht, fragten wir Amanda um Rat. Gab es Schwierigkeiten mit verzollter Ware im Lager, setzte man auf Amanda», berichtet ein anderer Mitarbeiter. «Sie bekam alles hin.»

Die Jahre vergingen. Was Jacobsen jetzt noch fehlte, war der direkte Draht zur obersten Etage von Gate­group in Zürich. Im Sommer 2007 begann sie, dies zu ändern. Damals war David Siegel Verwaltungsratspräsident und Chef des Unternehmens. Ohne ihn je getroffen zu haben, schickte die Dänin dem Ameri­kaner eine E-Mail. Sie sprach ihn mit «Lieber Herr Siegel» an. Es dauerte drei Tage, dann offerierte sie «Dave» eine CD mit Autogramm von Popstar Justin Timberlake samt Gratis-Konzerttickets mit Backstage-Berechtigung. Es sollte ein Geschenk für die Tochter des Konzernlenkers sein. Siegel, der heute noch einfacher Verwaltungsrat ist, war begeistert. Er bedankte sich und schrieb: «Ich frage mich häufig, wie wir es ­geschafft haben, dich zur Gategroup zu ­holen.» Zehn Minuten später antwortete Amanda, dass sie sich auf ein baldiges Treffen freue und stolz darauf sei, Teil des Teams zu sein. Die Beziehung wurde enger, man traf sich zum Abendessen. Der Top-Manager setzte sich für Express-Lieferbedingungen für Amandas neuen Bugatti Veyron ein. Mit der Zeit reduzierten sich Mails von Siegel auf Einzeiler mit Worten wie: «Wünschte, du wärst hier» oder «Vermisse dich».

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Siegel war wichtig. Das Versprechen für Jacobsens Zukunft aber war Dubois. Er war der kommende starke Mann im Konzern und löste Siegel 2008 als Chef ab. Der Belgier begann bald, die Gabe der Dänin im Umgang mit Leuten zu nutzen. Sie stellte Geschäftsbeziehungen her, half bei Spezialprojekten. Einmal wollte Gategroup eine Tochter in Venezuela verkaufen. Doch die Unterhändler bissen auf Granit. «Kennst du jemanden in Caracas, der uns helfen kann?», fragte Dubois. Sie sagte: «Gib mir einige Wochen.» Und reiste ab. Einige Zeit später erhielt er ihre Nachricht: «Geschäft erledigt.» Auch aus Kopenhagen half sie dem Chef in der Ferne und rapportierte, was andere Manager bei Gategroup in Skandinavien taten. Der Kontakt zwischen Dubois und Jacobsen wurde intensiver. «Sie telefonierten sehr häufig», erzählt ein Mitarbeiter.

 

Teil 2: «Der Betrug«, Teil 3: «Das volle Leben», Teil 4: «Das Ende» und Teil 5: «Die Feindschaft» finden Sie in der aktuellen Ausgabe der «Handelszeitung» (Seite 2 und 3)