Es war der 23. Dezember 2004. Die Führungscrew der dänischen Gategroup-Tochter tagte ein letztes Mal vor den Feiertagen. Mit dabei Finanzexpertin und spätere Millionen-Betrügerin Amanda Jacobsen. Für einmal schätzte sie die Lage völlig falsch ein. Zur Überraschung der Anwesenden bat sie plötzlich zwei Striptease-Tänzerinnen in Nikolaus-Kostümen in die Sitzung. Gedacht war es als Scherz für den damaligen Finanzchef von Gategroup Dänemark, der bald heiraten sollte. Doch der Applaus blieb aus. Jacobsen wurde gefeuert.

Es war der entscheidende Moment in der Karriere der beschlagenen Charmeurin. Zum ersten Mal erlebte sie, wie sich ihre Beziehungsarbeit bei Gategroup auszahlte. Jemand hoch oben in der Konzernführung war ihr bereits erlegen und begnadigte sie. Die Kündigung wurde rückgängig gemacht und in eine schriftliche Verwarnung umgewandelt. Von da an war Jacobsen unantastbar. Ein halbes Jahr später stieg sie zur Direktorin bei der dänischen Tochter auf, kurz darauf nahm sie im dortigen Verwaltungsrat Platz. Für Betrügereien hatte sie nun freie Hand.

22 Millionen Franken hatte Jacobsen bei Gategroup bis zu ihrer Verhaftung im Februar veruntreut. Das Geld floss in ihren Lebensstil. So bewohnte sie in Kopenhagen mit einem Monatsgehalt von 13 000 Franken zwei Villen, für deren Renovation sie 18 Millionen Franken ausgab. Und nach zwei Einbrüchen engagierte sie Sicherheitsleute, die sie und ihre Kinder rund um die Uhr bewachten.

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Starthilfe in Zürich

Nun ermitteln in Kopenhagen und Zürich die Behörden. Der Verwaltungsrat liess den Konzern von einer Revisionsfirma durchleuchten. Als der Bericht Ende März vorlag, blieb Konzernchef Guy Dubois keine Wahl. Am 4. April trat er von all seinen Ämtern zurück. Für das Unternehmen ist es ein Desaster. Offiziell heisst es, die Verbindungen zwischen den Familien Dubois und Jacobsen hätten den Anschein eines Interessenkonflikts erwecken können. Das beeinträchtige die Autorität.

Doch leichtfertig lässt kein Verwaltungsrat einen Chef gehen, der den Gewinn massiv gesteigert und die Marktkapitalisierung mehr als verdreifacht hat. «Die Bande zwischen Dubois und Jacobsen waren viel enger, als alle glaubten», erzählt einer, der mit den Verhältnissen vertraut ist. Wann genau die Beziehung zwischen dem Konzernchef und der für das Nordeuropa-Geschäft zuständigen Jacobsen persönlich wurde, ist unklar.

Insider berichten, dass die Betrügerin in Absprache mit Dubois letzten Oktober von Dänemark nach Zürich übersiedelte. Offenbar soll der Konzernchef der Managerin auch geholfen haben, sich in Zürich niederzulassen und Fuss zu fassen. Hier fuhr sie einen Ferrari und einen Rolls Royce. Das Appartement an der Scheideggstrasse soll monatlich weit über 10 000 Franken gekostet haben. Ihr Vater stamme aus vermögenden Verhältnissen, erzählte Jacobsen jeweils. Eine Lüge.

Auch Dubois’ Frau kümmerte sich um die Familie Jacobsen mit ihren zwei Kindern, heisst es aus dem Umfeld des Ex- Konzernchefs. Die Verflechtungen gingen über nachbarschaftliche Beziehungen hinaus. Zum Repertoire Jacobsens gehörte es, einflussreichen Personen Geschenke zukommen zu lassen oder sie auf Reisen einzuladen. Auch Dubois profitierte offenbar davon. «Er hat sich damit in ein untragbares Abhängigkeitsverhältnis begeben», sagt eine mit der Sachlage vertraute Person. Dubois, der Gategroup drei Jahre lang führte, will sich dazu nicht äussern.

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Warnungen wurden ignoriert

Er war nicht der einzige mächtige Mann in Jacobsens Entourage. «Sie hat verschiedene Leute in Spitzenpositionen umgarnt», schildert der Insider. Es fallen etwa die Namen von Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo oder von Unternehmer Mohamed al-Fayed. Innerhalb von Gategroup soll sie zu mehreren Führungspersonen bis ganz nach oben «enge private Beziehungen» unterhalten haben. Was davon wahr ist, ist derzeit nicht überprüfbar.

Dabei gab es schon früh warnende Stimmen. Laut der dänischen Zeitung «Ekstra Bladet» reiste Jacobsen im Herbst 2003 nach Oslo. Dort leerte sie den Banktresor der lokalen Gategroup-Tochter. Auf dem Weg zurück wurde sie am Zoll verhaftet. Sie hatte einen Koffer mit 30 bis 50 Kilo Geld dabei. Undeklariert darf man solche Mengen nicht nach Dänemark einführen. Schon damals informierte Niels Patterson, Chef von Gategroup Norwegen, den Personalverantwortlichen für Europa und forderte Massnahmen. 2005 informierten zwei Angestellte in Dänemark das lokale Management, dass Jacobsens Lebenslauf gefälscht sei. Der Abschluss an der Universität und Arbeitszeugnisse waren frei erfunden. Passiert ist nie etwas. Dubois sagte dem «Tages-Anzeiger» vor zwei Wochen: «Wenn jemand intern aufsteigt, so wie im Fall Amanda Jacobsen, werden die Angaben im Lebenslauf nach der Anstellung nicht wieder überprüft.»

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Die geständige Jacobsen wohnt inzwischen an einem geheim gehaltenen Ort in Dänemark. Die Behörden entliessen sie aus der Untersuchungshaft, damit sie sich um ihre beiden Söhne kümmern kann. Ihr Mann hatte sich Ende Februar das Leben genommen.
 

Gategroup: Gewinnsprung unter Dubois

Mit neuem Chef aufgeblüht
Nach dem Krisenjahr 2009 führte Guy Dubois das Catering-Unternehmen letztes Jahr zu starkem Gewinnwachstum. Das Konzernergebnis stieg um mehr als ein Drittel auf 50,7 Millionen Franken. Der 51-jährige Belgier war seit 2003 bei der Ex-Swissair-Tochter an Bord, seit Herbst 2008 als Konzernchef.

Ad interim
Nach Dubois Absetzung als Konzernchef und Verwaltungsrat übernimmt Andrew Gibson, Leiter des Nordamerika-Geschäfts, interimistisch die Leitung des Unternehmens.