Als Daimler im Jahr 2017 mit elf Prozent beim deutschen Unternehmen Volocopter eingestiegen ist, waren Lufttaxis ist der öffentlichen Wahrnehmung kaum verbreitet. Das änderte sich schlagartig nach dem bekannten Interview der deutschen Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, im Sender ZDF im Fühling 2018. 

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Digitalisierung sei nicht nur Breitbandausbau, sondern auch die Möglichkeit mit Flugtaxis zu reisen — sagte sie zusammengefasst im ZDF Heute-Journal. Die Vielzahl der Zuschauer wurde wohl mit der Aussage vor rund anderthalb Jahren überrascht, doch die Forschung in dem Bereich scheint schnell voranzuschreiten.

50 Millionen Franken frisches Geld

Das zeigt ein neuer Deal der Firma Volocopter, der heute bekannt wurde. Daimler und der chinesische Grossaktionär Geely weiten nämlich ihre Kooperation auf Flugtaxis aus. Der chinesische Konzern steigt über eine Finanzierungsrunde bei der deutschen Flugtaxi-Firma ein.

Angeführt von Geely sammelte Volocopter bei der abgeschlossenen Finanzierungsrunde 50 Millionen Euro ein, insgesamt hat die Firma damit 85 Millionen Euro von Investoren erhalten. Die Gründer bleiben aber weiterhin Hauptanteilseigner. Rene Griemens, Finanzchef bei Volocopter, betont gegenüber der britischen Wirtschaftszeitung «Financial Times» (FT), dass Geely kein zum dominanter Investor sein werde: Die Firma «kauft nicht unsere Technologie und es gibt auch keinen Technologietransfer», zitiert ihn die Zeitung.

Neue Beschaffungsmöglichkeiten für Batterien

Die Partnerschaft mit Geely solle dem Startup vielmehr gute Beschaffungsmöglichkeiten bei grossen Batterieherstellern bieten und Volocopter könne Geely auch auch als Fertigungspartner in China dienen.

Die helikopterähnlichen Flugtaxis mit Elektroantrieb sollen vor allem in stau- und smoggeplagten Megacities unter anderem in China zum Einsatz kommen. In den kommenden drei Jahren will die Firma ihr erstes Modell marktfähig machen. Geely ist dafür ein wichtiger Partner — ist das Unternehmen nicht nur Grossaktionär von Daimler und Mutterkonzern des schwedischen Autobauers Volvo, sondern selbst einer der grössten Autoproduzenten Chinas. Besonders aktiv ist Geely dabei im Bereich E-Autos.

BERLIN, GERMANY - MAY 25: Michael Müller tries out a Volocopter during day 3 of the Greentech Festival at Tempelhof Airport on May 25, 2019 in Berlin, Germany. The Greentech Festival is the first festival to celebrate green technology and to accelerate the shift to more sustainability. The festival will take place from 23 to 25 May 2019 on the grounds of the former airport Berlin Tempelhof. (Photo by Axel Schmidt/Getty Images for Greentech Festival)

Volvocopter: Das Flugtaxi könnte sich gut für Chinas Megastädte eignen.

Quelle: Getty Images for Greentech Festi

Grosses Potential in China

Das Investment eines der grössten Mobilitätsunternehmens Chinas zeigt die Bedeutung der Technologie. Laut einer Studie der US-Investmentbank Morgan Stanley belaufe sich das Marktvolumen für den Transport von Menschen in Grossstädten im Jahr 2040 auf 674 Milliarden US-Dollar, berichtet die «FT». Gerade in Chinas, von schlechter Luft geplagten Grossstädten könnte ein Transport per Flugtaxi einerseits die Umwelt entlasten, andererseits die Menschen schneller von A nach B bringen, als eine Auto.

Doch es ist nicht nur dieser Deal zwischen Geely und Volvocopter, der zeigt, dass Investments von China in deutsche Startups immer wichtiger werden. Nach Daten des niederländischen Informationsdienstes Dealroom spielte China bis zum Jahr 2016 als Investor für deutsche Startups kaum eine Rolle. Doch seitdem kam es zu einem sprunghaften Anstieg: 2017 beliefen sich die Beteiligungen bereits auf 100 Millionen Euro, 2018 sind es schon 300 Millionen Euro.

Chinas Bedeutung steigt

Damit liegt China zwar noch deutlich hinter den USA und Kanada mit einer Milliarde Euro, doch Deals wie der Einstieg Geelys bei Volocopter steigt die Bedeutung Chinas weiter. Ein anderes Beispiel: Im Januar kaufte der chinesische Internethandelskonzern Alibaba für 90 Millionen Euro den Berliner Datenverarbeiter Data Artisans. Das Startup kann in kurzer Zeit eine grosse Menge an Daten analysieren und verarbeiten.

Was anhand der Technologien auffällt, in die China investiert: Vor wenigen Jahren wären solche Innovationen in China gefördert worden, heute kaufen die Firmen Innovationen aus Europa — und damit auch Deutschland — zu. Risikokapitalgeber Klaus Hommels warnt in diesem Zusammenhang im «Handelsblatt,. Er sieht es problematisch, dass deutsche Startups auf grosse Kapitalgeber aus dem Ausland angewiesen sind. 

Problematische Abhängigkeit

 «Es kann doch nicht sein, dass wir die Firmen erst hochpäppeln — auch mit staatlicher Unterstützung — und sie dann zum Ausverkauf stellen», sagte er bereits nach dem Kauf von Data Artisans durch Alibaba im Januar dieses Jahres.

Ein weiteres Problem, das Hommels sieht, ist der zunehmende Einfluss von internationalen Managern in deutschen Startups. Sind es Investoren aus den USA oder China, die den Grossteil von Finanzierungsrunden stemmen, dann «bestimmen andere über die Corporate Governance unserer Unternehmen — das können wir nicht wollen», sagt er der Zeitung.

Sinkende Investitionen

Interessant: Während Chinas Investitionen in deutsche Startups zunehmen, gehen die Gesamtinvestitionen in Firmen zurück. Laut einer Studie der Unternehmensberatung EY gab es 2018 in Deutschland keine einzige grössere Übernahme mehr. Firmen aus China haben demnach in Deutschland 505 Millionen US-Dollar (460 Millionen Euro) investiert. 2018 waren es im Vergleich dazu mehr als zehn Milliarden US-Dollar (neun Milliarden Euro) gewesen. Das entspricht einem Rückgang von 95 Prozent.

Chinas Strategie scheint sich zu ändern: lieber frühzeitig und vergleichsweise günstig in innovative Startups zu investieren und deren Technologien — wenn möglich — zu kaufen, anstatt später Milliarden für etablierte, deutsche Grossunternehmen auszugeben.

Dieser Artikel erschien zuerst bei «Business Insider Deutschland» unter dem Titel: «Geely steigt bei deutschem Flugtaxi-Startup Volvocopter ein — Der Deal zeigt die neue Strategie Chinas».