Diesmal ging die Staatsanwaltschaft mit besonderer Akribie zur Sache. Drei Tage lang durchstöberten Beamte die Geschäftsräume von Roche Pharma im deutschen Grenzach. Gleichzeitig wurden bundesweit Geschäftsräume, Privatwohnungen sowie Büros von Steuerberatern durchwühlt. Der Vorwurf lautet: Bestechung im Gesundheitswesen. Und mittendrin steht der honorige Basler Pharmakonzern Roche.

Ob es je zu Anklagen kommt, ist offen. Der Fall aber weist auf das abschüssige Terrain, auf dem Roche, ja die gesamte Pharmabranche, agiert.

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Es geht um jenen Ort, wo die Marketingmanager von Big Pharma mit den Leistungserbringern im Gesundheitswesen – Ärzten, Apothekern, Klinikleitern, Gesundheitsorganisationen, Branchenverbänden – fraternisieren. Und wo riesige Geldsummen die Hand wechseln.

458 Milliarden in drei Jahren

Fast eine halbe Milliarde Franken – exakt 458 Millionen Franken – haben Roche, Novartis, Pfizer und Co. in den letzten drei Jahren in dieser Schnittstelle investiert. Mal ging es um die Finanzierung von Forschungsprojekten, mal um Kostenübernahmen bei Fachkongressen, um Einladungen und Hotelübernachtungen. Die Zuwendungen in Millionenhöhe bergen Risiken und schaffen Anreize, die zum Verschreiben von teuren Medikamenten oder gar zu Fehlbehandlungen verleiten können.

Vor einer vorschnellen Hexenjagd sei allerdings gewarnt. Durchaus sinnvoll ist, dass die forschungsintensive Industrie den Kontakt zu Fachärzten und Unispitälern pflegt. Der wissenschaftliche Austausch hilft der Qualitätssteigerung – und damit den Patienten.

Heikel wird es aber, wenn aus der Firmenkasse Millionen fliessen und diese auch noch kaschiert werden. Seit 2015 bemüht sich die Branche, mit einem Transparenz-Kodex etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Das ist zu begrüssen. Doch dies ist nur ein erster Schritt. Wenig vertrauensbildend ist, dass die Offenlegung weiter freiwillig ist.

Und dass ein Viertel der Ärzte das Industrie-Sponsoring nicht offenlegen, ist ein Skandal. Zudem ist die Aufbereitung der Finanzflüsse aufwendig, wie die Datenanalysten von «Beobachter», «Blick», «Handelszeitung» und «Le Temps» bei ihrer Recherche erfahren haben.

Nächste Stufe: Regulierung

Die Pharmabranche jedenfalls tut gut daran, wenn sie die Direktzuwendungen massiv reduziert und die mit ihr kooperierenden Ärzte zu Offenlegung zwingt. Denn die ausufernden Kosten im Gesundheitswesen, die uns – trotz milliardenschweren Zuschüssen – Jahr für Jahr rekordhohe Krankenkassenprämien bescheren, haben die Politik längst alarmiert. Und zum Handeln animiert.

Diese Woche hat der Bundesrat beschlossen, bei den rezeptpflichtigen Heilmitteln anzusetzen. Per Gesetz will er künftig geldwerte Leistungen von Big Pharma massiv einschränken. Nur noch Zuwendungen von maximal 300 Franken pro Fachperson und Jahr sollen erlaubt sein.

Pharmagelder Schweiz

Wer bezahlt wen und wofür?

Recherche Sehen Sie selbst, welche Leistungen die Pharmaindustrie Ärzten, Spitälern und anderen Institutionen der Gesundheitsbranche zukommen liess: Auf www.pharmagelder.ch machen die Schweizer Medien des Ringier Axel Springer Research Network die Daten zugänglich und durchsuchbar. Die Daten zu Tausenden Einzelzahlungen stammen von 60 Pharmafirmen, die sie gemäss Pharma-Kooperations-Kodex des Verbands Scienceindustries offengelegt haben.

Netzwerk «Pharmagelder Schweiz» ist ein Projekt des Ringier Axel Springer Research Network. Im Netzwerk arbeiten Journalisten  verschiedener Medien bei transnationalen, datengetriebenen oder investigativen Projekten zusammen. Teil davon sind: «Beobachter», «Blick»- Gruppe,«Handelszeitung» und «Le Temps» (Schweiz), «Welt» und «Bild» (Deutschland), «Pulse» (Nigeria), «Politico» (Belgien), «Onet» (Polen), «Business Insider» (Vereinigtes Königreich), «Aktuality. sk» (Slowakei), «Libertatea» (Rumänien), «Blic» (Serbien), «Blikk» (Ungarn).