Es ist selten, dass man im Finanzchef einer Grossfirma auch noch einen Alltagsphilosophen trifft, einen modernen Diogenes. Jemand, der die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft und den Menschen hinterfragt, der mit zum Teil unkonventionellen Ideen und Ansichten zum Nachdenken anregt, manchmal auch bewusst provoziert.

German Egloff, seit 1. Dezember 2004 Chief Financial Officer der Bâloise, ist eine solche Erscheinung. Obwohl er in den Teppichetagen eines Grossbetriebs wandelt, ist er sich und seinen Ursprüngen treu geblieben. «Er tut unserer Unternehmenskultur gut», meint ein Mitglied der Bâloise-Konzernleitung.

Das spürt man zunächst anhand der Sprache, in der elegante, geschliffene Formulierungen, die vom Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts stammen könnten, Fremdkörper wären. Egloff ist direkt: Seine Bilder und Vergleiche sind anschaulich, verständlich. Er hat sich dem Alltag der «Normalsterblichen» nicht entfremdet, kennt ihre Freuden, Probleme und Nöte.

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In Winterthur, wo er wohnt, ist er Aktionär des Casino-Theaters und Revisor im Rockcafé Albani. Seine musikalischen Jugendlieben, der Blues und die härteren Rhythmen, sind mit ihm gewachsen. Er habe Phonak-Aktien gekauft, meint er lachend, weil er zur «DeepPurple»- und «Emerson, Lake & Palmer»-Generation gehöre und sich durch die vielen Konzerte wohl mittelfristig ein Hörschaden manifestieren dürfte.

Die Haut über den Kopf gezogen

Auch wenn Egloff mit seiner Funktion als CFO gewisse Annehmlichkeiten durchaus zu schätzen weiss, so gutes Essen und exquisite Weine, trifft man ihn deswegen nicht häufiger an mondänen Orten, in der Oper oder in klassischen Konzerten an. Cüpli trinkend an Vernissagen sieht man ihn ebenso selten, obwohl er die Kunst schätzt. Er unterstützt primär junge Nachwuchskünstler, kauft ihre Werke, sitzt im Beirat der Winterthurer Künstlergruppe und hat als solcher kürzlich deren erstmalige Auktion mitinitiiert.

In seinem Büro hängt eine Bildmontage von Monica Studer und Christoph van den Berg, in der sämtliche Klischees der Schweizer Bergwelt vereint sind. Ein auf den zweiten Blick leicht irritierendes Bild. In den Augen Egloffs ein schönes Bild ein zu schönes, wie er hinzufügt. Warum? «Im Büro des Finanzchefs darf es nie zu gemütlich, zu harmonisch sein», erklärt Egloff. Bei der Zürich, wo er zuletzt tätig war, hingen drei Bilder, die rote Lötschentaler Masken auf schwarzem Grund zeigten. «Sie sahen aus, als ob ihnen jemand die Haut über den Kopf gezogen hätte. Es gab Gesprächspartner, die beim Betrachten der Gemälde Schweissausbrüche hatten.»

Basisökonomie und Zwangslose

Egloff ist an den Verhaltensweisen der Menschen interessiert. Er liebt es, Vorgänge zu beobachten wie Pendlerströme oder Kioske, wo am Samstagmorgen seltsame Zeitschriften und Lose en masse gekauft werden. Egloff gerät ins Grübeln, baut Theorien auf und zieht zum Teil unerwartete Konklusionen. «Niemand bezahlt gerne Steuern, aber die meisten Leute lieben die Lotterie. Warum könnte man die Bürger nicht dazu bringen, wöchentlich ein Zwangslos zu kaufen? 80% der Einnahmen flössen dem Staat zu, 20% würden verlost. Das wäre mal ein lustvoller Ansatz und gäbe», so ist Egloff überzeugt, «gigantische Gewinne.»

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Über das, was er «Basisökonomie» nennt, ist Egloff zum Marketing und zur Wirtschaft gekommen. Die Welt der Finanzen erlaube es, die Soziologie einer Gesellschaft und eines Unternehmens abzubilden, ein kompaktes Bild dessen zu geben, was in einem bestimmten Zeitraum passiert ist. Diese Kennzahlen nennt er «Symbolset».

Nach einem Studium der Betriebswirtschaft an der Universität St.Gallen kam der heute 47-Jährige eher zufällig zu den Winterthur-Versicherungen. Das war vor 20 Jahren, als er ein Angebot von Nestlé für einen Job in Malaysia ausgeschlagen hatte, weil er nach spätestens zehn Jahren wieder in Europa sein wollte, was ihm der Lebensmittelkonzern nicht garantieren wollte. Er entschied sich in der Folge für die Assekuranz. Und allmählich begann ihn die komplexe Materie zu faszinieren.

Eine Versicherung ist besser als zwei Rottweiler

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Er betont dies, weil die Versicherungen nie im Trend seien. «Es steht niemand am Morgen auf und sagt: Heute kaufe ich mir eine Versicherung. Wer dies tut, ist krank.» Egloff ist es ein Anliegen, folgenden Gedanken unter die Leute zu bringen: Eine Versicherung ist da, damit nichts passiert. Seiner Meinung nach hat es die gesamte Branche in den vergangenen Jahren verpasst, diese Botschaft unter die Leute zu bringen.

«Angenommen, jemand hat zwei wertvolle Bilder. Wie kann man sie vor einem Diebstahl schützen?» Laut Egloff gibt es drei Möglichkeiten. Erstens: Man kauft zwei Rottweiler, die pro Jahr für rund 5000 Fr. Fleisch essen. Zweitens: Man lässt die Bilder rund um die Uhr bewachen, was wohl mindestens 500000 Fr. kostet. Oder drittens: Man schliesst eine Versicherung für 1000 Fr. ab. Bei einem Diebstahl werden die Bilder sogar ersetzt, was in den ersten beiden, teureren Szenarien nicht der Fall ist. Allen dreien ist eines gemeinsam: Die Bilder sollen nicht gestohlen werden. Dieses Prinzip gelte es zu verstehen.

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Im Gespräch kommt wiederholt die Sorge darüber zum Ausdruck, dass die Gesellschaft immer stärker reguliert wird. Die Dichte an Gesetzen, Auflagen und Regeln nehme laufend zu, und es werde zusehends schwieriger, sich dagegen zu wehren.

Fragezeichen setzt er beispielsweise hinter die Einführung der Sarbanes-Oxley Act. Die Kosten seien immens und werden letztlich von den Kunden, von den Konsumenten getragen; dessen sei sich die Politik, die solche Regeln grosszügig verabschiedet, viel zu wenig bewusst. Zudem frage es sich, ob das Ganze auch zweckdienlich sei; kriminelle Energie werde ja durch Regeln nicht gebremst. Hoffnung, dass sich diese Mentalität ändern könnte, hat Egloff nicht. «Das ganze System ist zu fein ineinander verzahnt, und viele leben inzwischen von dieser Ineffizienz.»

Mit oder ohne Wohnwand?

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Egloff setzt sich auch intensiv mit dem Individuum auseinander. Für ihn gibt es zwei Kategorien von Menschen: «Solche, die mit einer Wohnwand leben, und solche ohne», lautet sein Kommentar. Und damit hat er ins Schwarze getroffen: Sofort beginnt man, vor dem geistigen Auge die Wohnungen und Häuser seiner Freunde und Bekannten nach Wohnwänden zu durchforsten, sucht nach Typologien und hat das eine oder andere Aha-Erlebnis.

Eine zweite Überlegung ist im Laufe des ausführlichen und abwechslungsreichen Gesprächs haften geblieben. «Wenn ich mit Mitarbeitern ein Problem habe, stelle ich mir zwei Fragen: Würde ich mit dieser Person freiwillig eine Firma gründen, und würde ich mit derselben Person nach Feierabend freiwillig ein Bier trinken?» Egloff lässt die Frage bewusst eine Zeit lang im Raum schweben und kommt zur Schlussfolgerung: «Die gefährlichsten Mitarbeiter sind jene, mit denen man freiwillig ein Bier trinkt, aber nie eine Firma gründen würde.»

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Steckbrief

Name: German Egloff

Funktion: CFO Bâloise-Gruppe

Alter: 47

Wohnort: Winterthur

Familie: Ledig, 1 Sohn

Karriere

1985-1997 Verschiedene leitende Funktionen bei den Winterthur-Versicherungen

1997-1998 CEO Wincare

1998-2002 CFO Winterthur-Versicherungen

2002-2004 CFO Zurich Financial Services, Schweiz

Seit 2004 CFO der Bâloise-Gruppe

Firma

Bâloise-Gruppe Sie ist im Schweizer Versicherungsmarkt der viertgrösste Anbieter integrierter Lösungen für Versicherung, Vorsorge und Vermögensbildung für Privatkunden und Unternehmen. Im letzten Jahr erzielte der Konzern bei Brutto-Prämieneinnahmen von 7022 Mio Fr. (3081 Mio Fr. Leben, 3956 Mio Fr. Nichtleben) einen Gewinn von 222 Mio Fr. Zur Gruppe, die ihren Hauptsitz in Basel hat, gehört auch die Bâloise Bank SoBa. Die Aktie hat dieses Jahr um 22% zugelegt. Die Combined Ratio (Schaden-/Kostensatz zur Prämie) wurde 2004 um 4,6 Prozentpunkte auf 93% gesenkt.

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