«Es war schwieriger denn je», sagt Rudolf Volkart vom Schweizer Bankeninstitut. Der Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich hat festgestellt, dass das Niveau der Geschäftsberichte generell gestiegen ist. Die Jahresberichte seien informativer im Gehalt und professioneller in der Umsetzung geworden. «Es sind aber mehrere Faktoren, die eine Wertung schwierig und auch subjektiv machen», so Volkart. Die textlichen und grafischen Umsetzungen seien so verschieden, dass ein Vergleich einer Gratwanderung gleichkomme. Die einen Firmen produzierten dicke Bücher wie Nestlé, Novartis oder UBS, während sich andere wiederum kurz und konzis hielten, so zum Beispiel der Schaffhauser Technologiekonzern Georg Fischer oder die Bank Coop. «Deshalb ist beim Rating keine wissenschaftliche Exaktheit möglich», sagt Volkart.

Die Jury jedenfalls, die im BILANZ-Geschäftsberichte-Rating den Gesamt­sie­ger zu küren hatte, machte es sich nicht leicht. «Es wurde heftig diskutiert», sagt Jurypräsidentin Gaby Tschofen rückblickend. Um die Platzierung der acht Firmenberichte, die es in die letzte Runde schafften, wurde lange gerungen (siehe «Die Gewinner in der Gesamtwertung» auf Seite 85). Am Beispiel des Syngenta-Berichts lassen sich die engagierten Diskussionen um die vordersten drei Plätze exemplarisch aufzeigen. Für einige Jurymitglieder hat Syngenta einen hervorragen­den Geschäftsbericht vorgelegt, gut strukturiert, leserfreundlich und informativ. «Aufgefallen ist vorab, dass die Bereiche Corporate Governance und der Vergütungs­teil sehr ausführlich dargestellt sind», sagt Jurymitglied Philipp Hallauer. Auch die Holding- und die finanzielle Berichterstattung insgesamt seien sehr professionell aufgemacht. Beim Value Reporting liegt Syngenta folglich auf einem guten sechsten Platz. Für andere Mitglieder der Jury widerspiegelt der Bildteil des Syngenta-Jahresberichts eine künstliche, sterile Sicht der Landwirtschaft. «Syngenta pflegt einen fotografischen Stil, der sich an die achtziger Jahre anlehnt», urteilte Jurymitglied Peter Vetter. Zudem wurde die Leserführung als nicht sehr geglückt taxiert. Damit fiel der Agrochemie-Konzern aus der Wertung.

Straumann unangefochten. Bei der Gesamtwertung obenauf schwang zum zweiten Mal in Folge das Medizinaltechnikunternehmenen Straumann, gefolgt von Novartis und der Credit Suisse, wobei Letztere es in den vergangenen fünf Jahren nie auf einen der drei ersten Plätze brachte (siehe «Die Sieger der letzten fünf Jahre» auf Seite 87). Straumann war unangefochten der Favorit in der Gesamtwertung. Sehr schnell war sich die Jury einig, dass der Medizinaltechnik-Rapport ganz vorne mithalten würde. «Straumann war immer in der Pole Position», kommentiert Gaby Tschofen den Sachverhalt. Das Bildkonzept der sich küssenden Paare sei zwar weniger prägnant als im Vorjahr, als das Thema Lachen fotografisch im Zentrum stand. Überzeugt hat Straumann aber insgesamt. Das Geschäft wird sehr gut erklärt, und es kommt auf sehr sympathische Art herüber. «Ein kleineres Unternehmen mit beschränkten Mitteln macht einen Top-Geschäftsbericht», kommentierte Jurymitglied Andreas Jäggi. Bei den beiden übrigen Wertungen war Straumann interessanterweise nie top gesetzt. Beim Value Reporting liegt die Firma auf Rang 13 und bei der Gestaltung gar nur auf Platz 28.

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Anders Novartis, die Nummer zwei: Bei den Informativsten liegt sie auf dem achten Rang, und bei den Schönsten ist sie gar die Nummer sechs. Novartis, so die Jury, sei es gelungen, ihr «komplexes Geschäft einfach darzustellen». Für den informativen Teil heimste der Basler Pharmakonzern ein ganz dickes Lob ein, während die Leserführung auf weniger Begeisterung stiess. Ausschlaggebend für den zweiten Rang waren die Bildsprache und die Struktur des Berichts. Sensationelle Schwarzweissfotos der italienischen Fotografin Giorgia Fiorio begleiten den Bericht über die ganzen 258 Seiten hinweg. Im Textteil überzeugte, dass Kernaussagen sowie wichtige Daten einge­rahmt und in dezentem Gelb unterlegt sind.

Fehlender Mut für Neues. Dass Credit Suisse zu Bronze kam, verdankt sie vorab dem Umstand, dass sie neben dem eigentlichen Geschäftsbericht zusätzlich eine 70-seitige Kurzfassung, den Jahresbericht, veröffentlichte. Der Geschäftsbericht dagegen ist über 400 Seiten stark und – so ein Jurymitglied – lasse dem Leser keine Chance, einen Überblick zu gewinnen. Eine Schwachstelle ortete die Jury auch im Design­bereich, insbesondere beim Bildkonzept, das wenig kohärent sei. Als stark bewertet wurde, dass die CS einen separaten Corporate Citizenship Report publizierte, in dem sie über gesellschaftliche, öko­logische wie auch soziale Fragen Rechenschaft ablegt.

Kein eigentlicher Sieger kristallisierte sich bei der Wertung durch die Gestaltungsjury heraus. Sie vergab fünf erste Plätze ex aequo an die Bank Coop, die Basler Kantonalbank, Migros, Valora und die VP Bank. Die Jury stellte in ihrem kurzen Bericht fest, dass von den 129 untersuchten Berichten «gerade deren 42 über der Note 4 liegen». Dies entspreche lediglich einem Drittel der beurteilten Berichte. Damit habe sich zwar nicht die Zahl der schwachen bis durchschnittlichen Berichte verändert. Aber es bestehe eine «Tendenz zur Mittelmässigkeit», es fehle der Mut, etwas Neues, Unvorherge­sehenes zu ralisieren.

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Sympathische Bank Coop. Immerhin haben die fünf schönsten Rapporte eine Note deutlich über 5 realisiert (siehe Tabelle «Die 50 Schönsten» auf Seite 87). Die Bank Coop besticht durch die sehr gute Gliederung und Struktur des Berichts. Sachliche Inhalte stehen in gekonntem Wechselspiel mit Reportage-Elementen über Leute, die ihr Leben positiv veränderten, indem sie sich ökologisch oder ­sozial engagierten. Die sympathische Botschaft der Coop Bank: «Wir engagieren uns für Menschen, die sich engagieren.»

Der Geschäftsbericht der Basler Kan­tonalbank fällt durch sein vornehmes Design, eine gekonnte Leserführung und anspruchsvolle Fotografien auf. Der Finanzteil ist in der gleichen Qualität umgesetzt, die den ganzen Bericht charakterisiert. Im Bildteil stellen die Basler Kantonal-Banker Menschen in ihrem Umfeld und mit ihren Projekten vor. Zusätzlich werden die Fotografien mit Text-Inserts spannungsvoll unterteilt.

Abgehobene Migros. Bei der Gestaltungswertung vorne mit dabei ist einmal mehr der Migros-Bericht. In den beiden Vorjahren lag er bei der Wertung je auf dem dritten Platz. Die Migros legt zwei verschiedene Berichte auf, den Geschäfts- und den Finanzbericht, wobei Letzterer bei der Gesamtwertung nicht sonderlich gut abschnitt. «Die Informationen», so lautete das Urteil, «sind zu dürftig ausgefallen.» Der Detailhandelskonzern hat den Reportageteil konsequent vom eigentlichen Geschäftsbericht getrennt. Die sechs Reportagen über die Entstehung von Produkten der Séléction-Linie sind hervorragend gestaltet und fotografiert. «Aber», so ein Jurymitglied, «das Ganze wirkt doch etwas sehr abgehoben.»

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Sehr gediegen kommt der Valora-­Bericht daher. «Die Firma», sagt Gestaltungsjury-Präsident Peter Vetter, «pflegt seit ein paar Jahren einen eigenständigen, frischen Stil, der sich durch eine äusserst gepflegte Typografie und informative Illustrationen auszeichnet.» Die diesjährige Ausgabe entspreche indessen nicht der Qualität der Jahre 2005 und 2007, als der Kiosk-Konzern beim Design unangefochten an der Spitze lag. Rang 10 im Jahr 2006 und Platz 14 im Vorjahr: Die VP Bank kommt bei der Gestaltungsjury offenbar sehr gut an, was Peter Vetter bestätigt: «Sie verfolgt seit Jahren einen absolut eigenständigen Ilustrationsstil und postioniert sich dadurch als eigentliche Lifestyle-Bank.» Der Jahresbericht sei verspielt und doch informativ gestaltet – mit gepflegten Grafiken und Tabellen, die durch grosszügige Illustrationen unterbrochen seien.

Tatsächlich kommt die VP Bank auch beim Value Rating auf einen der vorderen Ränge. Sie schaffte es zwar nicht aufs Podest; dieses ist dem Industriekonzern Georg Fischer, der UBS und der St.  Galler Kantonalbank vorbehalten. Aber mit dem achten Platz pflegt die kleine Liechtensteiner Bank den besseren Informationsstandard als Schweizer Grosskonzerne wie Roche (11), Credit Suisse (14), Swiss Re (17) oder ZKB (19).

Lob für die UBS. Der Sieger im Value Reporting, Georg Fischer, markiert den puren Kontrapunkt zum Geschäftsbericht von Migros, Valora oder VP Bank: Er ist so kurz wie kein anderer – sein Umfang beträgt nur 110 Seiten. Er ist nüchtern – der Bildteil ist strikte aufs Kerngeschäft fokussiert. Und er ist von einer stringenten Sachlichkeit geprägt – über sämtliche nichtfinanziellen Essentials wie Nachhaltigkeit, Risikomanagement, Corporate Governance und die Vergütungsfrage wird in übersichtlichen Kapiteln eingehend Rechenschaft abgelegt. «Der Geschäftsbericht», so Jurypräsident Volkart, «zeichnet sich durch eine kompakte und sehr informative Darstellung aus.» Dies betreffe insbesondere die sehr wichtigen nichtfinanziellen Informationen. Viel Lob hat Volkart auch für die UBS, deren Risiko­berichterstattung er als beispielhaft würdigte. Die UBS liefere aber auch wertvolle Hintergrundinformationen zu Produkten, Märkten und strategischen Aspekten. Hoch bewertet hat die Jury auch die St.  Galler Kantonalbank, ein weiteres Finanzinstitut. Neben den Hintergrund- und Risikoinformationen hob sie insbesondere die übersichtliche und kompakte Präsentation hervor.

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«Mit dem Geschäftsberichte-Rating», so fasst Jurypräsident Rudolf Volkart zusammen, «wollen wir das Bewusstsein für die Wesentlichkeit der Informationen fördern.» Es gehe darum zu verstehen, was die Firma mache und welches ihre Kompetenzen seien. Aber nicht nur das. Das Rating wurde bewusst in zwei Teil- und eine Gesamtwertung gegliedert, in die beide Teilwertungen gleichermassen einfliessen. «Wichtig ist das Visuelle», sagt Gaby Tschofen, «es muss gut aussehen und mich persönlich ansprechen.» Und die relevanten Informationen müssten schnell zu finden und kompakt präsentiert sein. In beiden Bereichen, so das Fazit, bestehe bei der Unternehmensberichterstattung noch Handlungsbedarf.