Der Vortrag des Glasfabrikanten Erich Trösch (46) (Bild) vor Fachpublikum ist durchsetzt mit Superlativen. In Werkhallen der Familienfirma entstehen nach Überzeugung des Chefs «die hochwertigsten Isoliergläser der Welt». Trösch-Glaser fertigen Glasscheiben für die Solarindustrie und produzieren «das schnellste Autofenster», nämlich Windschutzscheiben für den im Strassenverkehr zugelassenen Bugatti Veyron, der eine Spitzengeschwindigkeit von 407 Kilometern pro Stunde erreicht. Ausserdem fertigen sie «das schnellste Zugfenster» an, die Frontscheibe für die Hochgeschwindigkeitslokomotive Velaro, die mit knapp 400 Sachen durch Zentralchina rast.

Einem breiten Publikum mag der diplomierte Ingenieur ETH mit zusätzlichem MBA-Abschluss der Kaderschmiede IMD in Lausanne diese Rekorde nicht präsentieren. «Wenn ich Swatch verkaufen würde, hätte ich sicherlich fünf Uhren am Arm», meint er. Nur: Seine Familienfirma brauche solche Werbung nicht, weil Trösch keine Endkunden beliefert. Kaufentscheidungen zugunsten von Trösch fielen nicht aufgrund des Bekanntheitsgrades, sondern wegen der technischen Überlegenheit. «Unsere perfekte Verarbeitungsqualität ist unvergleichlich.»

Offensichtlich weiss die Fachwelt, was Glas Trösch kann. Hundertschaften von Architekten und Bauingenieuren, die jahrein, jahraus ins gläserne Paradies an die Industriestrasse in Bützberg pilgern, bringen eigene Ideen hinein und tragen die letzten Innovationen in die Welt hinaus. Nichts scheint unmöglich.

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4317 Mitarbeitende standen zur Jahresmitte auf den Gehalts- und Lohnlisten von insgesamt 59 Trösch-Betrieben in sechs Ländern. Mit 1443 Arbeitsplätzen liegt der Heimatmarkt Schweiz knapp vor Deutschland, wo die Tochtergesellschaft Glas Trösch Euroholding im grenznahen Bad Krozingen insgesamt 1397 Arbeitsplätze überwiegend bei Ablegern im Süden der Bundesrepublik ausweist. Drittgrösster Standort ist neuerdings die Ukraine, wo der mittlerweile auch Russisch sprechende Fabrikant aus dem Oberaargau in den vergangenen zwei Jahren neun Verarbeitungsfabriken mit bereits mehr als 800 Stellen in die Steppe gepflanzt hat, arrondiert mit einem ersten Ableger in Moldau. Die Begeisterung in Osteuropa vergleicht der Schweizer Investor mit dem Elan im Westen vor drei, vier Jahrzehnten.

Moderne Baudenkmäler. Beliefert werden die Betriebe dort mit Flachglas aus dem eigenen Floatwerk (Flachglaswerk) im polnischen Ujazd bei Lodz, das mit einer Tagesproduktion von 1000 Tonnen das grösste der inzwischen vier eigenen Glaswerke ist.

Die Investition allein in Polen beziffert Trösch mit «rund 300 Millionen Franken», geizt jedoch mit weiteren Kennziffern. Gesetzliche Pflichten zur Veröffentlichung wesentlicher Firmendaten in Deutschland und Frankreich (303 Mitarbeitende) ärgern ihn, weil Konkurrenten mit multinationaler Marktmacht wie die japanische Nippon Sheet Glass (NSG) mit ihrer britischen Tochter Pilkington oder die französische Saint-Gobain-Gruppe auf diese Weise Einblick in hochsensible Geschäftsabläufe von Trösch bekommen. «Umsatz ist kein Ziel, entscheidend ist das Resultat», doziert Erich Trösch, CEO, Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Dachgesellschaft Glas Trösch Holding. Schuldig bleibt er allerdings beide Zahlen.

Lieber präsentiert er neuzeitliche Baudenkmäler, deren Optik Trösch-Glas prägt. Der Heimatkanton Bern, insbesondere die Hauptstadt, wirkt wie ein überdimensioniertes Schaufenster für Werkstücke aus Trösch-Fabriken. Am Bundeshaus in Bern lassen sich Glaskomponenten der Firma ebenso besichtigen wie am gläsernen Baldachin über dem Berner Bahnhofplatz oder bei den Glaselementen des geschwungenen Kunstzentrums Paul Klee.

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Wer denkt, die Vergabe dieser Aufträge verdanke Trösch etwaigen Lokalpatrioten in bernischen Gremien, verkennt die schon längst weltweit anerkannte Hightech aus der Trösch-Forschung. Architekturfachblätter sind hingerissen vom Hauptquartier des Telefonriesen Telefónica in Madrid, das mit unglaublichen 450 000 Quadratmeter Glas von Trösch eingefasst ist. «Das grösste Glas herstellende und verarbeitende unabhängige Familienunternehmen Europas» (Trösch über Trösch) rüstete den Swiss Tower in Dubai ebenso mit schattenspendendem Spezialglas der Marke Silverstar Sunstop aus wie das riesige, kreisrunde Aldar-Headquarter-Gebäude in Abu Dhabi. Und wer es einmal in den Walliser Alpen oberhalb von Zermatt auf 3000 Meter Höhe hinaufschafft, steht staunend vor der neuen Monte-Rosa-Hütte – rundum belegt und beklebt mit Dreifach-Isolierglas von Trösch. Dieses Höhenhaus gilt in der Welt der Klimaschützer inzwischen als Inbegriff für Energie- und Ressourceneffizienz.

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Die gigantische Menge an Energie für die Glasschmelze bezieht Trösch weitgehend von Erdgaslieferanten. Das Unternehmen partizipiert zunehmend auch am Boom der Solarstrombranche – als Lieferant der Glasscheiben, die für jedes Solarmodul verwendet werden. Im ostdeutschen Haldensleben, wo Trösch vor Jahren ein Floatglaswerk mit 600 Tonnen Tagesproduktion hochgezogen hatte, liess er im vergangenen Jahr eine Solarglasfabrik errichten. Neben Spezialgläsern für die Fotovoltaik-Modulhersteller sorgt Trösch dort auch für die Spezialbeschichtung der Dünnschichtmodule.

Was mit seinen Produkten bald schon einmal möglich sein wird, skizziert Visionär Trösch kurz und bündig: «Eine komplette Stadt aus Glas», mit Werkstücken der Firma im Aussen- wie im Innenbereich. Ganze Fluchten aus Glas setzen Innenarchitekten bereits in Büro- oder Hotelkomplexen ein, wie zum Beispiel im Zürcher Hotel Park Hyatt. Unter dem Logo Swissdouche fertigen Trösch-Handwerker komplette Duschkabinen aus Echtglas. Für täglich von Tausenden Passanten begangene Glastreppen (Swissstep) garantiert Trösch gar, dass sie dank spezieller Beschichtung noch nach Jahrzehnten ansehnlich sind.

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Hohe Multifunktionalität. Und das zu erschwinglichen Preisen. «Früher war Glas ein Material der Könige», sagt der Unternehmer und erinnert damit an schier unbezahlbare Gläser und Glasprodukte in inzwischen untergegangenen Monarchien. In der Mitte des 20.  Jahrhunderts setzte jedoch eine rasante Preisspirale nach unten ein: «Ein Kilo Glas kostet heute kaum 30 Rappen.» Nach oben ging parallel dazu die Qualität. «Unser Glas zersplittert nicht», schwärmt Erich Trösch und widerspricht, zumindest was seine veredelte Produktion betrifft, der Weisheit: «Glück und Glas, wie leicht bricht das.» Eine spezielle Kunststofffolie zwischen den Glasschichten verhindert Splitter. Die Folie ermöglicht zugleich farbenfrohe Gestaltungsmöglichkeiten. Fassaden können, wenn der Bauherr das wünscht, komplett mit bedruckten Folien bedeckt werden, was sich für Kunst am Bau oder für eine überdimensionierte Werbefläche nutzen lässt.

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Der Laie ist verwundert, wenn Trösch bemerkt, Glas sei «auf Druck belastbar wie Beton». Doch tatsächlich können Glaspfeiler längst Betonträger ersetzen, oder mit Silikon verklebte Glasscheiben tragen komplette Fassaden. «Man könnte noch grössere Glasflächen kleben», prophezeit Trösch, wenn erst einmal die «Backsteinlobby» mit ihren Abwehrkampagnen kein Gehör mehr finde. Statiker bestätigen fast grenzenlose Standfestigkeit; Umweltschützer rühmen die effiziente Wärmedämmung der Dreifach-Isoliergläser, die ganz natürlich den Energieverbrauch deutlich mindern. Ausserdem ist Glas rezyklierbar.

Sparfaktor Glas. Der findige Glasproduzent aus Bützberg liefert bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen plastischen Beitrag. Er präsentiert dem Besucher einen 40 Millimeter dünnen Glaskörper mit drei Schichten in der Grösse eines Ziegelsteins und schwärmt: «Der isoliert ebenso gut wie zwei Backsteinlagen mit zehn Zentimeter Glaswolle dazwischen.» Er rechnet vor, dass der Austausch veralteter Zweifach-Isoliergläser in einem Einfamilienhaus gegen sein Silverstar TRIII genanntes Dreifachglas jährlich mehr als 1000 Liter Heizöleinsparung bringt. «Wir erfüllen längst künftige Minergie-Standards für Fenster.»

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Das Firmenarchiv der Familie Trösch dokumentiert eindrücklich die technologische Entwicklung in der Glasindustrie. Den Anfang nahm die Unternehmensgeschichte im Jahr 1905, als Johann Friedrich Trösch in Bützberg als Hersteller von Schriftgläsern auffiel und ein Verfahren zur Übertragung von Bildern auf Glas und Porzellan entwickelte. Seine Erfindung löste auf Friedhöfen in der Umgebung einen kleinen Boom aus: Bilder von Verstorbenen zierten die Grabkreuze. Gründersohn Rudolf Friedrich Trösch liess 1938 die heutige Aktiengesellschaft ins Register eintragen, richtete eine Glasschleiferei ein und produzierte Spiegel.

Ohne die Leistung seines Grossvaters schmälern zu wollen, erinnert der heutige Chef daran, dass damals gerade einmal zwanzig Glaser für den Handwerksbetrieb Trösch werkelten. Die eigentliche Industrialisierung betrieben erst die Gründerenkel, die Gebrüder Heinz und Erwin Trösch, ab 1954. Sie brachten das erste Isolierglas auf den Markt, entwickelten und produzierten Glasbeschichtungen. Ohne die Erfindung der Flachglasfertigung wäre die rasante Entwicklung der internationalen Glasindustrie jedoch nicht möglich gewesen. Die dritte Generation fällte die wegweisende Entscheidung, selber Floatglas zu produzieren. Bei einer Temperatur von 1100 Grad Celsius ergiesst sich dabei geschmolzenes Glas über flüssigem Zinn und wird beim Erkalten zur Glasscheibe.

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Fabriken, die das Rohmaterial herstellen, gibt es in der Schweiz bis heute nicht. Scheiben mit den Massen 9 auf 3,2 Meter importiert Trösch aus einem eigenen Werk im elsässischen Hombourg.

Warum die Bützberger das unentbehrliche Basisprodukt jenseits der Grenze in Frankreich fertigen, erklärt der Chef plausibel mit einem Hinweis auf leidvolle Erfahrungen eines Konkurrenten. «Die Firma Guardian wollte vor Jahrzehnten in Schaffhausen ein Floatglaswerk bauen.» Das führte umgehend zu massiven Protesten von Umweltaktivisten gegen den Glashersteller aus der amerikanischen Stadt Auburn Hills, wo auch die Produktionsstätte von Chrysler ist. In Bützberg lenkten zu jener Zeit noch Vater Heinz Trösch (heute 76-jährig) und dessen Bruder Erwin (72) den Ausbau der Firmengruppe. Natürlich überlegten sie sich, welch grosse Unabhängigkeit ein eigenes Floatglaswerk garantieren würde. Aber: «Einen solchen Krieg wie Guardian in Schaffhausen wollten wir nicht», erzählt der heutige Trösch-Stratege.

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Für ihn als Junior eröffnete sich da rückblickend eine grosse Chance: Vater und Onkel beauftragten ihn, den gerade 30-jährigen, examinierten Maschinenbauer, für die Familie ein Floatglaswerk grenznah im Elsass zu bauen. Dass Erich Trösch erste Wahl war, lag auch daran, dass Onkel Erwin Trösch zwei Töchter hatte, die am Unternehmen weniger Interesse zeigten. Und auch Erich Tröschs drei eigene Schwestern gingen beruflich andere Wege; eine, Maya Trösch, sitzt inzwischen im Verwaltungsrat der Holding, präsentiert gerne Glaskunst, derzeit gerade eine Skulptur, die sie für die wichtigste Branchenmesse, Glasstec in Düsseldorf, gefertigt hat. Ausserdem kann die Heimatgemeinde der Tröschs mit dem «schönsten Kreisel der Schweiz» prunken, einem mächtigen gebogenen Glaskunstwerk auf der Insel des Kreisverkehrs am Ortsrand.

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Bundesrätliche Nähe. Der heutige Chef ist Vater und Onkel für eine weitsichtige Nachfolgeregelung dankbar, bei der mit Hans Baumberger in einer mehrjährigen Übergangsphase ein familienfremder Geschäftsführer für Harmonie sorgte. «Ein grosser Diplomat», rühmt Erich Trösch den Vermittler zwischen den Generationen, der auch heute noch dem Verwaltungsrat angehört. Prominentester Vertreter in diesem Gremium ist fraglos Johann Schneider-Ammann, ein guter Nachbar der Tröschs. Als eben gewählter Bundesrat wird Schneider-Ammann sein Mandat nach acht Jahren demnächst niederlegen. Das Ammann-Stammwerk in Langenthal liegt knapp zwei Kilometer von Bützberg entfernt.

Bei Ammann teilen sich bereits drei Familienstämme das Unternehmenskapital. Der Trösch-Patron, Vater von zwei Söhnen, zwölf und zehn Jahre jung, und einer achtjährigen Tochter, macht kein Hehl aus seiner Abneigung gegen eine zu stark zersplitterte Teilhaberschaft. «Für zwei Prozent Anteil lege ich mich doch nicht ins Zeug», nennt er offen seine Überzeugung. Als Mehrheitsaktionär wird er sich allerdings noch einige Jahre ins Zeug legen – und sicher auch in absehbarer Zeit einen sichtbaren Investitionsstau im eigenen Chefbüro abbauen. Da nämlich steckt noch einfaches Isolierglas in Aluminiumrahmen.

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