Letztes Jahr ist der Goldpreis um fast einen Fünftel gestiegen. Wird sich das Edelmetall auch heuer aufwerten?
Gold profitiert zurzeit von zwei Faktoren: Einerseits vom anhaltend tiefen Zinsniveau und damit einhergehend tiefen Opportunitätskosten der Goldhaltung. Andererseits von der Rolle als «Versicherungsschutz» bei Krisen.

Christof Strässle

Christof Strässle ist Gründungs- und Managing Partner der Strässle Schumacher AG in Luzern. Strässle Schumacher ist spezialisiert auf unabhängige Vermögensberatung und strategische Finanzplanung.

Quelle: ZVG

Nach nunmehr einer Dekade steigender Aktienkurse fragen sich viele Investoren, wie lange die Rally noch weiter geht. Früher hätte diese Situation zu einer Umschichtung in Obligationen geführt. Aufgrund der negativen Verfallrenditen und hohen Kursrisiken bei allfälligen Zinsanstiegen können Obligationen ihre klassische Rolle im Risikomanagement jedoch nicht mehr im gewünschten Sinne wahrnehmen.

Alstom übernimmt die Zugsparte von Bombardier. Was heisst dieser Deal für den Schweizer Konkurrenten Stadler?
Es ist denkbar, dass die Wettbewerbskommission die Übernahme durch Alstom von Verkäufen von Unternehmensbestandteilen abhängig macht. Dies wäre eine Gelegenheit für Stadler Rail, die Wettbewerbsposition zu stärken. Mit dem im letzten Jahr vorgenommenen IPO dürften Kapitalressourcen für allfällige Zukäufe leichter zugänglich sein.

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Die britische Grossbank HSBC streicht 35'000 Stellen. Ist dieser Kahlschlag Vorbote für weitere Sparmassnahmen bei Konkurrenten wie der UBS und der CS?
Gemäss HSBC soll insbesondere die Investment Banking-Sparte verkleinert werden. Diese wurde bei den beiden Schweizer Grossbanken im Nachgang der Finanzkrise bereits substanziell restrukturiert. Der Entscheid der HSBC hat wohl auch mit dem BREXIT zu tun.

Auch dieser Faktor dürfte bei UBS und CS kleiner sein. Somit ist ein Personalabbau im beschriebenen Ausmass bei den Schweizer Grossbanken nicht zu erwarten. Der Druck auf die Profitabilität hält bei den Banken jedoch an. Die Personalkosten sind bei Banken ein wesentlicher Produktionsfaktor. Im Rahmen der Digitalisierung der Branche und der graduellen Weiterentwicklung der Banken dürfte es deshalb auch in der Schweiz zu weiteren Personalabbau-Entscheiden kommen.

Die Exportnation Deutschland leidet unter dem Ausbruch des Coronavirus und den Folgen des Handelskonflikts. Wie stark bremsen diese Faktoren die deutsche Konjunktur?
Volkswagen hat jüngst den Produktionsstopp in den chinesischen Joint-Venture Werken verlängert und plant erst ab dem 24. Februar 2020 wieder zu produzieren, sofern dies die Situation zulässt.

Der «wirkliche» Handelskonflikt mit den USA steht Europa zudem erst noch bevor. Ob dies noch vor den Präsidentschaftswahlen in den USA der Fall sein wird, ist offen. In jedem Fall wird Donald Trump auch die Handelsbeziehungen mit Europa neu ordnen wollen. Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur sind somit in verschiedener Hinsicht zu erwarten.  

Und was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte sonst noch?
Auf der Makroebene steht das Coronavirus im Rampenlicht. In den letzten Tagen musste auch das für hochstehende Hygiene bekannte Japan die Fallzahlen nach oben korrigieren. Das tägliche Leben ist insbesondere in China stark eingeschränkt.

Sollte dieser Zustand anhalten, ist früher oder später mit einer Beeinträchtigung der globalen Lieferketten zu rechnen. Dieses Szenario ist meiner Meinung nach in den heutigen Börsenkursen nicht reflektiert. Auf der Mikroebene werden laufend Unternehmenszahlen 2019 publiziert. Diese zeigen sich bisher weitgehend solide, was auch für die jüngste Marktunterstützung gesorgt hat.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Dies hängt stark von der weiteren Entwicklung der Coronavirus-Epidemie ab, mit entsprechend heterogenen Auswirkungen auf die Börsen-Sektoren. Eine weiter anhaltende Krise dürfte sich insbesondere negativ auf den Luxusgüterbereich und auf global tätige Unternehmen auswirken. Auf der anderen Seite würde wohl der Pharmasektor stehen.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Mit einer Performance von rund 6% seit Jahresbeginn erachte ich einen beträchtlichen Teil der diesjährigen Kursfantasie als bereits in den Preisen reflektiert.

Cirka die Hälfte der Kursgewinne wird in den nächsten Monaten in Form von Dividenden an die Aktionäre zurückfliessen. Ob nach Abschluss der Dividendensaison nochmals ein Kursschub kommt, wage ich aus heutiger Sicht zu bezweifeln.

Das Interview wurde schriftlich geführt.