Mehr als 70% der Schweizer Angestellten haben kein Büro mehr für sich. «Das Zellenbüro mit einem oder zwei Arbeitsplätzen ist am Verschwinden», sagt Andreas Martens, Geschäftsführer des Zürcher Zentrums für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene (AEH). Die Mehrzahl der Mitarbeitenden sitzt heute im Gruppen- oder Grossraumbüro. Für Martens ist klar, warum: «Grossraumbüros sind modern, kaum ein Planer wird heute noch Zellenbüros vorschlagen.» Und als wohl schlagkräftigstes Argument kommt hinzu: Im Grossraumbüro bringt man mehr Arbeitsplätze unter, das senkt die Kosten.

Die Produktivität leidet

Das Grossraumbüro soll zudem den Teamgeist und die Kommunikation fördern. Wenn Norbert Thom vom Berner Uni-Institut für Organisation und Personal diesen Standardspruch hört, sträuben sich ihm die Nackenhaare: «Das ist ein fadenscheiniges Argument. Grossraumbüros finden sich auch dort, wo der Fachaustausch nichts zur Sache tut.»
Nach Thoms Überzeugung ist das Grossraumbüro Gift für all jene, die konzentriert arbeiten oder vertraulich kommunizieren müssen. Sich dem Lärm nicht entziehen zu können, belastet Mitarbeiter im Grossraumbüro stark, sagt auch Jennifer Wabel, Arbeitspsychologin im AEH. Der permanente Geräuschpegel, etwa durch laute Telefongespräche, führt nicht nur zu Spannungen unter den Kollegen, er kann auch krank machen. Aus den Seco-Stress-Studien ist bekannt, dass Mitarbeiter mit «hohem Belastungsniveau», zum Beispiel durch Lärm, häufiger fehlen. In internationalen Studien wurden bei Angestellten, die im Grossraumbüro arbeiten, erhöhte Werte von Stresshormonen nachgewiesen.
Ausserdem: Wer sich nicht konzentrieren kann, braucht für seine Arbeit länger und macht mehr Fehler – im schlecht konzipierten Grossraumbüro leidet die Produktivität. Kommen noch andere Störquellen wie Zugluft oder blendendes Licht dazu, wird das Arbeiten zur Qual.
Unterm Strich bleiben Nachteile. Sollten Unternehmen aufs Grossraumbüro verzichten? Nicht zwingend, findet Martens, man müsse es nur gescheit planen (siehe Box). Dazu gehöre, die Betroffenen in die Pläne einzubeziehen und auf deren Bedürfnisse einzugehen. Martens warnt vor einem der gröbsten Fehler: Mitarbeitende in einen Raum stecken, die unterschiedliche Aufgaben erledigen müssen. Hier einer, der Ruhe bräuchte, um einen Text zu formulieren, dort jemand, der Kunden am Telefon berät – das sei kontraproduktiv und konfliktträchtig.

Es gibt kreative Lösungen

Das sind Erkenntnisse, die die Krankenversicherung Swica nach eigenen Angaben längst verinnerlicht hat. Sie käme nie auf die Idee, ihren Mitarbeitern pauschal Grossraumbüros zu verordnen – Zeitgeist hin oder her. «Es würde nicht unseren Bedürfnissen entsprechen», sagt Swica-Sprecher Philipp Lutz. Allerdings: Dort, wo es nötig ist, arbeiten in Teambüros bis zu sechs Leute zusammen, etwa in der Inkasso- oder Werbeabteilung. Bei ihnen komme es schliesslich auf gegenseitigen fachlichen Rat und Ideenaustausch an.
Was hoffen lässt: Das Grossraumbüro muss heute kein Albtraum mehr sein. Die moderne Bürolandschaft ist im Idealfall ein Mix aus offenen Räumen, Einzelbüros sowie Konferenzzimmern in verschiedenen Grössen.
Die Swisscom setzt auf solche Büros, ausgelegt für je 20 bis 40 Mitarbeiter. Zukunftsweisend: Jene, die oft ausser Haus sind, teilen sich die Arbeitsplätze mit anderen, die ebenfalls häufig nicht im Büro sitzen. Das Open-Space-Konzept habe anfangs nicht nur Begeisterung ausgelöst, räumt die Swisscom ein. Umfragen hätten inzwischen aber gezeigt: Die neuen Arbeitsplätze kämen bei den meisten Mitarbeitenden an.

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Auch der Chef im selben Boot

Swisscom sowie Computerhersteller Dell – bei ihm ist das Grossraumbüro weltweit Standard – sind konsequent: Auch Direktionsmitglieder bis hin zum Topmanager haben kein eigenes Büro mehr, sie sitzen mit im Boot. Das nicht, um Angestellte besser zu kontrollieren, sondern um schnell zu reagieren, wenn jemand Hilfe braucht, heisst es bei Dell. Und um die spezielle Arbeitsatmosphäre selbst hautnah zu spüren.

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NACHGEFRAGT: Jennifer Wabel, Arbeitspsychologin im Zürcher Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene (AEH): «Im Grossraumbüro ist Fingerspitzengefühl gefragt»

Gibt es im Grossraumbüro mehr Konflikte als in kleinen Büros?

Jennifer Wabel: Das Grossraumbüro begünstigt Konflikte. Neben harten Faktoren wie schlechtem Licht, Zugluft und Lärm kommen weiche Faktoren hinzu, die unzufrieden machen und das Wohlbefinden stören können: Privatsphäre geht verloren, man fühlt sich kontrolliert, und es können neue Hackordnungen entstehen. Konfliktträchtig ist beispielsweise die Frage, wer die begehrten Fensterplätze bekommt. Spannungen können sich auch ergeben, wenn immer nur eine bestimmte Person um fachlichen Rat gefragt wird und sich die anderen im Team vernachlässigt fühlen.

Macht diese latente Unzufriedenheit dünnhäutiger?

Wabel: Das ist möglich. Wenn Personen schon gereizt oder gestresst sind, empfinden sie auch das als belastend, was sie unter anderen Umständen toleriert hätten. Dann kann es bereits störend sein, wenn sich Arbeitskollegen unterhalten oder das Telefon klingelt.

Kann sich jeder ans Grossraumbüro gewöhnen?

Wabel: Nein, Menschen mit einem starken Wunsch nach Privatheit haben besonders Mühe. Ebenso Personen, die vorher jahrzehntelang in heimeligen, kleinen Büros gearbeitet haben. Sie fühlen sich plötzlich schutzlos ausgeliefert und beobachtet. Zudem tun sich besonders ältere Mitarbeiter schwer, den Umgebungslärm auszublenden, was für sie sehr belastend sein kann.

Wie lässt sich die Situation entschärfen?

Wabel: Unumgänglich sind ruhige Zonen oder zusätzliche Räume für konzentriertes Arbeiten. Eine Möglichkeit ist auch, dass Mitarbeiter bestimmte Aufgaben zu Hause erledigen. Ausserdem sollte man Vorlieben berücksichtigen: Während es die einen Mitarbeiter durchaus schätzen, von ihrem Schreibtisch aus in den Raum zu blicken, schauen andere lieber an eine Wand, weil sie sich so geschützter fühlen. Das sollte man bei der Planung berücksichtigen. Jeder sollte den Arbeitsplatz nach eigenem Gusto einrichten können.

Ist es empfehlenswert, sich bei hohem Geräuschpegel demonstrativ die Ohren zuzustöpseln?

Wabel: Im Grossraumbüro kann man Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Das birgt Zündstoff, aber es liegt auch eine Chance darin: Das Team kann einen direkten und offenen Umgang pflegen und einen Verhaltenskodex aufstellen. Dazu gehört, dass jeder sagen darf, was ihm nicht passt und was er braucht, um ungestört arbeiten zu können. Wenn man es klar kommuniziert hat, sind Ohrenstöpsel absolut legitim.

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Fakten

Auf Sicht- und Lärmschutz achten

Blickkontakt
Wo viele Schreibtische dicht an dicht stehen, fehlt jegliche Privatsphäre. Fachleute warnen ausdrücklich vor zu hoher «Besiedlungsdichte». Sich abgrenzen zu können, ist wichtig. Aus Studien ist bekannt: Bei Arbeitsplätzen mit Vis-a-vis ohne Sichtschutz reagieren Mitarbeiter häufiger gereizt. Vor allem, wenn sie sich das Gegenüber nicht selbst aussuchen konnten.
Grundlärmpegel Ein Geräuschpegel ab 40 Dezibel (entspricht dem Brummen eines Kühlschranks) stört, wenn man anspruchsvolle Aufgaben erledigen oder ein Gespräch verstehen will. Schalldämpfende Decken, Wände, Fussböden, Möbeloberflächen und Stellwände machen die Raumakustik erträglicher. Ein weiterer Trick: Der «Masking-Effekt», ein künstliches Hintergrundrauschen, das Störgeräusche schluckt.

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