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Hans Ulrich Kesselring: Spitzenwinzer aus Mostindien

Der passionierte Thurgauer Weinproduzent strebt seit über 30 Jahren nach Qualität und Innovationen. Seine Weine gehören zu den Vorzeigegewächsen der Schweiz.

Von Rudolf Trefzer
am 24.09.2003

Nur gerade 20 Jahre alt war Hans Ulrich Kesselring, als er 1967 nach dem Tode seines Vaters das Schlossgut Bachtobel am Ottenberg bei Weinfelden übernehmen musste. «Wenn ich damals meinen Beruf hätte frei wählen können, wäre ich wohl Naturwissenschafter geworden», sagt Kesselring. Doch mit dem Schicksal hadert er deswegen nicht. «Als Winzer bin ich ja auch täglich mit naturwissenschaftlichen Phänomenen konfrontiert.» In siebter Generation lenkt Kesselring die Geschicke auf dem herrschaftlichen, von Reben gesäumten Anwesen. Anfangs liess er alles, wie es war. «Mein Vater war eine Autoritätsfigur, weshalb ich mehrere Jahre kaum etwas zu ändern wagte.» Man produzierte, wie damals in der Region üblich, hellroten Blauburgunder mit hoher Säure und harmlos-süffigen Müller-Thurgau.

Die Ausbildung zum Önologen an der Forschungsanstalt Wädenswil sowie Arbeits- und Studienaufenthalte in Frankreich, Italien und den USA brachten ihn auf neue Ideen und gaben ihm den Mut, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. 1982, in einem Jahr mit enormen Traubenerträgen, erfolgte die Initialzündung. «Was will ich eigentlich?», fragte er sich und entschied: «Die Zukunft gehört dem Qualitätsweinbau.» In der Deutschschweiz war Kesselring einer der Ersten, der auf Ertragsreduktion und verbesserte Kellertechnik setzte und schon früh bewies, dass sich hier zu Lande sehr wohl Weine von Format erzeugen lassen.

Hauptsorte bleibt der Blauburgunder

Kesselrings Hauptsorte ist der Blauburgunder. 80% der gutseigenen Rebfläche von fünfeinhalb Hektaren sind mit verschiedenen Klonen dieser noblen, von den Winzern wegen ihrer Primadonnen-Allüren mit Respekt behandelten Sorte. «Beim Blauburgunder schimmert immer die Handschrift des Weinbauern durch», meint Kesselring. «Er ist formbar wie ein Klumpen Lehm. Man wünschte sich, ein kleiner Rodin zu sein.» Kesselring hat sich der Herausforderung gestellt. Er keltert nicht nur einen Blauburgunder-Wein, sondern gleich drei. Der erste ist der fruchtbetonte Klassiker des Hauses, im traditionellen Verfahren mit Maischeerwärmung hergestellt. Der zweite und dritte durchlaufen je die Mazeration in burgundischen Eichencuves und werden nachher in 800-Liter-Eichenfässern bzw. Barriques ausgebaut. Beides sind vollmundige Gewächse mit eigenständigem Charakter. Gewissermassen als önologische Fingerübung und als Gruss an die französische Burgunder-Konkurrenz stellt Kesselring seit kurzem in kleinen Mengen einen Claret aus den beiden Bordeaux-Sorten Merlot und Cabernet Sauvignon her.

Eleganter Sauvignon blanc und filigraner Weissriesling

Klar erkennbar sind Kesselrings Stil-Präferenzen auch bei den Weissweinen: Der Sauvignon blanc zeigt sich fruchtig-aromatisch und erinnert mit seiner Eleganz und Knackigkeit an einen Sancerre. Breitschultrig und voluminös präsentiert sich der Pinot gris. Ein Wein, der nicht als Apéro ausgeschenkt sein will, sondern der nach substanzieller Essensbegleitung verlangt. Filigran ist dagegen der Weissriesling, eine Rarität in helvetischen Landen. Er lehnt sich mit seiner saftigen Säure und seinem Hauch Restsüsse an die deutschen Vorbilder an. Ebenfalls in deutscher Manier vinifiziert wird seit zwei Jahren der Müller-Thurgau. Anders als in der Schweiz sonst üblich, macht dieser Wein keinen biologischen Säureabbau durch. Dadurch behält er eine angenehme Frische und Spritzigkeit. Man fragt sich, weshalb sonst keiner auf die Idee gekommen ist, den Müller-Thurgau auf diese Art zu keltern.

Kesselrings neuste Kreation ist ein aus spätgelesenen Müller-Thurgau-Trauben erzeugter Techno-Süsswein, den er augenzwinkernd «vin confit» nennt. Der Most wird mit dem Vakuumverdampfer auf die Hälfte reduziert und danach in einem neuen Barrique ausgebaut. 600 halbe Flaschen können von diesem Nektar abgefüllt werden.

Absatzsorgen kenntKesselring nicht

Was soll die Zukunft auf dem Schlossgut Bachtobel bringen? Plant Kesselring, noch andere Sorten anzupflanzen, anstelle des Müller-Thurgau etwa? Er winkt ab. «Wir wollen das, was wir erreicht haben, konsolidieren. Deshalb haben wir auch nicht vor, den Müller-Thurgau auszureissen. Der gehört zu unserer Gegend, und zudem lassen sich mit ihm durchaus interessante Weine erzeugen.» Weniger klar ist, was die unmittelbare Zukunft, der Jahrgang 2003, bringen wird. Kesselring mag nicht in die da und dort voreilig verkündete Euphorie einstimmen. «Dieses Jahr sind wir mit einer vollkommen neuen Situation konfrontiert. Niemand hat hier zu Lande je ein solch heisses und trockenes Jahr erlebt. Es gibt einfach zu viele unbekannte Faktoren, um bereits jetzt sagen zu können, 2003 werde ein grosser Jahrgang.»

Kesselring ist aber zuversichtlich und nimmts gelassen. Wie alle Schweizer Spitzenwinzer kennt der Thurgauer keine Absatzprobleme. Rund zwei Drittel der Flaschen werden direkt ab Hof verkauft, der Rest geht an ausgewählte Restaurants.

Schlossgut Bachtobel, Ottoberg TG Telefon: 071 622 54 07 Fax: 071 622 76 07 Direktverkauf: Von Juni bis September jeweils am Samstagmorgen oder auf telefonische Voranmeldung.

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