Morgens, bevor er aus dem Haus geht, vollzieht er täglich ein ungewöhnliches Ritual. Hans-Ulrich Müller, in jungen Jahren Kunstturner, geht locker mehrmals in den Handstand. Von sich selbst sagt der 56-jährige CS-Manager und Präsident des Swiss Venture Club (SVC) zwar, dass er nach seinem Gusto zu wenig Sport treibe. Doch seine athletische Gestalt kontrastiert stark mit dieser Aussage. Sein entschiedener Gestus und ein fester Händedruck erinnern an den früheren Sportler, der im selben Verband turnte wie einst Jack Günthard, Olympiasieger 1952 am Reck. Tatsache ist, dass Müller Morgen für Morgen 15 bis 20 Minuten Turnübungen macht – und dies konsequent seit Jahren. «Sport und Bewegung gehören zu meinem Leben wie der Beruf und die Familie», betont er.

Beharrlichkeit ist eine der Konstanten in seinem Leben. Ist er von einer Sache überzeugt, dann lässt er nicht los, bis sie steht. Das war beim SVC der Fall, den er 2003 mit der Verleihung des ersten SVC-Unternehmerpreises an die Bieler Firma DT Swiss aus der Taufe hob. Schon letztes Jahr wurde der Preis in allen sieben Schweizer Wirtschaftsregionen verliehen, etwa Ende Oktober in Zürich an die Technologiefirma Kistler aus Winterthur (siehe «Die Champions der Regionen» auf Seite 30). Die Preisverleihung fand an einem symbolträchtigen Ort statt: in der Zürcher Bahnhofshalle. Und das Motto war, wie könnte es anders sein: «Die KMU sind die Lokomotiven der Wirtschaft.» Nicht einmal Walter B. Kielholz, VR-Präsident der Credit Suisse Group, konnte sich der Teilnahme an diesem Anlass mit rund 1500 Gästen entziehen.

Auf Prominente scheint Müller eine starke Anziehungskraft auszuüben. An den regionalen Veranstaltungen sind mit Christoph Blocher und Joseph Deiss bereits zwei Bundesräte aufgetreten, und für die Preisverleihung in Bern im nächsten März hat Wirtschaftsministerin Doris Leuthard ihre Teilnahme zugesagt. Auch in den Gremien des SVC sind grosse Namen überproportional vertreten. Ypsomed-Gründer Willy Michel und FDP-Nationalrat Johann Niklaus Schneider-Ammann etwa sind Jurymitglieder im Espace Mittelland. Franziska Tschudi, Chefin der Wicor Holding, und HSG-Professor Urs Füglistaller jurieren in der Ostschweiz. Logitech-Chef Daniel Borel sitzt in der Jury der Romandie, während sich das Polit-Urgestein Franz Steinegger und Jörg W. Wiederkehr von der V-Zug beim SVC in der Zentralschweiz engagieren. Auch die Zürcher Jury glänzt mit Prominenz, etwa dem Baugiganten Walo Bertschinger, dem FDP-Nationalrat Ruedi Noser und der ZFV-Chefin Regula Pfister.

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Für Müller ist mit der Verleihung der sieben Unternehmerpreise eine Etappe erreicht, der Gipfel indessen noch nicht erstürmt. «Wir haben unseren Auftritt bei der Preisverleihung im Lauf der letzten Jahre professionalisiert.» Bei der ersten Veranstaltung hätten die Jurymitglieder Folien über die Preisträger vorgezeigt. Jetzt wird am bestehenden Konzept noch gefeilt. An den Videoclips etwa, in denen die sechs Nominierten jeweils vorgestellt werden. «Wir wollen», sagt Müller, «die Perlen der Schweizer Wirtschaft noch stärker ins Rampenlicht stellen.»

Prinzipiell wird die Auszeichnung in den Regionen alle zwei Jahre verliehen – mit Ausnahme vom Espace Mittelland. Dort nahmen seit 2003 schon vier Firmen die Siegertrophäe entgegen, zuletzt die Freiburger Sportartikelfirma Scott Sports SA. Die Privilegierung des Mittellandes mit einer jährlichen Prämierung hat gute Gründe. Den SVC hat Müller als Berne Venture Club in der Bundesstadt gegründet. Müllers Idee war ursprünglich, Jungunternehmern mit Venture Capital auf die Sprünge zu helfen: «Es ging darum, jungen Entrepreneuren und Hochschulabsolventen die Gelegenheit zu geben, hier etwas aufzuziehen, statt in den USA bei Microsoft anzuheuern.» Dazu gründete er die Risikokapital-Gesellschaft BV Group, die im Mittelland schon Hunderte von Jobs schaffen half. «Engagements in der BV Group», sagt Müller, «benötigen von den Investoren viel Geduld, sind aus volkswirtschaftlicher Sicht jedoch ein Erfolg.» Müller gab das VR-Präsidium der BV Group ab – zugunsten seines Engagements in der Credit Suisse. Sein Nachfolger ist Willy Michel, bei dem die Gruppe in besten Händen ist. Die Grossbank gab ihm die Gelegenheit, das KMU-Geschäft aufzubauen, zuerst in der Region Bern, dann während vier Jahren in der ganzen Schweiz. Und Anfang 2006, die vorläufige Krönung der Karriere, wurde er zum COO, dem Chief Operating Officer, des Schweizer Geschäfts der Credit Suisse befördert.

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Der stete Aufstieg auf der Karriereleiter ist kein Zufall, sondern das Resultat harter und zielstrebiger Arbeit. Müller kennt die KMU aus eigener Anschauung und praktischem Wirken von Kindheit an. Seine Eltern führten während über 30 Jahren das Flughafenhotel von Bern Belp. Trotz 50 Angestellten war die Mitarbeit der Kinder im elterlichen Betrieb kein Diskussionspunkt: «Wir haben nach der Schule natürlich immer mitgeholfen», erinnert er sich. Es galt, die Kegelbahn zu putzen oder in der Küche und im Service anzupacken.

Verwunderlich ist unter diesen Umständen nicht, dass es den jungen Müller in die Wirtschaft zog. Vorbild war ihm seine Mutter, eine starke Frau, die neben ihrer Berufsarbeit fünf Kinder zu versorgen hatte. Als der Vater erkrankte und der Küchenchef zur selben Zeit kündigte, nahm sie selber das Heft in die Hand und überwand die Krise. «Das couragierte Handeln meiner Mutter», schrieb Müller jüngst in einer Arbeit, die er bei einer zweijährigen Weiterbildung am Insead in Fontainebleau bei Paris verfasste, «war eines der Schlüsselerlebnisse in meinem Leben. Die Erkenntnis, dass es immer weitergeht, wenn man nur will, hat mein weiteres Leben geprägt. Nie aufzugeben und dabei auf niemanden angewiesen zu sein, wurde zu unserem Familiencredo.»

Wiewohl die Familie Müller tief in der Gastronomie verhaftet war, wählte er einen anderen Weg als seine drei Brüder, die allesamt Koch lernten und sich in der Gastronomie weiterbildeten. Er absolvierte eine KV-Lehre. Nach dem Lehrabschluss lernte er in Barcelona Spanisch. Danach arbeitete er zwei Jahre bei einer Schweizer Versicherung, bevor er sich an der Hochschule für Wirtschaft und Verwaltung, der früheren HWV, in Betriebswirtschaft einschrieb. Nach dem Studium heuerte er als Revisor bei Arthur Andersen in Genf an und absolvierte berufsbegleitend die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer. Später kamen eine Ausbildung bei der Swiss Banking School, drei Monate Harvard und die Sprachschule Swiss Mercantile in London dazu. «Ich habe mich alle paar Jahre weitergebildet.»

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Bevor er 1982 bei der Schweizerischen Volksbank (SVB) einstieg, war er Länderrevisor bei Wander International (Ovomaltine), die damals zum Sandoz-Konzern gehörte. Beide Firmen existieren nicht mehr, die SVB wurde von der CS übernommen und Sandoz in die Novartis integriert.

Damals erlebte er auch seine erste grosse berufliche Enttäuschung. Er war bei der Volksbank Leiter Zentrales Rechnungswesen und aspirierte auf die Funktion des CFO, wurde aber übergangen. Stattdessen wurde er 1986 Leiter des Cash- und Bilanzstrukturmanagements, und 1990 berief ihn die Bank zum Leiter des Privatkundengeschäfts. Heute sagt er: «Dies leitete meine Karriere in eine völlig neue Richtung und öffnete mir die Tür in das mir noch unbekannte Kundengeschäft der Bank. Ich wurde vom Wirtschaftsprüfer zum Banker.»

In den turbulenten Zeiten der Volksbank-Übernahme durch die CS hatte Müller diverse Funktionen inne. Unter anderem war er stellvertretender Projektleiter beim Schulterschluss der beiden Institute, später Regionenleiter Credit Suisse Bern. Am 1. Januar 2002 kam dann der entscheidende Schritt: Müller wurde zum Leiter Firmenkunden Schweiz KMU befördert. Er war dort angekommen, wohin ihn seine Berufung geführt hatte und – wohl auch – führen musste: bei den KMU.

Seine Vorliebe für die kleinen und mittleren Firmen ist aus seinen Wurzeln leicht nachzuvollziehen. Mit Akribie baut er darum den SVC zu einer umfassenden Dienstleistungsorganisation für die KMU aus. In den letzten Jahren wurden die Veranstaltungen des Clubs von über 17 000 Leuten besucht. Denn dieser besteht nicht nur aus den Unternehmerpreisen. Er will auch Netzwerk und öffentlichkeitswirksamer Resonanzraum für die KMU sein. Zu diesem Zweck haben Müller und seine Verbündeten im SVC drei weitere Standbeine geschaffen: das Forum, die Finanzierungen und die Politik. Das SVC-Forum versteht sich als Aus- und Weiterbildungsinstitution für KMU. Seit 2005 hat es quer durch die Schweiz über 20 Bildungsveranstaltungen mit rund 1500 Teilnehmern durchgeführt – zu den Themen Nachfolgeregelung, Familie und Unternehmung oder Investitionsstandort China. Weitere Themen sind für dieses Jahr in Planung wie die Reihe Gesundheit und Stress im Betrieb. Der ganz grosse Coup ist ebenfalls in der Pipeline. Der Bereich Ausbildung des SVC soll künftig ausgebaut werden. «Wir wollen ihn um eine eigene Akademie ‹Kaderschmiede KMU› erweitern», sagt Müller. Die ersten Projektstudien seien abgeschlossen, und die Suche nach einer Liegenschaft für den Campus habe bereits begonnen.

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Das dritte Standbein des SVC, die Finanzierungen, hat mittlerweile einen Quantensprung vollzogen. Die Idee war, den KMU den Zugang zu alternativen Geldquellen zu erleichtern. Die Mezzanine-Finanzierungen, mit denen durch nachrangige Darlehen Firmen mit zu dünner Eigenkapitaldecke kreditfähig gemacht werden, hat der SVC an die Anlagestiftung der Credit Suisse (CSA) ausgelagert. So nimmt CSA Mezzanine bei Pensionskassen Kredite entgegen und vermittelt das Geld an KMU. Diese Finanzierung hat Vorteile: Das Anlagerisiko für die Pensionskassen ist gering, sie erhalten einen höheren Zins und die KMU – wirtschaftlich gesehen – Eigenkapital.

Dass Müller sein eigenes kleines Geschäft aufgebaut hat, beruht auf einer seiner Lebensmaximen: «Meine Familie und ich wollten immer unabhängig sein und selber bestimmen können, mit was und mit wem wir unser Geld verdienen.» Eine detaillierte Auslegeordnung möchte er bei seinem Privatbesitz nicht machen. In seinem Portfolio befinden sich vorab Firmen, denen er irgendwie aus der Bredouille geholfen hatte. Die FL Metalltechnik AG gehört ihm zu 100 Prozent. 1993 aus einem Konkurs heraus gegründet, beschäftigt die Firma im Bereich Metallverarbeitung 50 Mitarbeiter und ist kerngesund. Müller hat sich aufs VR-Präsidium zurückgezogen. Sein Fazit: «Man kann sagen, dass ich auch Unternehmer bin und deshalb mitreden kann, wenn es um die KMU geht.»

Sonst aber ist er in erster Linie Banker, schlägt sein Herz für die Credit Suisse. Da hatte er nur einmal einen grösseren Konflikt, als der Vorgänger von Oswald Grübel das Firmenkunden-, mithin also das KMU-Geschäft, zum Non-Core-Business erklärte. Er liess sich davon aber nicht unterkriegen. In seinem über 100 Seiten starken Insead-Bericht schrieb er dazu: «Vielmehr kam ich zum Schluss, dass wir etwas bewegen müssen. Um wieder Core zu werden, mussten wir das Businesskonzept für das KMU-Geschäft anpassen.»

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Was Müller auch gelang. Er betont jedoch immer wieder, dass dies keine Einzelleistung sei, sondern nur dank der loyalen Zusammenarbeit seines Teams möglich war. Heute ist das Firmenkundengeschäft wieder Core-Business, und die CS hat einen erneuten Strategiewechsel zum «One Bank»-Prinzip vollzogen. Doch wie sollte das Silo-Denken, die jahrelang praktizierte Konzentration auf die eigene Sparte im Retail, Investment und Private Banking, überwunden werden? Change Management war gefragt. Nicht im Organigramm, sondern in den Köpfen der Mitarbeiter musste der Teamgeist wieder Eingang finden. In jener Zeit verbrachte Müller seine Ferien im Berner Oberland. Er schreibt: «Inmitten dieser faszinierenden Kulisse von Bergen mit über 4000 Metern steht ein besonderer Berg, der Eiger mit seiner Furcht einflössenden, 1800 Meter hohen Nordwand.» Die Metapher einer Besteigung des Eigers benutzte Müller, um seine Führungsmannschaft im Firmenkundengeschäft, gewissermassen seine Seilschaft, um sich zu scharen. Jedes einzelne Mitglied müsse seinen Verantwortungs- und Aufgabenbereich kennen und die notwendigen Werkzeuge einpacken. Erst dann könne losmarschiert, der Gipfel erfolgreich erklommen werden. Die Metapher stand für das Ziel, die führende Firmenkundenbank der Schweiz zu werden.

Zusammen mit ihren Teams bezwangen die CS-Kollegen Müller und Urs Gauch, Leiter Grosskunden in derselben Abteilung, zwar nicht den Eiger; es wäre zu vermessen gewesen. Aber 80 Kaderleute des gesamten Bereichs begannen, sich mit einem Trainingsprogramm ein Jahr lang auf die Besteigung des 4027 Meter hohen Allalinhorns oberhalb von Saas Fee vorzubereiten. Am 22. August 2006 war es so weit: 17 Seilschaften machten sich unter kundiger Leitung von Bergführern am frühen Morgen mit Steigeisen und Eispickel an den steilen Aufstieg. «Das Erfolgserlebnis, gemeinsam den Viertausender bezwungen zu haben, war so gewaltig wie die Aussicht», lautete das Résumé aller Beteiligten. Die Kaderleute hatten erlebt, dass sie nur miteinander, nicht gegeneinander ans Ziel kommen. Müllers Beharrlichkeit hat sich bezahlt gemacht.

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