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Harald Nedwed: Bankdirektor, Ski-Ass und Ölmagnat

Stabile Zustände sind dem neuen Migrosbank-Direktor ein Greuel. Er liebt die Veränderung, die Bewegung. Harald Nedwed über Ehrlichkeit, Erfolg und die Tücken eines Vater-Tochter-Tages.

Von Flavian Cajacob
am 19.05.2004

Die Schaltzentrale der Migrosbank, die Nummer sechs der Branche, nimmt sich, sowohl was den Standort als auch den architektonischen Auftritt anbelangt, äusserst bescheiden aus. In einem schlichten Geschäftshaus nahe dem Zürcher Hauptbahnhof ­ und dennoch nicht an der renommierten Bahnhofstrasse ­ hat im September letzten Jahres Harald Nedwed das Chefbüro bezogen und damit die Nachfolge von Erich Hort als Geschäftsleiter der Universalbank angetreten. Und auch hier: Keine Spur von Protz, von repräsentativer Überbordung, keine Schnörkel, keine teure Kunst. Stattdessen Sachlichkeit, die allein durch eine im Eck kauernde Sporttasche Dynamik verrät.

Es scheint, als ob die in zahlreichen Fernsehspots beworbene Migrosbankmaxime auch Diktat bei der Einrichtung der Geschäftsräumlichkeiten geführt hat. «Ganz ehrlich» wird da propagiert, nachdem eine tramfahrende Dame ihren Sitznachbarn auf dessen Schuppenbefall angesprochen hat. Was das Ganze mit dem Image einer Bank zu tun hat? «Wir sind gegenüber unserer Kundschaft aufrichtig und sagen auch mal, wenn wir das Gefühl haben, dass sich jemand mit einem Kredit übernimmt, auch wenn der das nicht gerne hört», betont Nedwed.

Ehrlichkeit im Arbeitsalltag, das bedeutet für den Basel­Zürich-Pendler Transparenz. Und Bescheidenheit, Kompetenz, Zuverlässigkeit. Und nachvollziehbare Abläufe. «Als Universalbank haben wir Kontakt mit so ziemlich allen sozialen Schichten, Berufsgattungen und Branchen des Landes; das bedeutet auch, dass die Palette der Erwartungen und Anliegen ungemein breit ist. Entsprechend mannigfaltig und logisch aufgebaut müssen unsere Produkte und Dienstleistungen sein» ­ eine Vielfalt, die dem promovierten Betriebs- und Volkswirtschafter und seiner Einstellung zum Leben entgegenkommt.

Der Banker, dessen pragmatische Art zuweilen als «distanziert» und «kühl» apostrophiert wird, der indes über einen feinsinnigen Humor verfügt, liebt die Abwechslung, die Bewegung, den steten Fluss. Stillstand, sagt Nedwed, sei kein Optimalzustand. Und: «Veränderungen sind eine Quelle für Möglichkeiten und Entwicklungen.»

Geldwirtschaft statt Naturwissenschaft

Sich selbst bezeichnet Harald Nedwed als glücklichen Menschen. «Das hat wohl damit zu tun, dass ich bis anhin von Schicksalsschlägen weit gehend verschont geblieben bin», bemerkt er und klopft dreimal auf die Tischplatte; er weiss, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, und zeigt sich dementsprechend dankbar. Dankbar in gewissem Sinne ist Nedwed auch seinem Bruder und einem Freund, die indirekt mitverantwortlich für seine berufliche Karriere sind ­ zumindest, was die Initialzündung angeht. Der in den ersten Lebensjahren bei Wien aufgewachsene Sohn eines Chemikers lehnt sich zurück und lacht. Ursprünglich nämlich habe er nach der Matura Naturwissenschaften studieren wollen. Ein Blick auf die vielen Pflichtfächer vermochte das Interesse an Wald und Wiese jedoch arg zu schmälern. «Weil mein Bruder zu dieser Zeit Jura studierte und unglaublich viel Freizeit hatte, habe ich mir gedacht, so ähnlich müsste es doch auch gehen.» Ein Freund wusste Rat: «Wenn das so ist, dann studier doch Ökonomie.»

Nedwed schrieb sich ein und trat nach dem Studium am Wirschaftswissenschaftlichen Zentrum auch gleich als Assistenzprofessor für Forschung und Lehre in die Dienste der Uni Basel. Ein Werdegang, der ihm nicht zuletzt den Ruf eingebracht hat, ein «akademischer» Banker zu sein, einer, der die Materie vor allem aus der Theorie kennt. Was nicht automatisch eine negativ gefärbte Aussage sein muss. Im Gegenteil. «Ich glaube, eine meiner Stärken ist es wirklich, dass ich über eine schnelle Auffassungsgabe verfüge und auch sehr abstrakte Gedankengänge logisch nachvollziehen und vermitteln kann», bemerkt der 44-Jährige.

Das sind Fähigkeiten, die er sich weniger habe aneignen müssen, vielmehr seien sie ihm in Grundzügen wohl bereits mit in die Wiege gelegt worden. Wohl ebenso wie die Tatsache, dass er über ein ausgeprägtes Mass an Lebensfreude verfüge. Was bedeute, dass es für ihn nicht nur die Arbeit gebe, sondern auch noch etwas anderes. «Dem Trugschluss, im Beruf unersetzlich zu sein, dem erliege ich auf jeden Fall nicht», betont Nedwed und fügt an, dass es für ihn eine Fünftagewoche gebe, die einzuhalten er nicht nur bestrebt, sondern auch im Stande sei. «Ich kann zwischen Büro und Familie eine klare Linie ziehen und nehme auch keine Arbeit mit nach Hause.» Allerdings, dass nach getaner Arbeit Freizeit folgt, diesen Umkehrschluss will er nicht gelten lassen. Die Begründung dafür trägt philosophische Züge: «Der Begriff Freizeit impliziert, dass das Gegenteil davon Unfreizeit ist. Ein Zustand des Müssens, des Zwangs, der Verpflichtung. Und so sehe ich es überhaupt nicht, ich habe zum Glück einen Job, den ich sehr gerne ausübe.» Etwas anderes, ein unmotiviertes Tun etwa, käme für ihn auch nicht in Frage.

Nur nichts Halbherziges

Ob er nun seine Funktion an der Spitze der Migrosbank wahrnimmt, ob er auf dem Tennisplatz steht, Fussball spielt (einst als Junior beim FCB) oder als Ehren-mitglied des Ski-Clubs Basel das Lauberhorn hinunterjagt (und das Rennen auch gleich noch gewinnt): Das wichtigste ist für Harald Nedwed, im Leben etwas richtig und «nicht halbbatzig» zu tun. «Ich bin nicht der Typ, der den Weg bereits als Ziel erachtet.»

Das Leben als Erfolg

Seine Karriere kennt bis anhin keine Brüche. Stufe um Stufe hat er stilsicher genommen, seit einem halben Jahr nun ist er Präsident der Geschäftsleitung. Ein erfolgreicher Mensch, könnte man meinen. Wieder lehnt sich der dreifache Familienvater und begeisterte Motorradfahrer zurück und lässt seine Gedanken in die Tiefe greifen. «Was heisst Erfolg», wiederholt er die Frage, «Erfolg, das hat für mich nicht in erster Linie mit Beruf und Geld zu tun. Erfolg, das ist, wenn ich jenes Leben führen kann, das mir und meinen Nächsten als Ideal vorschwebt.» Dass das eine ohne das andere nicht möglich ist, versteht sich da von selbst.

Bei aller Wertschätzung, bei all der Bedeutung und Befriedigung, die so ein Job in der Finanzwelt mit sich bringen kann: Einmal mindestens wäre der Herr Bankdirektor lieber ein Zähnlein unter vielen gewesen, das mithilft ­ vielleicht in einer Fabrik ­, ein Räderwerk am Laufen zu halten. Wenn es denn nur eine Arbeit gewesen wäre, bei der ein Resultat in Form eines Produktes ersichtlich würde.

Harald Nedwed runzelt die Stirn und schmunzelt. «Können Sie sich vorstellen», fragt er dann, mit trockenem Humor in der Stimme, «wie spannend es für ein Kind ist, wenn es den Vater-Tochter-Tag auf der Bank, im Büro des Vaters verbringen muss? Eben!» Nach einer halben Stunde sei er, wie er selber sagt, «ausgeschossen» gewesen, weil in einer modernen Bank ja kaum mehr Materie vorhanden sei, die durch Anschauen und Anfassen der kindlichen Neugier habhaft würde. «Das war eine ziemlich ernüchternde Erkenntnis für mich», resümiert Nedwed. Was so eine Bank den lieben langen Tag denn mache ­ auf diese Frage seiner Tochter wusste der Migrosbank-Chef dann doch eine Antwort: «Wir sind das Schmiermittel für die Wirtschaft.» Und er, der Präsident der Geschäftsleitung, in welcher Rolle sieht er sich diesbezüglich? Nedwed stutzt, atmet kurz durch. «Jä hoffentlich nicht als schmierigen Typen. Im Ernst: Wenn die Bank das Schmiermittel ist, dann bin ich wohl so etwas wie ein Ölmagnat.»


Profil: Steckbrief

Name: Harald Nedwed

Funktion: Präsident der Geschäftsleitung der Migrosbank

Alter: 44

Wohnort: Bottmingen BL

Familie: Verheiratet, drei Kinder

Karriere:

1990­-1992 Leiter Kommerz-Front Sitz Zürich

1992­-1994 Bankverein, Leiter Zentrale Risikobewirtschaftung

1994­-1998 SKA/CSFB, Direktionsmitglied, Controlling/Treasury

1999-­2003 Migrosbank, Sitzleiter Basel und CFO Gesamtbank


Firma: Migrosbank

1958 wurde im Migros-Haus am Zürcher Limmatplatz der erste Schalter der Migrosbank eröffnet, heute stehen über 70 Geschäftsstellen im Dienste der Bank, unterteilt in Filialen (38) und M-Finanz-Shops (34). Letztere kommen ohne Schalter aus. Das Geldinstitut beschäftigt rund 1400 Mitarbeiter, die Bilanzsumme belief sich 2003 auf 27 Mrd Fr. Die Nähe zur «Mutter» Migros drückt sich auch in der Zusammensetzung des Verwaltungsrates aus. So fungiert als Präsident der Bank Anton Scherrer, Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes.

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