Wer eine Handtasche von Hermès haben will, braucht Geduld, eine Stange Geld und muss in Kauf nehmen, dass für das Objekt der Begierde Tiere sterben. Kälber, Rinder, Strausse, Krokodile, Echsen, Schlangen. Bald aber wird es Hermès-Taschen geben, die ohne tierisches Material auskommen. Wie das Fach-Portal «Business of Fashion» berichtet, lanciert das französische Unternehmen Taschen aus einem im Labor hergestellten Material auf Pilz-Basis.

Die neue Tasche wird bis Ende des Jahres erhältlich sein und soll ein neues Angebot neben den klassischeren Materialien von Hermès darstellen. Das Pilz-«Leder» werde die klassischen Materialien nicht ersetzen, so Hermès, sondern ergänzen. Gestartet wird nicht mit den ikonischen Taschen der Marke wie den Birkins oder den Kellys, sondern mit dem etwas weniger bekannten Modell «Victoria».

Hermès nennt das neue Material Sylvania. Es ist bernsteinfarben und soll sich fast anfühlen wie Leder. Es wird aber aus Pilzwurzeln gewonnen und im Labor vermehrt. Entwickelt hat es Hermès zusammen mit dem kalifornischen Unternehmen Mycoworks. Das Startup versteht sich als Biotech-Plattform für die Modeindustrie.

Hermès Victoria aus Sylvania.

Das Hermès-Modell Victoria aus Sylvania.

Quelle: ZVG

«Die Vision und die Werte von Mycoworks spiegeln die von Hermès wider: eine starke Faszination für natürliche Rohstoffe und deren Umwandlung, ein Streben nach Exzellenz, mit dem Ziel, sicherzustellen, dass Objekte optimal genutzt werden und ihre Langlebigkeit maximiert wird», sagt der künstlerische Leiter von Hermès, Pierre-Alexis Dumas, zu der neuen Zusammenarbeit. Und Mycoworks-Chef Matt Scullin sagt: «Wir könnten uns keinen besseren Partner vorstellen als Hermès, um unser erstes Objekt aus Sylvania vorzustellen.»

Tierwohl und Nachhaltigkeit sind kein Luxus mehr

Der Schritt von Hermès zeigt, wie stark sich die Kundenbedürfnisse in den letzten Jahren auch auf dem Luxusmarkt verändert haben. Immer weniger Konsumenten akzeptieren, dass für Luxusartikel Tiere getötet werden. Viele High-End-Labels verzichten in ihren Kollektionen auf Pelze oder sogenannt exotisches Leder, das von Schlagen, Krokodilen oder anderen Reptilien stammt.

Auch das Thema Nachhaltigkeit gewinnt an Zugkraft. So hat Chanel etwa in die Chemie-Firma Evolved by Nature investiert. Die Marke verfolgt damit das Ziel, aggressive Chemikalien zu ersetzen, die verwendet werden, um das Aussehen und die Haptik von Materialien zu verbessern.

Punkto Nachhaltigkeit ist Leder ebenfalls problematisch. Seine Produktion verbraucht grosse Mengen an Wasser, Landwirtschaftsland, Energie und Chemie für die Behandlung und Färbung der Häute. Kunstleder aus Kunststoff löst zwar das Problem der Tiertötung, ist aber keine nachhaltige Alternative.

Das Pilz-«Leder» von Mycoworks verspricht, eine vegane und nachhaltige Alternative zu sein. Das hat bereits diverse Prominente dazu motiviert, als Investoren bei Mycoworks einzusteigen - etwa Schauspielerin Natalie Portman oder Sänger John Legend.

Natalie Portman

Schauspielerin Natalie Portman: Sie ist als Investorin bei Mycoworks dabei.

Quelle: Getty Images

Hermès-Partner Mycoworks ist nicht das einzige Unternehmen, das versucht,  «Leder» auf Pilzbasis zu kommerzialisieren. Rivale Bolt Threads etwa will ebenfalls dieses Jahr Produkte aus seinem Mylo genannten Material präsentieren. Bolt Threads arbeitet mit einem Konsortium von Modemarken zusammen, zu dem etwa Stella McCartney und das Gucci-Mutterhaus Kering gehören.

Nachhaltigkeit ist für Hermès kein Neuland. Die Produkte der Edel-Marke sind aufgrund ihrer Zeitlosigkeit und Langlebigkeit fast per se nachhaltig - und erzielen auf dem Secondhand-Markt Spitzenpreise. Mit der Tasche aus Pilz-«Leder» geht das Unternehmen nun einen weiteren Schritt in Richtung nachhaltiger Luxus, in Richtung neue Konsumenten.