Keiner kam schneller aus der Deckung als er: Nur ­gerade zwei Tage nachdem der Reisekonzern Kuoni an­gekündigt hatte, sich aus dem traditionellen Reisegeschäft zu verabschieden und sechs Ländergesellschaften zu verkaufen, meldete Hotelplan-Chef Thomas Stirnimann seine ­Ambitionen an. «Ich denke, wir wären bei weitem der beste Käufer für Kuoni Schweiz», liess er die Branche via das Fachblatt «TTG Asia» wissen.

Einige Tage später wiederholte Stirnimann die Botschaft im kleinen Kreis von Schweizer Journalisten. Auch gegenüber BILANZ unterstreicht er: «Für keinen anderen ­potenziellen Käufer hat Kuoni Schweiz strategisch solch einen Wert wie für uns.» Ein deutliches Statement aus Glattbrugg, dem Hauptsitz der Migros-Tochter ­Hotelplan.

Nun sind markige Worte vom Chef des zweitgrössten Schwei­zer Reiseveranstalters zwar nichts Aussergewöhnliches: Der 52-jährige Manager tritt stets selbstbewusst auf, sein Hang zum Jovialen sorgt zu­weilen für Stirnrunzeln. Dennoch – der rasche Positionsbezug zum Thema Kuoni lässt aufhorchen.

Warum so voreilig?

Warum so voreilig? Noch ist nichts passiert, das Rennen offen. «Ich wollte verhindern, dass Pseudokäufer in den Bieterprozess einsteigen, die gar nicht die Mittel und Fähigkeiten dazu haben», erklärt Stirnimann. Mit anderen Worten: Die Konkurrenz sollte möglichst rasch wis­sen, mit wem sie es zu tun bekäme, wenn sie ins Bieterrennen einstiege. Nämlich mit der Migros, einem 27-Milliarden-Franken-Koloss, der über beträchtliche Cash-Reserven verfügt.

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Weggefährten sehen das Vorpreschen des Managers indes noch in etwas anderem Licht. «Die Wahrheit ist: Stirnimann will Kuoni einfach unbedingt haben. Das Thema einer Übernahme ist seit Jahren auf der Agenda, und jetzt will er sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen», sagt einer, der Stirnimann seit langem kennt. Mit dem frühen öffentlichen Bekenntnis habe dieser vor allem gegenüber der Muttergesellschaft Migros diskret Druck aufbauen wollen. Die kann nach dem öffentlichen «Yes, we can»-Bekenntnis gar nicht mehr anders, als sich das Dossier Kuoni genau anzuschauen.

Verhinderte Krönung

Tatsächlich hat Stirnimann mit Kuoni noch eine Rechnung offen. 25 Jahre hatte er im Sold des grössten Schweizer Reiseveranstalters gestanden und dort eine bemerkenswerte Karriere hingelegt: Der Reiseprofi arbeitete sich in ­dieser Zeit vom KV-Stift zum General­direktor Schweiz hoch. Als 2005 sein Ziehvater, Kuoni-CEO Hans Lerch, den Posten räumte, wollte Stirnimann nachrücken. Doch der Verwaltungsrat entschied sich für einen Externen, Armin Meier. «Das hat ihn damals schon sehr gewurmt», sagt einer, der die Wahl nah miterlebte.

Stirnimann dementiert selbstredend jegliches persönliches Involvement. Relaxed sitzt er in seinem lichtdurchfluteten Büro und sagt nonchalant: «Ich bin bei Kuoni völlig emotionslos. Es macht einfach Sinn. Wir stehen für eine Schweizer Lösung, und wir haben die Kompetenz, um so ein Ding zu stemmen.»

Im Aufwind

Man merkt, dass der passionierte ­Jogger, der in der noblen Zürichsee-­Gemeinde Rüschlikon wohnt und in Arosa eine Zweitwohnung besitzt, derzeit Aufwind verspürt. Ausgerechnet im Jahr, in dem Erzfeind Kuoni kapituliert, präsentiert Stirnimann bei der Hotelplan-Gruppe das «erfolgreichste Geschäftsjahr seit sieben Jahren». Noch im letzten Frühjahr hatte zum wiederholten Mal ein Betriebs­verlust (Ebit) von vier Millionen Franken ­resultiert. Für das Geschäftsjahr 2013/14 weist die Hotelplan-Gruppe nun einen Gewinn von 26,6 Millionen aus. Zwar wurde nur das Ebita (vor Amortisationen) gezeigt, doch laut dem Management schreibt man auch auf Ebit-Stufe schwarz. Auch der Umsatz stieg mit 17 Prozent auf 1,32 Milliarden deutlich an.

Die Entwicklung ist vor allem auf die guten Ergebnisse des Hauptumsatz­trägers, Hotelplan Suisse, und auf die Integration des Ferienhausanbieters Inter Chalet zurückzuführen. Das Sorgenkind Hotelplan Italia, das tiefrot schrieb und das Stirnimann selbst restrukturiert hat, kommt nun nah an die schwarze Null.

«Vertrauen geschaffen»

Im von Migros-Chef Herbert Bolliger präsidierten Hotelplan-VR nimmt man den Turn­around mit Genugtuung zur Kenntnis. «Die positiven Zahlen nehmen Druck von Stirnimann», heisst es dort. Dass das Standing des CEO gestiegen ist, zeigt auch die Tatsache, dass er sich vor ein paar Monaten aus der Rolle des Direktverantwortlichen für die Schweiz zurückziehen konnte und nun nur noch die Gruppe führt. Für eine Firma von der Grösse Hotelplans nicht unbedingt ein zwingender, geschweige denn ökonomischer Schritt. Aber Stirnimann konnte die Organisationsänderung durchboxen. «Es ist uns gelungen, bei unserem Eigentümer wieder Vertrauen zu schaffen», sagt er.

Jetzt setzt der ehrgeizige, stets kumpelhaft wirkende Reiseprofi zum finalen Schritt an. Ein Schritt, der seiner Karriere das Sahnehäubchen aufsetzen würde: die Einverleibung von Kuoni Schweiz. 680 Millionen Franken Umsatz und gut 1000 Mitarbeitende würden im Falle eines Mergers in sein Reich übergehen, aber auch ein paar Probleme. Für Hotelplan als Partner in der Schweiz spricht einiges. Eine fusionierte Firma könnte im margenschwachen Geschäft mit Pauschalreisearrangements von Skalen­effekten profitieren. Die Mi­gros-Tochter verfügt über ein profundes Reise-Know-how und eine viel bessere IT-Infrastruktur als Kuoni – ein matchentscheidendes Asset, um im Markt, der immer schneller ins Internet abwandert, bestehen zu können.

Zugleich gäbe es aber viele Doppelspurigkeiten. Vor allem im Touroperating (Produktion) und in den Backoffice-Bereichen, zum Teil auch in den Reisebüros würde es zu einem Stellenabbau im dreistelligen Bereich kommen. Das war mit ein Grund, warum die Migros vor fünf Jahren, als ein Zusammengehen schon einmal geprüft wurde, zurückschreckte. «Der VR hatte zu viel Respekt vor dem Blutbad», sagt ein Beteiligter.

Reiseprofi alter Schule

Doch die ­Situation im Reisegeschäft hat sich inzwischen zugespitzt. Internetgiganten wie Booking.com oder Expedia grasen mit grosser Marktmacht das Geschäft ab, die Airlines holen das Business direkt zu sich. Bestehen kann nur noch, wer blitzschnell auf die globalen Betten­datenbanken zurückzugreifen und genügend Volumen im eigenen Markt zu ­bewegen vermag.

Hotelplan hat das Online-Geschäft in den letzten Jahren zwar massiv und technologisch erfolgreich forciert, doch Stirnimann werden in diesem Bereich keine strategischen Visionen nachgesagt. Er ist in einem System gross geworden, das ­Reisen noch auf ganz andere Art pro­duzierte. Auch mit den sozialen ­Medien scheint er nicht auf Du und Du zu stehen: Sein ­LinkedIn-Profil ist völlig veraltet, auf Twitter findet man ihn gar nicht. Als die Hotelplan-Führungscrew vor einigen Jahren die Phocuswright Conference in Florida besuchte, die massgebende Messe für das Online-­Travel-Geschäft, an der Persönlichkeiten wie Priceline-Chef ­Darren Huston auf­zutreten pflegen, soll Stirnimann nicht den Eindruck eines ­digitalen Enthusiasten hinterlassen haben.

Was sich daran mit Kuoni im Boot ­ändern soll, ist fraglich. Dennoch stehen die Chancen gut, dass Stirnimann die pragmatisch denkende Migros-Führung von dem Deal überzeugen kann – sofern Kuoni will. «Politik und Taktik beherrscht er aus dem Effeff», sagt ein Freund. Eine Verbindung zu Kuoni hat die Migros bereits: Sie hielt in den letzten Jahren eine Beteiligung am Konzern, die inzwischen auf unter drei Prozent gefallen ist.

Und CEO Stirnimann kann sich auf den Sukkurs aus dem innersten Zirkel verlassen: Vizepräsident des Hotelplan-­Verwaltungsrats ist Hans Lerch. Dieser boxte seinen Zögling aus Kuoni-Zeiten vor zwei Jahren als CEO von Hotelplan durch und liess den alternativen Kandidaten, den damaligen Interhome-Chef Simon Lehmann, durch Lobbying eiskalt ins Leere laufen. Während Lehmann damals zum Assessment antraben musste, schaffte es «Thomi» – wie ihn intern alle nennen – ohne Prüfung an die Spitze.

Gut vernetzt

Auch Lerch träumt schon lange davon, Kuoni zu übernehmen, hat er doch die Schmach, damals nach einem Machtkampf den CEO-Posten beim Branchenprimus räumen zu müssen, nie verdaut. «Sowohl bei Thomi wie auch bei Lerch ist das Ego eine grosse Triebfeder», heisst es unisono in deren Umfeld. Lerch wird ein gutes Verhältnis zu Bolliger nachgesagt. Einfluss im VR haben auch ­Migros-Finanzchef Jörg Zulauf und -Handelschef Dieter Berninghaus. Das Geschäft wird aufgrund der Grössen­ordnung am Schluss in der Mi­gros-Verwaltung entschieden.

Dass Stirnimann die Dinge geschickt in seine Richtung treiben kann, hat er nirgends besser bewiesen als im Hause Hotelplan. Als er bei Kuoni quittierte, stieg er bei Travelhouse ein, einer Gruppe von Spezialisten – der seiner­zeitigen Nummer vier im Markt. Der damals 43-Jährige wurde CEO und Mit­eigentümer. Ein Jahr später verkauften er und die anderen Besitzer die Firma zum stolzen Preis von fast 60 Millionen ­Franken an die Hotelplan-Gruppe – noch bevor es im Reisegeschäft so richtig abwärtsging.

Stirnimann soll beim Verkauf zwischen fünf und zehn Millionen Franken kassiert haben und sicherte sich den Job in der Teppichetage: 2008 wurde er Chef von Hotelplan Suisse mit der integrierten Travelhouse. Die Zusammenführung dieser Firmen erachtet er als seine grösste Leistung. Bald holte er eine Schar von Vertrauten aus Kuoni-Zeiten ins Haus und sicherte so seine Macht in der noch behäbigen Hotelplan-­Bastion. «Seine Buddies sind ihm wichtig. Wer nicht zum Kuoni-Zirkel gehört, bleibt ­Aussenseiter», erzählt ein Ex-Hotelplan-­Kadermitglied. Eine Fusion mit Kuoni wäre also eine Art Wiedersehen unter Freunden.