Sie sitzen in den Verwaltungsräten von Roche und Givaudan, engagieren sich für Umweltschutz und Musik. Weshalb auch für Startups?
André Hoffmann:Wir haben eine lange Familientradition. Mein Urgrossvater Fritz Hoffmann-La Roche gründete 1896 Roche ebenfalls als Startup. Das darf man nicht vergessen. Ich knüpfe an diese Tradition an und unterstütze sehr gerne junge Unternehmerinnen und Unternehmer.

Reizt es Sie nicht, selber Startup-Gründer zu sein?
Als ich noch bei Nestlé in Grossbritannien arbeitete, gründete ich ein Startup. Ich wollte Weinflaschen rezyklieren, was damals in England noch nicht bekannt war. Das Problem war, dass die Briten Wein in grünen Flaschen trinken und den Whisky in weissen exportieren. Aufgrund der fehlenden Marktlücke scheiterte das Projekt früh.

Liessen Sie sich von diesem Misserfolg entmutigen?
Überhaupt nicht. Ich habe nach meiner Zeit bei Nestlé an der Business School Insead studiert und gründete danach mit Freunden drei Startups. Eines davon hatte Erfolg.

Welches?
Das Startup hiess New Covent Garden Soup Company und verkaufte frische Suppen in Tetrapackungen. Das gab es damals noch nicht. Man kannte nur die Beutelsuppen. Eine geniale Idee. Suppen in Tetrapackungen findet man heute weltweit in jedem Lebensmittelgeschäft. Ich sage immer, das Ausschlaggebende bei einem Startup ist nicht die Idee, davon gibt es unendlich viele, sondern das Verkaufen und die Umsetzung dieser Idee.

Was hat Ihr Urgrossvater bei der Gründung von Roche richtig gemacht?
Er erkannte, dass es eine Marktnische gab bei der Industrialisierung und Standardisierung von Pharmaprodukten. Damals waren es die Apotheker, die Pulver und Salben zubereiteten. Was mein Urgrossvater hervorragend machte, war, die Kunden und die Patienten zu verstehen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Eine Idee, mag sie noch so einzigartig sein, bringt alleine wenig. Man muss sie marktfähig machen.

Schätzen Sie die Idee nicht zu gering ein?
Mein Urgrossvater hat als Erster die Medikamentenherstellung in der Schweiz industrialisiert. Die Idee war allerdings nicht neu. In Deutschland, Grossbritannien und den USA gab es bereits solche Konzepte. Mein Urgrossvater hat es aber besser gemacht als die Konkurrenten.

Was fasziniert Sie an Jungunternehmern?
Meine Kinder würden jetzt antworten: Wir müssen nicht an den Hochschulen studieren, wir brauchen bloss eine Idee wie Steve Jobs. Aber es gibt ganz wenige Steve Jobs. Als Jungunternehmer muss man eine gewisse Arroganz haben. Man muss überzeugt sein, dass man die geniale Lösung für ein bestimmtes Problem hat. Steve Jobs war zum Beispiel überzeugt, dass man ein iPhone braucht. Niemand wusste dies, er aber schon. Eine Firma, die ein neues Produkt auf den Markt bringen will, darf sich nicht nur auf Marktanalysen abstellen. Vielmehr braucht es die absolute Überzeugung für das Produkt und deswegen eben eine gewisse Portion an Arroganz.

Ist die Schweiz ein fruchtbarer Boden für Startups?
Eines der grossen Themen, die mich beschäftigen, ist der Umgang mit natürlichen Ressourcen. Im technologischen Bereich der Nachhaltigkeit und der Frage, wie wir schonender und umweltverträglicher mit Ressourcen umgehen können, hat die Schweiz ein wichtiges Wort mitzureden. Ich bin Mitglied des Vereins Cleantech, der versucht, im Bereich Energie neue technologische Lösungen zu finden und effizienter zu werden.

Welche Vorteile hat die Schweiz?
Wir sind ein kleines Land, haben ein hohes technologisches Niveau und ausgezeichnete Universitäten. Wir haben beschlossen, künftig auf Kernenergie zu verzichten und auf neue Technologien zu setzen. Schaut man sich die Startup-Landschaft Schweiz an, dann gibt es zwei grosse Pole.

Den einen am Arc lémanique um die EPFL und den anderen im Grossraum Zürich um die ETH
... Vergessen Sie das BioValley in Basel nicht.

Sind Top-Hochschulen eine zwingende Voraussetzung für einen Startup-Cluster?
Universitäten schaden sicher nicht. Blickt man in die Wirtschaftsgeschichte zurück, dann ist die Nähe eines Unternehmens zu einem guten Forschungsinstitut sicher ein Vorteil. Aber es genügt nicht. Es braucht Leute, die bereit sind, Risiken auf sich zu nehmen.

Ist diese Eigenschaft bei jungen Leuten in der Schweiz genügend ausgeprägt?
In den USA gilt ein Misserfolg als wichtige Erfahrung. In der Schweiz liebt man es, neue Technologien auszuprobieren, doch Misserfolge schätzt man überhaupt nicht. Das ist ein Paradox. Das sieht man daran, dass wir in der Bio- und der Biotech-Szene schöne Erfolge haben, doch im Bereich Social Networks deutlich weniger.

Nicht nur im Bereich Social Media, sondern auch in der IT – was erstaunlich ist.
In der Schweiz entstand das IBM Research Center und das Google- Forschungszentrum, an der ETH Zürich wurde die Computersprache Pascal, am Cern das World Wide Web entwickelt. Der Einfluss auf grosse unternehmerische Durchbrüche war aber gering.

Weshalb?
Ich teile Ihre Einschätzung. Nehmen wir das Thema Big Data. Die grosse Frage lautet: Was kann ich aus den immensen Datenmengen an neuen Erkenntnissen und Businessideen für die Zukunft gewinnen? Diese Denkweise ist in der Schweiz leider nicht so verbreitet. Das mag eine Erklärung sein.

Trotz allen Top-Hochschulen und multinationalen Grosskonzernen?
Man sollte nicht nur von der Schweiz sprechen. Schauen Sie sich die Studierenden und Dozierenden an den hiesigen Hochschulen an oder die Top-Talente, die bei den Multis arbeiten. Sie stammen aus der ganzen Welt und kommen in die Schweiz, weil erstens das Bildungsniveau sehr hoch ist und sie etwas lernen möchten und zweitens, weil sie ihre Zukunft hier starten und möglicherweise aufbauen wollen. Davon profitieren wir enorm und werden auch künftig enorm profitieren. Ich finde es immer sehr gefährlich, abschätzig über andere Nationalitäten zu sprechen. Wir leben alle in der Schweiz und versuchen, hier etwas zu bewegen.

Die Schweiz als ein globaler Standort müsste für neue Ideen und Technologien geradezu prädestiniert sein.
Wir haben im Vergleich zu vielen europäischen Staaten sehr viele Startups, vielleicht nicht so viele wie im Silicon Valley oder in Bangalore.

Welches sind die Unterschiede zwischen Europa, den USA und Indien?
Vieles hat mit der Risikobereitschaft zu tun – und vielleicht auch mit der Gemütlichkeit. Wir haben hier in der Schweiz unheimlich viel Glück und können es uns deshalb bequem einrichten. Kulturelle Unterschiede gibt es meiner Meinung nach nicht. Vielmehr ist es ein Zufall, dass sich die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort treffen. Das kann irgendwo auf der Welt passieren.

Welche Rolle spielen die Bildung und die politischen Rahmenbedingungen?
Natürlich braucht es ein gewisses Mass an Administration und Regulierung, aber nicht zu viel. Die Angelsachsen sprechen richtigerweise von einer roten Linie, die es nicht zu überschreiten gilt. Denn das lähmt die unternehmerische Initiative. Und unternehmerischer Erfolg muss gesellschaftlich akzeptiert sein, was in der Schweiz gegeben ist, nicht aber in Frankreich.

Muss der Staat bei der Unterstützung von Startups eine wichtigere Rolle spielen?
Wenn der Staat zu viele finanzielle Mittel spricht, besteht die grosse Gefahr, dass nicht nur die wirklich guten Startups unterstützt werden. Es braucht eine Meritokratie, und die beste Meritokratie ist nun mal der Markt. Würde jede Person, die eine Firma gründen möchte, vom Staat unterstützt, würden auch die schlechten Ideen gefördert. Das kann nicht im Sinne einer gesunden Volkswirtschaft sein. Die wichtigsten staatlichen Rahmenbedingungen sind Stabilität und Unabhängigkeit.

Es gibt Diskussionen in der Schweiz, wonach Pensionskassengelder zur Förderung von Startups verwendet werden sollen.
Ich halte das nicht für eine gute Idee. In jedem System bleiben die guten Unternehmer oben und finden das nötige Kapital. Dass junge Unternehmer zur Ausarbeitung ihres Businessplans oder für die Weiterverfolgung einer Idee im Rahmen eines Wettbewerbs Gelder erhalten, halte ich für eine kluge Form der Philanthropie. Deshalb engagiere ich mich auch bei venture kick.

Was sind Sie eigentlich – Manager, Unternehmer oder Philanthrop?
Ich habe ein unglaublich privilegiertes Leben und bin mir dessen sehr bewusst. Ich denke oft an meinen Urgrossvater zurück, der sein kleines Startup gründete, aus dem ein Weltkonzern wurde. Wenn es eine Möglichkeit gibt, aus einem Startup von heute eine Roche von morgen zu machen, dann müssen wir helfen. Ich habe diese Möglichkeit, und die nutze ich.

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