Macht stinkt nicht, so wenig wie Geld. «Macht entspricht der Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschliessen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln», schrieb die 1975 verstorbene Philosophin Hannah Ahrendt. In der «Einführung in die politische Philosophie Hannah Ahrendts» verdeutlicht ihr Interpret Achim Wagenknecht diese einfache Aussage: «Zur festgesetzten Uhrzeit wird der Saal sich langsam füllen, eine Menge von einzelnen Menschen mit je eigenen Vorstellungen wird in ihm Platz nehmen. In dem Masse, wie der Saal sich füllt, steigt in ihm das Potenzial der Macht. Es ist das Ziel der Veranstaltung, dieses Potenzial zu aktualisieren, die Macht von der Möglichkeit in die Wirklichkeit zu überführen. Spürbar wird die Macht in dem Moment, in dem der Initiator vor die Menge tritt und das Wort ergreift. Er kann Teile des Machtpotenzials wachrufen, wenn er ausspricht, was die vielen wollen.»

Der Gedanke hat etwas Lästerliches an sich, aber Ahrendts Beschreibung der Macht passt haargenau zur Albisgütli-Tagung der SVP.

Nun entsprechen Polemik und Poltern, Schwarzweissmalerei und hemdsärmlige Argumentation gewiss nicht dem Stil von Hannah Ahrendt. Es scheint eher, als hätte sich Christoph Blocher an Ahrendt vorbei in ihre Machtdefinition eingeschlichen. Er «spricht aus, was die vielen wollen» und noch häufiger, was sie nicht wollen. Zum Beispiel der Uno beitreten. Blochers Abstimmungsniederlage am 3. März könnte leicht zur Annahme verführen, er sei gar nicht der mächtigste Schweizer, als den ihn die von der BILANZ gebildete Jury mit Sachverständigen aus Politik und Wirtschaft sieht.

Sieg und Niederlage
Andererseits: Wer ausser ihm hätte fast die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer dazu bringen können, gegen eine Selbstverständlichkeit wie die Mitgliedschaft in der Uno zu stimmen? Und wer ausser ihm hätte desselben Tages die anderen bürgerlichen Parteien auf die Plätze verweisen und die Vertretung in den Parlamenten von Waadt, Nidwalden, Obwalden, den Städten Zürich und Winterthur noch einmal massiv verstärken können?

Christoph Blocher hat alles, was zur Macht gehört: In keiner anderen Partei gibt es einen Exponenten mit ähnlich grossem Einfluss. Mit seinen isolationistischen Vorstellungen diktiert und behindert er die politische Tagesordnung in einem Ausmass, das seine Gegner oft genug an den Rand der Verzweiflung und der ohnehin schon grosszügigen schweizerischen Kompromissbereitschaft bringt. Als nie ermüdender Gladiator in der Arena hält er sich die Medien zu Diensten. Als Selfmademan ist er niemandem Rechenschaft schuldig, und als Milliardär kann er nach eigenem Gutdünken Kampagnen finanzieren, deren Kosten andere Parteien in den Ruin treiben würden.

Niemand hat Christoph Blocher bisher vorgeworfen, was mit dem Begriff Macht gern einhergeht: Missbrauch und Korruption. Zwar sagt der österreichische Philosophie-Professor und ehemalige SPÖ-Chefideologe Norbert Leser: «Macht reflektiert sich selbst nicht, macht die Menschen korrupt und erzeugt generell eine pathologische Disposition.» An Beispielen mangelt es nicht, dass unkontrollierte Macht zu Bereicherung in unanständigem Ausmass führen kann.

Kein Zweifel, die Rangliste der Mächtigen hätte noch vor einem Jahr anders ausgesehen. Dass die wahre Macht bei den Wirtschaftsführern lag und die politischen Amtsträger im besten Fall ihren Einfluss geltend machten, die Spielregeln aber nicht verändern konnten, darüber klagten nicht nur frustrierte Linke. Die wahrhaft Mächtigen wären wohl Lukas Mühlemann und Marcel Ospel, Rainer Gut und Martin Ebner, Daniel Vasella und Franz Humer gewesen.

Die letzten Monate und Wochen haben des Volkes Glaube nicht nur an die Integrität, sondern auch an die Macht der Topmanager erheblich geschwächt. Das Gezerre zwischen Ospel und Mario Corti um die Schuld am Grounding der Swissair, die vorbezogene Vergütung des vermeintlichen Swissair-Retters Corti, die unverschämten Bezüge der ABB-Chefs Percy Barnevik und Göran Lindahl und die Verstrickungen von CS-Chef Lukas Mühlemann haben dem Image der Wirtschaftsgrössen so viel Schaden zugefügt, dass sich kein einziger Topmanager an die Spitze der Rangliste der Mächtigen vorarbeiten konnte.

Was allerdings weniger der Fehler der machttrunkenen Topmanager ist als das Versagen der Verwaltungsräte, die ihre eigene Machtposition nicht wahrgenommen und die Abfindungen von Barnevik, Lindahl, Corti und anderen nicht auf ein vernünftiges Mass reduziert haben.

Blocher profiliert sich als Reinemacher
Davon profitiert nicht zuletzt Christoph Blocher. Erstens hat er nie zurückgehalten mit giftigen Kommentaren über die Abzocker, zweitens gilt er, obwohl seine Ems-Chemie an der Börse kotiert ist, als deren Besitzer und somit nur sich selber über seine Bezüge Rechenschaft schuldig.

Er hat eben Talent, aus dem Fehler der anderen für sich selber Kapital zu schlagen. Über den Versuch zum Beispiel, ihn in die Ecke des intellektuell unbedarften, dumpfen Heimattümlers zu stellen, kann er nur lachen, auch wenn er sich mit seiner Albert-Anker-Sammlung gern auf die Heile-Welt-Nostalgie kapriziert. Jedenfalls würde er Norbert Lesers Bemerkung: «Sich in einer Machtposition zu etablieren, ist für geistige Menschen nur unter beträchtlicher Selbstverleugnung möglich», als typisch sozialistische Arroganz auslegen.

Man kann durchaus der Meinung sein, Christoph Blocher füge diesem Land Schaden zu. Aber man kann ihm nicht allen Ernstes einen Vorwurf daraus machen, dass er die in der Verfassung vorgesehenen Rechte bis zum Exzess wahrnimmt. Man kann seinen Stil verachten, die absurden Schuldzuweisungen an die «Linken und Netten», die Hetzkampagnen, man kann ihn als Person hassen, aber Machtmissbrauch wäre ihm jedenfalls schwierig zu nachzuweisen. Er führt die Rangliste der 50 Mächtigsten nicht an, weil er polarisiert, sondern weil offenbar niemand die vier Kriterien der Macht derart verkörpert wie er: Einfluss im eigenen Bereich, Einfluss auf den Gang der Dinge in der Schweiz, gefestigte Position und Durchsetzungsvermögen. Das ist weder gut noch böse, sondern einfach eine Tatsache.

Einflussfaktoren Position und Persönlichkeit
Christoph Blocher ist zudem ein gutes Beispiel dafür, dass Macht mindestens ebenso sehr von der Persönlichkeit abhängt wie vom Amt. Er selber liegt 20 Ränge vor seinem Parteipräsidenten Ueli Maurer. Peter Siegenthaler, Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, hat seinen eigenen Chef, Bundesrat Kaspar Villiger, um fünf Plätze überrundet, und Peter Schellenberg, Direktor des Fernsehens SF DRS, liegt sogar 65 Plätze vor SRG-Generaldirektor Armin Walpen. Unter den 20 Mächtigsten finden sich Ulrich Bremi, der keinen einzigen Verwaltungsratssitz in einem börsenkotierten Unternehmen und kein einziges politisches Mandat mehr hat, und Franz Steinegger, der schon lange nicht mehr FDP-Chef ist und als bettelnder Expo-Präsident zurzeit eher Ohnmacht als Macht empfinden muss. Aber beiden wird offenbar zugetraut, dass sie weiterhin im Hintergrund die Fäden ziehen.

Anders Bruno Gehrig und Jean-Pierre Roth. Ihren zweiten und vierten Platz verdanken sie zweifellos der Institution, die sie vertreten. Die Unabhängigkeit, in der die Nationalbank die Geldmenge steuert, sichert dem Direktorium eine Machtposition, die kein einziger Bundesrat erreicht hat. Dass sogar die Macht von NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler höher eingeschätzt wird als jene von Pascal Couchepin als erstem Bundesrat der Rangliste, spricht weniger für Bütlers Machtkalkül als für die Stellung der «Neuen Zürcher Zeitung»: Noch immer nämlich gilt die oft verlachte «alte Tante» von der Falkenstrasse als des Bürgers erste Quelle der Meinungsbildung – und scheint als Institution genauso unantastbar wie die Nationalbank.

Die Macht der Medien
Hugo Bütler ist allerdings nicht der einzige Medienvertreter, der sich unter den 50 Mächtigsten einreihen konnte. Verleger Michael Ringier liegt immerhin einen Platz vor Bundesrat Kaspar Villiger, Frank A. Meyer fünf Ränge vor Bundesrätin Ruth Metzler. Wie sehr der Besitzer des grössten Schweizer Verlags seine Macht wahrnimmt, beispielsweise über die Boulevardpresse die Gefühle des Volkes in die eine oder andere Richtung lenkt, ist genauso unerheblich wie die Frage, ob Hugo Bütler seinen NZZ-Redaktoren detaillierte Vorgaben macht – was übrigens unvorstellbar wäre. Allein schon durch die Wahl und allenfalls die Abberufung der Chefredaktoren übt Michael Ringier und mit ihm Frank A. Meyer Einfluss auf die journalistische Linie seines Verlags aus. Dass er einen Konzernjournalismus betreibt, streitet er ab, aber «in anderen Häusern überlässt man die Inhalte einfach den Chefredaktoren, dies halte ich für die grösste Katastrophe», sagte Michael Ringier in einem Interview mit der «Weltwoche» und präzisierte: «Ein Verleger, der sich nicht mit Inhalten beschäftigt, soll gleich zu Hause bleiben.»

Die Spitzenplätze der Rangliste beweisen, dass die Jury die Macht sehr wohl in verschiedenen Erscheinungsformen erkennen konnte: Der Polterer Christoph Blocher und der Grandseigneur Jean-Pierre Roth, der öffentlichkeitsscheue Hugo Bütler und die sich selbst inszenierende Carla Del Ponte, der Shareholder-Value-Prediger Martin Ebner und der Gewerkschafter Ernst Leuenberger, sie alle üben auf ihre eigene Art Macht aus. Die einen haben sie durch ihr Amt erhalten, die andern haben sie selbst erworben; die einen geniessen und zeigen sie, die andern vermeiden jeden Anschein der Macht.

Die mächtigsten 50 Schweizerinnen und Schweizer sind so unterschiedlich wie die 300 Reichsten, welche die BILANZ jeweils im Dezember auflistet: Die einen haben geerbt, die andern den Reichtum selbst erschaffen; die einen protzen mit ihrem Geld, die anderen sind Milliardäre und gehen doch jeden Tag unauffällig ihrem Beruf nach. Womit die Gemeinsamkeiten jedoch erschöpft sind, denn die Reichsten sind nicht zugleich die Mächtigsten.

Zwar ist Christoph Blocher mehrfacher Milliardär, der zurzeit reichste Schweizer aber, Ernesto Bertarelli, erreicht in der Rangliste der Mächtigsten lediglich Platz 40. Womit er sehr viel glücklicher wäre als Christoph Blocher, wenn der Basler Historiker Jacob Burckhardt Recht gehabt haben sollte: «Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und also unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muss also andere unglücklich machen.» Mitarbeit an diesem Dossier: Bruno Affentranger, Ruedi Arnold, Carmen Gasser, Raphaela Hettlage, Marc Kowalsky, Gerd Löhrer, Stefan Lüscher, Martin Schläpfer, Iris Spogat.
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