Zehn Sekunden innehalten. Diese Mini-Auszeit gönnt sich Christoph Birkholz ab und zu mitten in seinem zehnstündigen Arbeitstag. «Um mich kurz selbst zu spüren und mich zu fragen: Wie geht es mir? Bin ich unterzuckert?»

Um die Ohren hat der scheinbar unermüdliche 35-Jährige so einiges, wie er auf seinem Brockenhaussessel in der Lounge in der zweiten Etage des Impact Hub-Hauptstandorts in Zürich erklärt. Der zwischengenutzte restaurierte Industriebau direkt an der Sihl war früher eine Chemiefabrik. Eine schwarze Katze läuft vorbei, und unten läuten die Bässe des Café Auer gerade den Freitagabend ein.

Mit einem Lächeln und einem «Hello» grüsst Birkholz die vorbeigehenden englischsprechenden Kollegen – auffällig viele davon mit Bart, Brille und Dutt. Wer hier konzentriert vor dem Laptop sitzt oder sich gerade auf den Weg zum Feierabendbier macht, sind die 80 Hubmitarbeiter, die sich 50 Vollzeitstellen teilen. Oder es sind die Mitglieder des Impact Hubs, wie sich die Mieter des Co-Working-Space nennen. Der Hub ist Teil eines Netzwerks in über 105 Innovationlabs weltweit.

In diesen Tagen wird der Launch von Impact Hub Schweiz gefeiert, zu dem sich die Hubs Genf, Lausanne, Bern, Basel und Zürich zusammengeschlossen haben. Es geht im Impact Hub längst nicht nur um das Teilen von Arbeitsplätzen, sondern um ideellen Austausch und Unterstützung in den ersten Jahren nach der Firmengründung, wie Birkholz betont: «Der Impact Hub ist eine Community, die einen Beitrag zur Gesellschaft leistet – mit einer ökologischen oder sozialen Ausrichtung oder neuen technischen Entwicklungen.»

Anzeige

Sich schwierigen Themen stellen

Den Impact Hub Zürich, die Plattform für offene Innovation «Kickstart» oder das nachhaltige Fintech Startup «Yova» – was Christoph Birkholz in den letzten zehn Jahren alles mitaufgebaut hat, scheint ihn manchmal selbst zu überraschen. Doch was treibt ihn eigentlich an? Aufgewachsen und geboren im Ruhrgebiet, hat er sich «ein Leben lang in Wirtschaft ausgebildet, vom Bachelor über den Master bis zur Dissertation zum Thema nachhaltige Investitionen an der Hochschule St. Gallen.

Aber ich weiss, dass die traditionelle Ökonomie nicht funktioniert.» Seiner Ansicht nach ist es zwingend, äussere Einflüsse wie etwa das CO2-Thema miteinbeziehen: «Wenn man die Wirtschaft frei machen lässt und sie nicht begrenzt, geht es uns künftig allen eher schlechter als besser.»

Die Polarisierung in der Gesellschaft und die Gefahr eines Rechtsrutsches in der Politik machen ihm Sorgen. Christoph Birkholz möchte einmal zurückblicken und seinen Enkeln sagen: «Wir wussten alles schon, wir kannten die Themen Klima und Migration. Aber wir haben unseren kleinen Beitrag geleistet, um etwas besser zu machen.» Er ist davon überzeugt, dass man mit sozialen und ökologischen Themen auch unternehmerischen Erfolg haben kann oder sogar muss: «85 Prozent unserer Mitglieder sind profitorientierte Startups, die am Markt bestehen müssen.»

Neue Entrepreneur-Community

Die Impact Hubs in der Schweiz haben sich zusammengeschlossen, und zwar unter der Dachmarke «Impact Hub Switzerland». Darunter gehören die Hubs in Zürich, Genf, Bern, Lausanne und Basel. Dem globalen Impact-Hub-Netzwerk gehören 100 Coworking-Spaces in 50 Ländern an. Das Schweizer Netzwerk zählt rund 2000 Mitglieder, darunter viele Unternehmer, Techies und Tüftler. Co-Präsidenten in der Schweiz sind Amanda Byrde und Christoph Birkholz. Sie leitet den Hub in Genf, er jene in Zürich. Mehr Info unter https://www.impacthub.ch.

Gegenseitiges Versprechen

Besteht bei so vielen Engagements nicht die Gefahr der Verzettelung? Dieses Risikos sei er sich durchaus bewusst, erklärt er. Eben ist er von einer eintägigen Retraite mit seinen drei Gründerkollegen zurückgekommen: «Es war eine Art Retrospektive der letzten paar Jahre. Sind wir noch auf einer gemeinsamen Linie? Warum machen wir das alles? Es ist wichtig, sich diese Fragen immer wieder stellen.» Weil ihr grösstes Erfolgsrezept das Miteinander sei, erneuerten die Vier in den Glarner Bergen das gegenseitige Versprechen, auch künftig beruflich gemeinsam Wege zu gehen.

Letztes Jahr ist der Impact Hub Zürich so stark gewachsen, dass die operativen Strukturen wie die Buchhaltung nicht mehr mithalten konnten. Inzwischen ist das Thema Finanzen neu organisiert und alles wieder auf Kurs. Auch bei sich ganz persönlich wendet Christoph Birkholz seit ein paar Jahren eine Art Frühwarnindikator an. Sobald er zwei Nächte hintereinander aufwacht und geschäftliche Probleme wälzt, beginnt er, zu delegieren: «Ich kann voll auf etwas fokussieren, aber ich kann auch Arbeit abgeben.»

Seine Batterien lädt er beim Mountainbiken im Wald oder Surfen am Meer mit seiner Partnerin. Oder irgendwo in der Schweiz in der Natur. Überhaupt wird ihm das Lokale immer wichtiger – seit kurzem ist Christoph Birkholz Mitglied des Quartiervereins Wipkingen.