Auf diesen Moment hatte VR-Präsident Jürgen Dormann über acht Monate warten müssen: Am 21. Februar stellte er der Öffentlichkeit Klaus Stahlmann (51) als neuen CEO des Industriekonzerns Sulzer vor. Dass es so lange gedauert hatte, einen Nachfolger für den abgetretenen Ton Büchner zu finden, dass gar Finanzchef Jürgen Brandt für mehr als vier Monate das Steuer interimistisch übernehmen musste, lag auch an der Vorgeschichte von Stahlmann: Gegen ihn ermittelte die Staatsanwaltschaft München wegen des Verdachts der Korruption bei seinem früheren Arbeitgeber MAN. Erst Mitte Februar konnte Stahlmann das Verfahren gegen eine Zahlung von 275 000 Euro beilegen.

In der Aufregung um die möglicherweise kriminelle Vorgeschichte Stahlmanns geriet dessen Vita fast zur Nebensache. Der gebürtige Kolumbianer ist in Bolivien und Paraguay aufgewachsen, war vier Jahre in Südafrika tätig und hat auch Erfahrungen in Japan, Korea und China gesammelt. Er besitzt einen deutschen Pass. Ob er auch einen Schweizer Kandidaten gesucht habe, wurde Dormann gefragt. «Die Nationalität der Kandidaten spielte im Auswahlprozess keine Rolle», antwortete der. «Entscheidend sind die industrielle Erfahrung und die beste Qualifikation für den CEO-Posten.»

Herkunft unwichtig. Holcim hat ebenfalls einen neuen Chef. Am 1. Februar trat Bernard Fontana die Nachfolge des in Rente gehenden Markus Akermann an. Fontana (50) ist Franzose. Die Schweiz kannte auch er bisher nur als Tourist. «Wir sind ein globales Unternehmen, da kann Nationalität kein Kriterium sein», rechtfertigt Holcim-Präsident Rolf Soiron (62) die Nomination. Und auch beim Lift- und Rolltreppenhersteller Schindler weht seit kurzem ein neuer Wind. Letzten Oktober hat Alfred Schindler nach 16 Jahren im Amt sein Doppelmandat aufgegeben. Seither konzentriert sich Schindler auf das ­Verwaltungsratspräsidium. Das operative Geschäft führt jetzt Jürgen Tinggren, ein 53-jähriger Schwede.

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Damit werden nun die sieben grössten Schweizer Industriebetriebe operativ von Ausländern geführt (siehe Tabelle auf Seite 48), ein Novum in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Denn jahrzehntelang war das Führungsmuster klassisch: Man vertraute auf Einheimische, die an der ETH Ingenieurwissenschaften studiert, später vielleicht noch einen MBA gemacht und sich dann über lange Jahre im Konzern hochgedient hatten. Und in vielen Firmen ist das auch heute noch der Fall: Schaut man weiter hinunter auf der Liste der grössten Industriefirmen, findet man auf den Plätzen 8 bis 20 nur Schweizer auf dem Chefsessel, von Erwin Stoller bei Rieter über Calvin Grieder bei Bühler und Peter Spuhler bei Stadler Rail bis hin zu Heinz Baumgartner bei Schweiter.

Viele sind schon seit Ewigkeiten mit dabei. Bei den Grosskonzernen jedoch herrscht emsiges Chefwechseln, fünf der sieben wichtigsten Industrieunternehmen haben in den vergangenen zwei Jahren einen neuen CEO bekommen. Und Schweizer sind dabei nicht mehr zum Zuge gekommen.

Für den Kadervermittler Guido Schilling ist das keine Überraschung: «Warum soll ein Schweizer Unternehmen von einem Schweizer geführt werden?», fragt er. «Für den Erfolg braucht es weltweit den besten Manager an der Spitze. Und da ist es Zufall, wenn er Schweizer ist.» ­Je grösser die Firma, je stärker der ­inter­nationale Konkurrenzdruck, desto ­deutlicher macht sich das bemerkbar: 16 Prozent aller im Handelsregister ein­-getragenen Geschäftsleitungsmitglieder sind Ausländer. Im SPI, der die 217 grössten börsen­kotierten Schweizer Unternehmen erfasst, trägt bereits jeder vierte Topmanager keinen roten Pass mehr. Beim SMI, der die ­20 grössten Börsenkonzerne abbildet, sind es gar zwei von drei. Im Verwaltungsrat ist der Anteil Ausländer viel niedriger (siehe Grafik unter 'Downloads'). «Dort sind die Vertrautheit mit dem hiesigen Aktienrecht und die ­Erfahrung auf dem Wirtschafts- und ­ ­Finanzplatz Schweiz besonders wichtig», sagt Schilling.

Woran aber liegt es, dass immer weniger Schweizer es auf den CEO-Sessel schaffen? Zum einen am Gesetz der ­grossen Zahlen. «Den Schweizern fehlt nichts», sagt Rolf Soiron. «Es gibt einfach nicht genug.» Natürlich ist der Pool an amerikanischen, deutschen, britischen Topmanagern grösser als derjenige an einheimischen. Und jene kommen auch gerne in die Schweiz, wegen der hohen Lebensqualität, der hohen Saläre und des starken Schweizer Frankens. Häufig sind sie einfach besser: «Die Schweizer wurden oft verwöhnt in der Vergangenheit. Es ging uns allen gut, der Druck war nie so gross wie im Ausland», sagt Head­hunter Bjørn Johansson. «Im Krisen- und Turnaround-Management haben Ausländer daher oft mehr Erfahrung.»

Ein Teil der Entwicklung ist selbst verschuldet: Obwohl sie mit ETH und EPFL zwei Hochschulen von Weltruf hat, beklagt die Schweiz seit Jahren einen Mangel an Ingenieuren. Viele Industriestaaten haben das gleiche Problem. Doch hierzulande kommt es nun auf der Chefetage an: «Das ist eine Frage des Zeitgeistes», sagt Soiron. «Viel dagegen tun kann man nicht. Da sollte man sich keine Illusionen machen.» Und wenn technisches Fachwissen an der Firmenspitze unabdingbar ist (bei den zehn grössten Industriefirmen tragen acht CEO den Ingenieurtitel), dann muss man es halt im Ausland holen.

Dieses Ausland respektive dessen Kenntnisse sind ein weiterer wichtiger Qualifikationsfaktor für den Chefsessel im Jahr 2012: «Ein CEO heute muss die globale Welt verstehen. Er muss unterschiedliche Kulturen kennen und intensive Erfahrungen in Asien und Nordamerika haben», sagt Kadervermittler Heiner Thorborg, der Klaus Stahlmann zu Sulzer gebracht hat. Doch mit einer internationalen Vita, wie sie der neue Sulzer-Chef hat, tun sich viele Schweizer schwer. «In meiner Generation gibt es viele, die gezögert haben, ins Ausland zu gehen. Da ist man erstaunlich sesshaft geblieben», sagt Soiron.

Mit Jürgen Dormann als Präsidenten, CEO Klaus Stahlmann und Finanzchef Jürgen Brandt ist Sulzer nun fest in deutscher Hand. Viele Ausländer in den Top-etagen der Schweizer Wirtschaft sind Angelsachsen. Auf CEO-Sesseln und speziell in der Industrie sind es Deutsche: sprachliche Nähe, kulturelle Affinität und die Position Deutschlands als grösster Industriestandort Europas sind die Gründe.

Die Kombination bei Sulzer findet der Kadervermittler Bjørn Johansson nicht ideal: «Vom Dreierticket CEO, CFO und Verwaltungsratspräsident sollte mindestens einer Schweizer sein.» In der Konzernleitung empfiehlt er einen Ausländeranteil von höchstens 80 Prozent. «Sonst verliert man gegenüber Kunden und Lieferanten die Swissness.» Das ist etwa der Fall beim grössten Schweizer Industriekonzern, ABB: CEO Joseph Hogan ist Amerikaner, VR-Präsident Hubertus von Grünberg Deutscher, Finanzchef ­Michel Demaré Belgier. In der elfköpfigen Konzernleitung sitzen nur zwei Schweizer, im achtköpfigen Verwaltungsrat einer. Andererseits macht der Weltkonzern ABB auch nur neun Prozent seiner Umsätze in der Schweiz.

Mit ihrer hohen Ausländerquote ist die Schweizer Wirtschaft international führend. In Deutschlands grössten Unternehmen findet man nur 25 Prozent fremdländische Topmanager, in England 18, in Frankreich, den USA oder Japan liegt die Quote noch viel niedriger. «Das ist die Überheblichkeit der grossen Nationen, die traditionell sagen: Wir brauchen keine Ausländer, wir können das auch alleine», sagt Thorborg.

Hierzulande ist der Trend zu mehr Ausländern an der Konzernspitze unumkehrbar: «Das wird so weitergehen, wir werden keine Rückkehr zu alten Prozentsätzen sehen», sagt Soiron. Vielmehr wird die Welle immer weiter nach unten schwappen. «In fünfzehn Jahren werden wir auch im Mittelstand 50 Prozent Ausländer haben», sagt Schilling.

Dabei gäbe es ein enormes Reservoir an Führungskräften: jenes der Frauen. «Wenn man sich die demografische Entwicklung anschaut, muss auch der dümmste Unternehmenslenker begreifen, dass er sich diesem riesigen Potenzial nicht verschliessen darf», sagt Thorborg. Bisher sind unter den Schweizer Top­unternehmen erst fünf Prozent der Geschäftsleitungsmitglieder weiblich; gar nur eine Industriefirma wird von einer Chefin geführt: die Schweizer ­Landesgesellschaft von ABB unter Jasmin Staiblin.

Frauenquote. Das Thema ist seit Jahren erkannt, doch ebenso lange tritt die Frauenbewegung auf der Stelle: «Die Resultate sind desillusionierend. Der Druck auf die Unternehmen ist einfach noch zu niedrig», sagt Schilling. Dabei wäre der Wille, eine Chefin einzustellen, in den Nominationsgremien durchaus vorhanden: Von «positiver Diskriminierung» spricht Thorborg. Doch vielerorts trauen sich die Frauen den letzten Schritt nicht zu: «Die jungen Frauen haben zu wenig Vorbilder. Die Mütter jener jungen Frauen, die heute im Berufsleben sind, waren in der Regel Hausfrauen», sagt Schilling. Und während Männer ihre Karriere langfristiger planen und Herausforderungen schneller annehmen, sehen Frauen mehr, was sie im heutigen Umfeld noch nicht erreicht haben, als was sie schon geleistet haben. «Es ist noch nicht der richtige ­Zeitpunkt, um zu wechseln», diese Absage hört er häufig.

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Immer mehr nehmen sich die Gesetzgeber des Themas an. In Norwegen gibt es seit 2005 eine Frauenquote für Verwaltungsräte, Brüssel will eine solche für Konzernleitungen einführen. Auch auf die Schweiz wird das Thema zukommen. «Da werden wir in den nächsten drei bis sieben Jahren grosse Veränderungen sehen», sagt Johansson. «Aber ­mangels Nachwuchs werden wir diese Frauen dann ebenfalls im Ausland ­suchen müssen.»

So wie der Kadervermittler Thorborg. Für den Chefposten bei Sulzer hatte er auch zwei Frauen auf der Shortlist. Es waren Schwedinnen.