Pünktlich zur EU-Ost-Erweiterung bekommt Ruedi Wipf, der COO des Zürcher Softwareunternehmens Adnovum, einen neuen Job: Er wird diese Woche nach Budapest reisen, um dort für seinen Arbeitgeber die erste Niederlassung in einem Billiglohnland zu eröffnen. Nach Auskunft von Adnovum wird die Filiale mit fünf Beschäftigten bestückt werden, zwei davon sollen aus der Schweiz stammen, wobei Wipf die Rolle des Geschäftsführers einnehmen wird. Mit rund 100 Beschäftigten in Zürich bleibt das Zentrum der Produktionsaktivitäten aber in der Schweiz. «Mit dem Schritt nach Ungarn versuchen wir Kosten zu sparen», sagt Thomas Schönfelder, Sprecher der Firma. Die Vergabe von Arbeiten nach Ungarn sei bei klar abgegrenzten Projekten möglich und auch sinnvoll. Adnovum-Chef Stefan Arn, der vor kurzem von einer Verlagerung ins Ausland noch nichts wissen wollte, beugt sich damit dem Kostendruck in der Schweizer IT-Industrie.

Ein Bulgare verdient 500 bis 2000 Franken

Völlig umgekehrte Verhältnisse herrschen bei der in Zug domizilierten Wizcom: Das 1996 gegründete Unternehmen beschäftigt hier zu Lande lediglich drei Personen, der Rest ­ 100 Ingenieure ­ arbeiten in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Der Gründer und Geschäftsführer von Wizcom, Nicola Fantini, sagt, er habe seine Offshoring-Erfahrungen bei der Firma 3M geholt, für die er Anfang der 90er Jahre in Indien ein Softwareproduktionszentrum aufbaute. Als er 1995 mit dem Gedanken spielte, sich mit einer Softwarefirma selbständig zu machen, schaute er sich intensiv auf den Billiglohnmärkten um, und entschied sich schliesslich für Bulgarien, weil es im Gegensatz zu Indien viel näher bei der Schweiz liegt und die Lohnkosten noch tiefer waren als in Indien.

Die Ingenieure mit Universitätsdiplom verdienen laut Fantini zwischen 500 und 2000 Fr. pro Monat, je nachdem, ob einer ein Einsteiger ist oder schon sehr viel Projekterfahrung oder Expertenwissen aufgebaut hat. Praktikanten würden mit 250 Fr. monatlich entschädigt. Wizcom setzte im letzten Jahr rund 2 Mio Fr. um, was im IT-Dienstleistungsgeschäft eine bescheidene Summe ist. Aber die Margen würden dank der tiefen Saläre stimmen, betont Fantini.

Drei- bis viermal billiger als in der Schweiz

Ein weiterer wichtiger Faktor seien die schlanken Strukturen und Prozesse. Diese sollen beispielsweise verhindern, dass Entwickler aus Bulgarien für Implementationsarbeiten zu den Kunden reisen müssten. Die Daten werden über geschützte Internetverbindungen direkt auf die Serveranlagen der Kunden geladen. Um möglichst klar definierte Pflichtenhefte in den Produktionsprozess einspeisen zu können, betreibt Fantini die Firma Scaletools, eine Beratungsfirma, welche die Projekte mit dem Kunden aufgleist und definiert. Wizcom erledigt Programmieraufträge für Schweizer Unternehmen wie SBB Cargo, Belair oder DHL/Danzas, war aber auch schon für die Credit Suisse und die Schweizer Post tätig. Der überwiegende Anteil der Aufträge komme mittlerweile aber aus den USA und England. Seine Kunden profitierten von «drei- bis viermal billigeren» Projektpreisen. Die Auftragslage sei gut, sodass er die Entwicklertruppe bis Ende Jahr auf 150 Personen aufstocken wolle.

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Noch einen Schritt weiter Richtung Osten, nämlich bis in die Ukraine, gegangen ist die Softwarefirma Sunbay aus Rüschlikon. Seit acht Jahren betreibt sie in der Hauptstadt Kiew und in Simferopol auf der Krim zwei Softwareproduktionszentren mit total 70 Entwicklern (am Hauptsitz in der Schweiz arbeiten 15 Personen). Die Entwickler verdienen zwischen 400 und 1600 Dollar pro Monat. Urs Gassmann, der für die Geschäftsentwicklung zuständig ist, schätzt die Kosteneinsparungen bei Projektvergabe in die Ukraine auf 20 bis 30% ­ also weit weniger hoch wie Fantini von Wizcom.

Der Schritt in die ehemalige Sowjetrepublik sei nicht in erster Linie aus Kostenüberlegungen erfolgt, sondern weil es in der Schweiz Mitte der 90er Jahre kaum geeignete Fachleute zu vernünftigen Preisen gab, sagt Gassmann. Sunbay wickelt Projekte im Rahmen von 50000 Fr. bis 4 Mio Fr. ab für die Industrie sowie die Finanz- und Versicherungsbranche. Das Unternehmen erzielte im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 3,5 Mio Fr. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Gassmann mit einem gleich bleibendem Umsatz. Viele Hoffnungen und Energien steckt die Firma in ein selbst entwickeltes Softwareprodukt für Telekommunikationsfirmen namens Netsnapper. Es handelt sich dabei um eine Lösung für Arbeitsnomaden, die automatisch nach der besten Internetverbindung sucht.

Grosse Flexibilität, enorme Ressourcen

Nach Mazedonien verschlagen hat es die Zürcher IT-Dienstleisterin Netcetera. CEO Andrej Vckovski habe zwar auch mazedonische Wurzeln, doch dass die Zürcher Firma ausgerechnet in diesem Land ein Produktionszentrum aufgemacht habe, sei eher dem Zufall zu verschreiben, sagt Jürg Eberhard, der Schweizer Chef über die 15 Entwickler in Skopie. «Im Jahr 2001, als in der Schweiz ein akuter Mangel an Fachkräften herrschte, wurden wir von einer mazedonischen Firma zwecks Kooperation kontaktiert ­ daraus entstand ein Joint Venture.» Für Eberhard bringt der Billig-standort (Entwickler verdienen zwischen 400 und 700 Fr.) erhebliche Vorteile: «Mit unseren Leuten in Skopie haben wir die Flexibilität und die Ressourcen, unseren Kunden noch mehr bieten zu können.»

Diese Haltung scheint in Anbetracht des gnadenlos umkämpften IT-Marktes vernünftig zu sein. Auch im Hinblick auf ein weiteres Vordringen indischer Offshoring-Firmen nach Europa. Mit Tata Consultancy Services, Progeon und Satyan haben nämlich bereits drei indische Firmen in Tschechien, Ungarn und Polen ihre Zelte aufgeschlagen und mehrere hundert Stellen geschaffen. Dies, um noch näher bei ihren westeuropäischen Kunden zu sein. Weitere werden hinzustossen: Wie zum Beispiel Wipro, die in Tschechien, Ungarn und Polen nach einem Standort Ausschau hält, wie es auf Anfrage heisst.


Softwareentwicklung in Osteuropa

Name Herkunft Niederlassung Beschäftigte Tätigkeit

Adnovum CH Ungarn 5 SW-Entwicklung

Netcetera CH Mazedonien 15 SW-Entwicklung

Sunbay CH Ukraine 70 SW-Entwicklung

Wizcom CH Bulgarien 100 SW-Entwicklung

(150 bis Ende 2004)

TCS* Indien Ungarn 160 SW-Entwicklung

Progeon Indien Tschechien 150 Support-Services

Satyan Indien noch offen 100 (zu Beginn) SW-Entwicklung

*Tata Consultancy Services

Quellen: HandelsZeitung, Wall Street JournaL


Novartis: Offshoring-Zentrum in Indien

Der Basler Pharmagigant Novartis plant den Aufbau eines Informatikzentrums in Indien. «Novartis ist eines von vielen Unternehmen, das Informatikprozesse nach Indien zu verlagern versucht, wo sie kostengünstig abgewickelt werden können», wird ein Novartis-Mitarbeiter in dem indischen Wirtschaftsblatt «The Economic Times» zitiert. Nach einem erfolgreichen Pilotversuch mit einem kleinen Entwicklungsteam plane der Konzern nun den Aufbau einer eigentlichen Softwareentwicklungsabteilung, wo vor allem Datenreihen aus der Medikamentenforschung verarbeitet werden sollen. Mit dem Standort Indien eingerechnet, gebe es vier dieser IT-Zentren, neben dem Hauptsitz in Basel auch eines in den USA und in England. Erst im Jahr 2002 eröffnete Novartis in Bombay das Novartis International Clinical Development Center (NICCI). Mit dem Zweck, statistische Auswertungen aus klinischen Daten von Humantests zu berechnen. Bereits ein Drittel aller Daten von medizinischen Tests am Menschen soll in Indien auswertet werden, schreibt die Zeitung unter Berufung auf den Novartis-Mitarbeiter.

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