Der Mann, den der Lehrling im Gang zwischen Empfang und Cafeteria eben unkompliziert mit Du angesprochen hat, ist der Boss des Unternehmens, und dass er einfach geduzt wird, hat System: «Wir duzen uns alle, das war von jeher so und gehört zur Firmenkultur», erklärt Peter Jakob, Enkel des Gründers und gemeinsam mit Ehefrau Pia Eigentümer des Unternehmens Jakob AG in Trubschachen BE.

Zu solchen Sitten passt, dass das Gespräch mit Journalisten nicht im Chefbüro stattfindet, sondern in der belebten Cafeteria. Wo andere CEOs die Tür schlössen, redet Jakob frei; wer will, kann mithören. Und zum 100-Jahre-Jubiläum im April dieses Jahres, auch das keine alltägliche Sache, flogen die gesamte Belegschaft und die Pensionierten für eine knappe Woche nach Bangkok, inklusive Begleitung waren das 118 Personen.

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«Tatortbesichtigung» nannte der Chef die Reise, besucht wurde nämlich der Suvarnaphumi Airport der Stararchitekten Murphy und Jahn, ein Bau, der nur dank modernster Drahtseiltechnologie aus dem Emmental möglich wurde.

60 Beschäftigte in Trubschachen und ein weiteres Dutzend in Tochterfirmen in Deutschland, Frankreich, den USA und China sind heute für die Firma tätig, die 1904 von Hans Jakob gegründet wurde und mit der Produktion von Hanfseilen für die Land- und Forstwirtschaft ihr Geld verdiente.

Im alten Familiensitz neben dem heutigen Firmendomizil stehen die gusseisernen Maschinen immer noch auf dem Riemenboden, liebevoll gepflegte Erinnerungen an die Vergangenheit. Es gelang dem Unternehmer in den Sechzigerjahren, die Kompetenz in der Seilproduktion auf Drahtseile für die Forstwirtschaft, aber auch für Skilifte und so weiter zu übertragen und sich im Markt zu behaupten.

Peter Jakob, Jahrgang 1956, besuchte nach der KV-Lehre berufsbegleitend die Höhere Kaufmännische Gesamtschule und verdiente seine Sporen bei Einsätzen des Schweizer Katastrophenhilfswerks im Ausland ab. Als er 1984 als junger Mann mit vielen neuen Ideen ins väterliche Unternehmen eintrat, setzte die Jakob AG jährlich noch drei Millionen Franken um – heute sind es zwanzig Millionen.

Jakob unternahm einen Trip durch Skandinavien, um potenzielle Kunden zu besuchen, denn in Nordeuropa gab es kaum mehr Drahtseilhersteller. «Ein Schlüsselerlebnis» nennt er diesen Ausflug, denn alle Gesprächspartner erklärten ihm, die Seile aus Trubschachen seien um 30 bis 50 Prozent zu teuer. Nach diesem Weckruf installierte man in Trubschachen neue Maschinen, die automatisch auch bei Nacht produzierten.

Peter Jakob kam jetzt mit einem schwedischen Zulieferer der Automobilindustrie ins Geschäft für Seile an Fensterhebern, Schiebedächern oder Rollgurten. Der Kunde diktierte die knallharten Preise, man kämpfte mit Qualitätsproblemen. Dann kam der Schock: Über Nacht wurde die Produktion des Zulieferers nach Spanien verschoben; die Jakob AG hatte das Nachsehen. «Als kleiner Anbieter haben wir mit Massenprodukten keine Chance», folgerte Jakob, der jetzt mit dem drei Jahre älteren Bruder Martin die Firma managte.

In der Architektur zeichnete sich seit den Achtzigerjahren der Trend ab, rostfreie Drahtseile für Geländer, Dachverstrebungen und andere neue Funktionen in grossem Massstab einzusetzen. Das Dach des Jakob-Firmensitzes spannt sich ohne Stützen über 23 Meter; eine funktionale und gleichzeitig dekorative Drahtseilkonstruktion macht es möglich. Drahtseile für architektonische Anwendungen wurden ursprünglich von Firmen geliefert, welche die Seile für die Schifffahrt, namentlich zur Befestigung der Masten, produzierten. «Ein Schiff ist kein Haus», sagt aber Jakob, «so entwickelten wir unsere Produkte weiter und kreierten eine grosse Zahl verschiedener Endverbindungen, mit denen die Architekten ihre Projekte realisieren können.»

Ein Gang durch die Firma illustriert die riesige Vielfalt an Haken, Ösen, Aussengewinden, Muttern oder Ringen, die dazu dienen, Seile untereinander in netzartigen Strukturen oder mit anderen Gebäudeteilen zu verbinden. Jakob Inox Line heisst die Produktelinie, deren Komponenten in Weltklassebauten von Sir Norman Foster ebenso zu finden sind wie in Garagen oder an begrünten Hausfassaden. Seile und Endverbindungen werden in der Regel im Werk Trubschachen entwickelt und grösstenteils auch im Emmental produziert. Andere Bestandteile stellen Partnerfirmen in Vietnam und Thailand sowie europäische Zulieferer her.

1988 kreierte die Jakob AG erstmals einen farbigen Prospekt mit der Produktpalette, das Werbemittel markierte den Durchbruch, verlieh dem Unternehmen Profil und veränderte es. «Wir erkannten unsere Stärken», hält Peter Jakob fest, «und fanden in Produktpalette, Vermarktung und Auftritt unsere Nische.» 1990 doppelte man mit einem grossen, mehrsprachig auf den Markt geworfenen Katalog nach, worauf sich die Stuttgarter Firma Carl Stahl meldete und für zehn Jahr deutscher Partner der Jakob AG wurde.

Konzentriert füllen Mitarbeiter Kunststoffbehälter mit massgeschneiderten, von Kunden in aller Welt bestellten Artikeln. Da werden acht 90 Zentimeter lange Seile mit verpressten Endhülsen für einen Mailänder Architekten verpackt, dort rüstet ein Mitarbeiter zwanzig Seile mit geschlitzten Umlenkschrauben für ein Projekt in Florida. Hunderte unterschiedlicher Komponenten sind in einem elektronisch gesteuerten Lager in Sekundenschnelle verfügbar. Die Fachleute montieren die Endverbindungen gemäss den Aufträgen an die Seile und erledigen die Orders oft noch am selben Tag, der Exportanteil beträgt 40 Prozent.

Aus 30 000 Einzelbestellungen im Wert von durchschnittlich 600 bis 700 Franken setzt sich der Jahresumsatz zusammen. Die Ausrüstung von Flughafendächern wie in Bangkok ist die Ausnahme, ein Megatrend hingegen ist die Begrünung von Häusern mittels filigraner, vor die Fassade gespannter Seilkonstruktionen. Doch auch die hergebrachte Seil- und Hebetechnik bringt grosse Umsätze. Nach dem Sturm Lothar, Ende 1999, musste die Jakob AG Sonderschichten einlegen, um Drahtseile an die mit gewaltigen Sturmholzmengen kämpfende Forstwirtschaft zu verkaufen.

Im Jahr 2001 zogen nach einer Erfolgssträhne dunkle Wolken über der Firma auf. Der sechs Millionen kostende Ausbau des Firmensitzes war gerade im Gang, da sah sich die Jakob AG gezwungen, wegen unterschiedlicher strategischer Vorstellungen die Zusammenarbeit mit dem deutschen Partner Carl Stahl zu beenden. 20 Prozent des Umsatzes brachen weg.

Ein Prozess wegen Patentrechtsverletzungen, den die Brugg Drahtseil gegen den kleineren Konkurrenten vom Zaun gebrochen hatte, belastete das Unternehmen. «Wir durchlebten eine enorme Krise», erinnert sich Peter Jakob. Der Gerichtsfall wurde von der Jakob AG gewonnen, die getätigten Rückstellungen konnte das Unternehmen für dringende Aufgaben nutzen. Die Trennung vom deutschen Partner erwies sich als Befreiungsschlag, denn die Jakob AG kann jetzt autonom agieren. Das erstarkte Unternehmen zog gegen internationale Konkurrenz den Zwei-Millionen-Kontrakt für die 102 bespannten Flughafendächer in Bangkok an Land, den grössten Auftrag in der Firmengeschichte.