Seine Frau war wenig begeistert, als er ihr davon berichtete. Dabei tat er das, was er während einer kurzen Lücke in einem langen Geschäftstag auch in Zürich oder in New York getan hätte: Joggen. Nur, dass die Strassen, die Urs Wietlisbach sich dafür ausgesucht hatte, eben weder zu Zürich noch zu New York gehörten. Sondern zu Medellín.

«Das negative Bild, das man sich gemeinhin macht, entspricht nicht der Realität. Das ist eine hochinteressante Grossstadt», versichert Wietlisbach, einer der Gründungspartner der Zuger Vermögensverwalterin Partners Group und Verantwortlicher für deren internationale Geschäftsentwicklung. Falsch sei auch das Bild eines Landes, das nach Jahrzehnten des Kriegs darniederliege. «Kolumbiens Wirtschaft hat sich unter der aktuellen Regierung positiv entwickelt» so Wietlisbach.

Und genau deshalb sandte ihn Partners Group vor Ort. Ko-lumbien, Chile, Peru, Mexiko, Brasilien - nach dem Vorstoss in Richtung Asien, Mittlerer Osten und Australien sind dies die nächsten Märkte, in denen das auf Investments ausserhalb der Börsen spezialisierte Unternehmen Fuss fassen will.

Start in São Paulo

«Lateinamerika ist noch kaum vom Kapital ausländischer Privatmarktinvestoren erschlossen», sagt Wietlisbach. In der Folge seien die Preise für Anlagen noch günstiger als in Asien und viel tiefer als in den USA und Europa. Inzwischen hat Partners Group in der Region bereits 300 Mio Dollar investiert und 200 Mio Dollar an Neugeldern erzielt.

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Noch dieses Jahr soll nun im brasilianischen São Paulo die erste Niederlassung der Region eröffnet werden. Weitere Filialen könnten folgen - und für den 49-Jährigen steht fest: «Ich muss noch Spanisch lernen.»

Umbruch der Weltordnung

Ebenso wenig komme heute ein Investor nicht umhin, die Schwellenländer zu berücksichtigen, ist Wietlisbach überzeugt. «Wir sind mitten im Umbruch der Weltordnung - die ‹entwickelte Welt› ist überaltert, wächst kaum noch und ist überschuldet.» China sei dagegen zur zweitgrössten Wirtschaftsnation avanciert und könnte in weniger als 20 Jahren das höchste BIP weltweit ausweisen.

Entsprechend besteht in diesen Märkten ein hoher Kapitalbedarf und damit eine gute Voraussetzung für Private Equity, sagt Wietlisbach. Wer die Schwellenländer jetzt in seiner Investmentstrategie nicht entsprechend ihrem Potenzial gewichte, gehe aktiv eine Wette gegen das Wachstum dieser neuen Märkte ein.

Den Gegenpart in dieser Wette nimmt Partners Group ein: Auf lange Sicht soll ein Drittel der verwalteten Vermögen direkt und indirekt in den «Emerging Markets» angelegt werden - in Firmenbeteiligungen, Krediten, Infrastruktur und Immobilien. Bis jetzt hat dieses Engagement auch im schwierigsten Umfeld hohes Wachstum gebracht. Beschäftigte Partners Group zu Beginn der Finanzkrise 270 Mitarbeiter, arbeiten heute deren 400 für die Zuger Firma, verteilt auf 40 Nationalitäten und bis Ende Jahr 13 Filialen in aller Welt. Zudem war das Unternehmen jüngst in der Lage, das Neugeldziel für 2010 auf 5 bis 5,5 Mrd Fr. zu erhöhen. Doch der Erfolg stellt das Unternehmen auch zunehmend auf die Probe. Die seit 1996 bestehende Firmenkultur von Partners Group beizubehalten, das sei ein Punkt, der die Gründer heute intensiv beschäftige, sagt Wietlisbach.

Marsch auf den Wildspitz

Wietlisbach, der zuvor bei der für ihren Korpsgeist berühmten US-Investmentbank Goldman Sachs Karriere machte, weiss genau, was er sich unter dieser Kultur vorstellt. Harte Arbeit, Qualität und die Kundenbedürfnisse ins Zentrum stellen das mögen Gemeinplätze sein, die sich im Leitbild von zig anderen Finanzdienstleistern finden. Doch wo sonst gibt es eine wöchentliche Videokonferenz, an der vom Partner bis zur Rezeptionistin und von San Francisco bis nach Peking alle Mitarbeitenden teilnehmen? Wo sucht man vergeblich nach Stechuhren und langen Hierarchieleitern, wo steht den Mitarbeitern nach fünf Jahren Anstellung ein bezahlter Sabbatical zu? Und wo ist jeder zur «humbleness», also zur Bescheidenheit, angehalten? Um diese Werte zu verinnerlichen, muss jeder, der neu eine Stelle bei Partners Group antritt, bis zu einem Jahr am Hauptsitz in Zug arbeiten - ganz gleich, aus welcher Region er stammt. Von dort aus wandern alle neuen Mitarbeiter auch einmal auf eine Berghütte auf dem Wildspitz und werden dort über einige Tage in die Firmenkultur eingeführt.

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Gewinnen mit «Nötzli»-Typen

Die Höhenmeter bis auf den Wildspitz werden noch einige überwinden müssen, denn die Partner wollen das Unternehmen auch in den nächsten Jahren wachsen sehen. Das entgegen der Weisung zu «humbleness» doch etwas unbescheidene Ziel ist es dabei, zu einem der weltweit führenden Anbieter für Privatmarktanlagen zu werden.

Und wozu braucht dann der globale Player noch die Schweiz? Schon heute stammen 80% der verwalteten Gelder von ausserhalb des Frankenraums. Aber am Standort wird nicht gerüttelt: «Wir sind eine Schweizer Firma mit Schweizer Wurzeln und beschäftigen immer noch viele Schweizer.» Natürlich seien auch das steuerliche Umfeld sowie der Finanzplatz interessant, und: Das typisch Schweizerische hilft im Geschäft. Genauigkeit, Ordnungsliebe, die Obsession bezüglich Daten - «dieser Typus eines Buchhalters Nötzli», so Wietlisbach.