Der Mitfahrer im Auto wendet den Kopf und sagt ehrfurchtsvoll: «Da drin sitzt er.» Eskortiert von Polizeimotorrädern, braust eine Staatskarrosse vorbei, über den Pariser Boulevard in Richtung des Vororts St-Denis, wo sich das Stade de France befindet. Vorneweg saust ein Polizeiauto mit Blaulicht. Im Fonds des folgenden Fahrzeuges ist hinter getönten Scheiben für einen Moment der Umriss des einzigen Staatsmanns der Schweiz zu erkennen: Joseph S. Blatter. Geboren in Visp, Oberwallis. Klein von Statur, gross an Bedeutung. Seit 1998 oberster Herr des mächtigen Fussballweltverbandes, Präsident der Fédération Internationale de Football Association (Fifa). Für Blatters Fahrzeugtross hat sich im Pariser Vorabendverkehr kurz eine Gasse gebildet. Hinter ihm versinkt Paris wieder im dumpfen Trübsinn des Verkehrsstaus.

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So leicht hat sich Joseph S. Blatter, der Chefjongleur des Weltfussballs, seinen Weg bei der Fifa bis an die Spitze nicht immer gebahnt. Mehrmals stand er vor unüberwindbar scheinenden Hindernissen. Seine Gegner, deren Zahl unübersichtlich wurde, demontierten ihn beinahe. Einmal zerrten sie ihn vor ein Strafgericht. Wiederholt prangerten sie ihn öffentlich an, bisweilen verhöhnten sie ihn gar. Sein Generalsekretär setzte ihm 2002 arg zu. Doch das Walliser Urgestein überdauerte alles und jeden. Erst jetzt, sechs Jahre nach seiner Wahl zum Präsidenten der Fifa, kann er das Amt voll geniessen.

In diesem Jahr ist der 68-Jährige auf dem Gipfel der Macht, an der Spitze des einflussreichsten Sportverbandes der Welt, bei dem mehr Nationen mittun (204) als bei der Uno (190). Er ist der Exekutivpräsident eines Verbandes, der noch immer als Verein nach Schweizerischem Zivilgesetzbuch, Artikel 60 ff. im Handelsregister eingetragen ist. Vom Sonnenberg in Zürich aus führt Blatter das Geschäft mit dem Fussball, das im Jahr weltweit rund 200 Milliarden Franken bewegt. Die Fifa selber steht für einen jährlichen Umsatz von inzwischen gegen 1,3 Milliarden Franken und passt so gar nicht mehr zu der Rechtsform, die vielleicht für kleinere Dorfvereine adäquat ist. Den grössten Teil ihres Geldes verdient die Fifa mit der alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschafts-Endrunde, die als das Sportereignis schlechthin gilt und von den meisten Menschen auf dem Globus verfolgt wird. Zuletzt waren die Kicker in Japan und Südkorea am Ball, in zwei Jahren lädt Deutschland zu diesem gigantischen Fussballfest.

Zu all dem passt, dass die Fifa dieses Jahr – im eigentlich stillen Zwischenjahr – ihren hundertsten Geburtstag feiern kann. Jubiläumsjahre sind Jubeljahre. Blatter hat seine Gegner ausgeschaltet, seine erbittertsten Feinde zumindest zu Freunden auf Zeit gemacht und die Fifa-Schatulle prall gefüllt. Das System des Joseph S. Blatter hat gesiegt. In der Nachspielzeit zwar, aber es hat gesiegt.

Fussball-Europameisterschaft 2004 in Portugal
«Die neue Infrastraktur ist unser grösster Gewinn»


Die am 12. Juni in Lissabon startende Europameisterschaft der besten 16 Teams des Kontinents wird ein kommerzielles Rekordereignis. Die Schweiz ist nach acht Jahren Unterbruch als Teilnehmernation wieder dabei. Und erstmals haben der europäische Fussballverband Uefa und ein nationaler Fussballverband eines Veranstalterlandes für die Europameisterschaften ein Joint Venture gegründet. Ein eigenes Unternehmen wird die Spiele in Portugal ermöglichen. Gilberto Parca Madaíl, Präsident des portugiesischen Fussballverbandes, bleibt vorsichtig. Mit gutem Grund: Er hat einen Skandal im eigenen Land aufzuarbeiten. Ausgerechnet jetzt.


BILANZ: Herr Madaíl, was gewinnen Sie mit der Euro 2004?


Gilberto Parca Madaíl : Nach der EM gibt es in Portugal eine Menge an ausgebildeten Marketingleuten, die für die Fussballvereine wichtig sind und die zweifellos angestellt werden.


Welche Summe wird die Euro einspielen?


Der CEO der Uefa rechnet mit einem globalen Gewinn von 800 Millionen Franken. Noch nie zuvor hat eine Uefa-Veranstaltung auch nur annähernd so viel Profit eingespielt.


Die Zahl ist unglaublich.


Das stimmt. Aber es ist der Totalgewinn. Dem portugiesischen Verband wird am Ende nur ein kleiner Teil bleiben. Das grosse Geld geht an die europäischen Landesverbände und speziell an die teilnehmenden Mannschaften.


Ihnen bleiben immerhin 200 Millionen Franken und die ganze Infrastruktur.


Das ist unser grösster Gewinn. Er bleibt dem Fussball, aber auch direkt der portugiesischen Gesellschaft. Denken Sie an den neuen Flughafen in Lissabon, an die Bahnverbindungen, an die Investitionen in Hotels, an das neue Trainingszentrum, das wir aus dem Gewinn finanzieren wollen. Ein Gewinn ist sicherlich auch die Werbung für unser Land. Portugal wird im Schaufenster stehen. Fast acht Milliarden Menschen werden als TV-
Zuschauer von Portugal hören. Die Regierung hat nicht umsonst einen Effort unternommen, das Image des Landes zu verbessern. Sie erwartet eine anhaltende Erhöhung der Tourismuszahlen in den kommenden Jahren.


Exakt jetzt erleidet der Fussball in Portugal einen grossen Reputationsschaden. In Portugals Ligen sind Spiele verschoben worden. Vereinsfunktionäre und Schiedsrichter sitzen seit Ende April hinter Gittern.


Im Fussball weiss man meist nicht, was in den nächsten Minuten geschehen wird.


So einfach ist das?


Die Sache gefährdet das Image Portugals im dümmsten Moment. Aus diesem Grund habe ich auch meine Kandidatur für das Exekutivamt im europäischen Verband verschoben. Unter diesen Umständen konnte ich Ende April nicht kandidieren.


Was ist in Ihrem Verband geschehen?


Schiedsrichter sind beeinflusst worden. Ich betone, dass dies nicht in den Ligen der Fall war, in denen professioneller Fussball gespielt wird, sondern auf dem Feld des Amateurfussballs. Es ist nicht gut, dass die Präsidenten der Amateurliga und des Schiedsrichterwesens in diesen Skandal verwickelt sind.


Ein erfreulicheres Thema: Wer wird Europameister?


Mein Herz sagt mir, dass Portugal gewinnen wird. Aber ungefähr 15 Mannschaften haben reelle Chancen.

Joseph Blatter ist einer der bestbekannten Schweizer auf dem Globus. Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, hat das amerikanische Magazin «Time» kürzlich unter den hundert einflussreichsten Menschen der Welt gerade einmal zwei Schweizer aufgeführt (Ausgabe 26, April 2004): Daniel Vasella, der Novartis-Chefchemiker, der im angloamerikanischen Raum hoch im Kurs steht, und Joseph S. Blatter, Fifa-Präsident.

Warum Blatter? Weil er ein Staatsmann ist. Weil er geschliffen auf derselben Augenhöhe mit Landesfürsten und Präsidenten verkehrt und ein bisschen extrovertiert und selbstverliebt in der eitlen Welt der modernen Popstars zu Hause ist. Er duzt die Fussballheroen David Beckham und Ronaldo oder die amerikanische Sängerin Anastacia. Als Botschafter des Fussballs, als der er sich selbst am liebsten sieht, vermittelt er im Jahr 2001 persönlich in Palästina zwischen Jassir Arafat und Shimon Perez. Blatter ist on the top of Switzerland.
Wer ist dieser Mann, den die ausländischen Staatschefs als ihresgleichen empfangen, den in der Schweiz jedoch nur wenige näher kennen? Joseph S. Blatter ist zuallererst ein wundersamer Mensch. Einer, der Widersprüche in sich vereint. Einer, der staatstragend auftritt und sich zugleich gerne «Sepp» nennen lässt. Der sich eines Tages entschliesst, ein Mittelinitial zu tragen, und umgehend das «S.» einschiebt. Das S. steht für «Sepp», wie er treu- und zugleich offenherzig versichert. Joseph «Sepp» Blatter. Das kann man lächerlich finden. Es ist ihm egal – zumindest erweckt er diesen Anschein.

Er ist einer, der zur Entscheidung zwingt, für oder gegen ihn. Verbundenheit oder Zurückschrecken. Dazwischen gibt es nichts. Er sei ein Provokateur. Das sagen alle, die mit ihm zu tun gehabt haben. Er lasse niemanden kalt. Man hasse oder man möge ihn. Irritierend ist dabei, dass sich selbst die ärgsten Feinde, die glauben, sich entschieden zu haben, dabei ertappen, für Momente freundschaftliche Gefühle für diesen Causeur des Sportes, diesen charmanten Conférencier aufzubringen. Sie tun dies nach eigenem Bekunden immer dann, wenn Blatter auf Tuchfühlung gehe, dann, wenn er seinem Gegenüber schmeichle.
Dieses Wechselspiel von Umgarnen und Abstossen prägt in starkem Mass das Verhältnis zwischen den beiden mächtigsten Sportverbänden Europas, zwischen dem Weltfussballverband Fifa und dem europäischen Fussballverband Uefa. Die Beziehung der beiden finanzkräftigen Vereinigungen ist – um es in der Fussballsprache auszudrücken – eine Partie, die länger als neunzig Minuten dauert, erbitterten Kampf und unsaubere Attacken enthält und in der die Tore auf beiden Seiten nicht fehlen.

Unfaire Tacklings sind keine zu erkennen, als sich im April dieses Jahres der mächtige, grosse Schwede Lennart Johansson, der Präsident der Uefa, und der Schweizer Joseph S. Blatter auf Zypern treffen. Am 22. April reichen sich die beiden die Hand. Die angeblich unversöhnlichen Kontrahenten umarmen sich sogar auf der Bühne, am Uefa-Kongress zum 50. Geburtstag dieser Vereinigung, und die anwesenden Sportfunktionäre applaudieren frenetisch. Uefa und Fifa, Johansson und Blatter: ein Bild für das Familienalbum des Weltsports. Auf das Bild angesprochen, sagt Johansson später im kleinen Kreis ein wenig entschuldigend: «Zum Tangotanzen braucht es immer zwei.»

Blatter ist da wie immer pathetischer: «Wir alle sind eine grosse Fussballfamilie», jubelt er noch auf der Bühne. Seine Erleichterung ist greifbar.

Die Szene gleicht einem Wunder. Allen auf Zypern Anwesenden sind noch immer die Kampfwahlen von Johansson gegen Blatter 1998 um die Fifa-Spitze in bester Erinnerung. Nicht lange zurück liegen ausserdem die Schmutzkampagnen, die vor der überraschend klaren Wiederwahl Blatters 2002 standen. In Zypern umarmen sich zwei erbitterte Feinde, die sich seit mehr als zehn Jahren hassen gelernt und dabei irgendwann festgestellt haben, dass sie in Harmonie miteinander werden leben müssen.

Ihren Anfang nahm die Rivalität zwischen den Spitzenpolitikern der Uefa und der Fifa 1994 in Holland. In der Küstenstadt Noordwijk tagte in jenem Frühling das Exekutivkomitee der Uefa. Alle Versammelten wussten, dass im folgenden Juni, noch vor der Weltmeisterschafts-Endrunde in den USA, die Wahl des Präsidenten der Fifa anstand. Die Stimmung war angespannt.

Sepp Blatter ist zu diesem Zeitpunkt schon seit 13 Jahren Generalsekretär in der Fifa. Er ist Diener des um zwanzig Jahre älteren Präsidenten, des 1974 gewählten Brasilianers João Havelange. Havelange, Jahrgang 1916, ist im Amt alt geworden. Sein Walliser Leutnant, der 19 Jahre Fifa-Karriere hinter sich hat, sieht die Chance gekommen, sich selbst die Krone des Fussballsports aufzusetzen. Lange hat er auf diesen Moment gewartet. Er bereist in seiner Funktion als Generalsekretär alle Kongresse der sechs Konföderationen, die jeweils im Monat vor der Wahl stattfinden: Asien, Karibik, Europa, Südamerika, Ozeanien, Afrika. Blatter ist überall. Stets wirbt er für sich. Er tut dies versteckt, in Einzelgesprächen oder in kleinen Runden in den Hotels.

So auch im holländischen Noordwijk. Denkt er. Doch dann muss er erstmals Farbe bekennen. Uefa-Präsident Lennart Johansson, der manchmal apathisch wirkende Schwede, fragt den Generalsekretär vor versammelter Uefa-Exekutive, ob es stimme, dass er, Blatter, im Juni gegen seinen eigenen Präsidenten Havelange zu kandidieren gedenke?

Sein Gegenüber erschrickt. Für den eloquenten und rhetorisch wendigen Blatter gibt es für einmal kein Entrinnen. Blatter sagt laut und deutlich Ja. Er flüchtet sich nicht, wie später oft der Fall, in Zynismen oder ironische Bemerkungen.

Joseph Blatter muss sich an jenem Tag sicher gefühlt, genug Stimmen auf seiner Seite geglaubt haben. Möglicherweise hat er sich auch einfach zu schlecht vorbereitet. Blatter verrechnet sich – das letzte Mal in seiner langen Zeit bei der Fifa. Das Exekutivkomitee der Uefa entsagt ihm die Unterstützung. Der Europäer, der an die Spitze des Weltverbandes will, darf nicht mit der Uefa, dem europäischen Verband, rechnen. Johansson und sein Generalsekretär Gerhard Aigner, ein stiller, nachhaltig arbeitender Bayer, goutieren diese Kandidatur nicht.

Die paradoxe Situation ist erklärbar. Johansson und Aigner geisselten Blatters Verhalten als Hochverrat. Unmoralisch erschien ihnen, dass ausgerechnet der erste Diener seinen König meucheln sollte. Das passte für sie zum schlechten Eindruck, den Joseph S. Blatter bei ihnen in den Jahren zuvor hinterlassen hatte.

1991 hatte der Generalsekretär der Fifa die Gründung der europäischen Champions League öffentlich als Ausverkauf des Fussballs gegeisselt. Blatter hatte kritisiert, dass Johansson und Aigner diesen gesamteuropäischen Klubwettbewerb zu einem Produkt zusammengefasst und kommerzialisiert hatten.

Blatter und seinem Präsidenten João Havelange war die wachsende Finanzkraft der Uefa ein Dorn im Auge. Die Uefa konnte ab 1991 dank Vermarktungsverträgen plötzlich viel Geld an die Vereinsmannschaften verteilen, die an der Champions League teilnahmen. Das stärkte die Position der Uefa gegenüber den Fussballklubs und minderte direkt den Einfluss der Fifa, die nur wenig Pekuniäres zu bieten hatte. Der Grund: Havelange und Blatter hatten sich und ihr Produkt – die alle vier Jahre stattfindende Weltmeisterschafts-Endrunde – in einem vergleichsweise armseligen Zehn-Jahres-Vermarktungsvertrag selber geknebelt.
Das war die Ausgangslage in Noordwijk. Selbstverständlich liebte auch die Uefa diesen König der Fifa, den Brasilianer Havelange, nicht mehr. In den letzten Jahren seiner Amtszeit war er nicht nur den Europäern zu stur und zu eigenmächtig geworden. Die Konföderationen monierten immer wieder, dass sich Havelange als Präsident über Entscheide des 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitees, des «Verwaltungsrates» der Fifa, hinwegsetze.

Die in der Uefa zusammengefassten Europäer hatten deshalb bereits vor
Noordwijk insgeheim beschlossen, dass sie einen eigenen Kandidaten aufstellen würden. Uefa-Präsident Johansson sollte ihr Mann sein. Doch der bis dahin während Jahren seinem Präsidenten Havelange servil ergebene Blatter überraschte alle.

Einer der Anwesenden nannte den Walliser «einen Emporkömmling, der sich im Schatten von Havelange schadlos gehalten hat». Joseph S. Blatter war für sie unwählbar.

An diesem Tag riss definitiv der Faden zwischen Johansson und Aigner auf der einen und Blatter auf der anderen Seite. Das hatte nachhaltige Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Uefa und Fifa.

Logische Konsequenz der Noordwijker Anekdote war im Sommer 1994 die Wiederwahl von Präsident João Havelange. Der damals 78-Jährige nahm seine letzte, vier Jahre dauernde Amtsperiode in Angriff. Wer aber erwartet hatte, dass er seinen des Verrates überführten Generalsekretär Blatter entlassen würde, sah sich getäuscht. Während der Weltmeisterschafts-Endrunde arrangierten sich Havelange und Blatter. In den Vereinigten Staaten von Amerika erlebte der Walliser schöne Stunden dank der Schweizer Nationalmannschaft, die am Finalturnier überraschende Siege feierte und sich wundersam für die Achtelfinals qualifizierte. Er musste aber auch bittere und schwere Momente überstehen, während deren er um seinen Verbleib in der Fifa zitterte.

Am Ende blieb Blatter, zwei andere mussten gehen. Havelange beendete die Zusammenarbeit mit dem Wettbewerbsdirektor, dem Spanier Miguel Galan, und dem Schweizer Marketingfachmann Guido Tognoni. Sie verliessen 1995 die Fifa. Blatter opferte sie.

Warum Blatter selber damals im Amt überlebte, ist noch heute Gegenstand von Spekulationen. Die realistische, unverbriefte, aber mündlich von glaubwürdigen Zeugen bestätigte geht kurz zusammengefasst so: Blatter war wohl in der ganzen jüngeren Geschichte der Fifa der einzige Spitzenfunktionär, der nicht auf der Lohnliste des 1987 verstorbenen Adidas-Eigentümers Horst Dassler stand. Blatter selber prahlt heute manchmal gegenüber engen Freunden mit diesem Umstand.

Leichtathletik-Verbandsboss Primo Nebiolo, IOK-Herrscher Juan Antonio Samaranch, Fifa-Präsident João Havelange sowie viele grosse Sportler dieser Welt hätten Saläre aus Adidas-Töpfen und aus Kassen der Sportvermarkterin ISL bezogen, wo der deutsche Tausendsassa Dassler ebenfalls regierte. Dassler habe über dem Olympischen Komitee (IOK) und der Fifa gethront. Er sei so das Sportartikelgeschäft, der Weltsportverband und die Sportvermarktung in einer Person gewesen. Dassler hatte ab 1956, nach den Olympischen Spielen in Sydney, emsig an einer globalen Geldmaschine gebaut.

Die Zeit arbeitete für ihn, denn in den Siebzigerjahren fingen die Amateurverbände an, mit Millionensummen zu hantieren. Die marketinggetriebenen Lateiner an den Verbandsspitzen (Samaranch, Havelange, Nebiolo) klinkten sich in den langsam anschwellenden Geldfluss der Vermarktungs- und TV-Rechte ein. Zuvor waren die Sportweltverbände lange Jahrzehnte kleine, ehrenhafte und rührige Administratoren gewesen, die ihre Bedeutung lediglich aus dem Sozialprestige gewonnen hatten. Finanziell waren diese Organisationen keineswegs auf Rosen gebettet. Nur so ist es heute zu verstehen, dass die Herzogenauracher Sportartikelfirma Adidas von Adi und später Sohn Horst Dassler in den Sechziger- und bis in die Achtzigerjahre das Generalsekretariat der Fifa direkt finanzierte. Die Belege dazu sind in Adidas-Archiven zu finden.

Illegal war dieses historisch gewachsene Netzwerk des Horst Dassler wohl nicht. Eher äusserst geschäftstüchtig. Und ein wenig unmoralisch. Viele glaubten davon zu wissen, und alle schwiegen.

Joseph S. Blatter war genau im Bild. Der mit sicherem Machtinstinkt versehene Blatter feierte zusammen mit dem Netzwerker Horst Dassler viele Jahre gemeinsam die Geburtstage. Die beiden waren innerhalb von zwei Tagen zur Welt gekommen, Blatter am 10. März 1936, Dassler zwei Tage später. Zum alljährlichen fröhlichen Stelldichein traf man sich stets am 11. März in Dasslers eigenem Nobelhotel im elsässischen Landersheim. Die beiden waren dicke Freunde. Sie hätten sich gegenseitig geradezu angezogen, sagt ein gemeinsamer Bekannter heute.

Joseph S. Blatter war ein Geheimnisträger, dessen Kenntnisse den Präsidenten Havelange in Verlegenheit hätten bringen können. Dies entschied im Sommer 1994 zu Gunsten Blatters. Ausserdem wollte und konnte der zurückhaltend aktive Havelange seinen operativen Mann fürs Grobe, Blatter, nicht vom Feld weisen. Er selber beabsichtigte, weiterhin den repräsentativen Präsidenten zu geben – Blatter sollte das Tagesgeschäft verrichten. Der Blender und sein Wasserträger.

Joseph S. Blatter, der Putschist von 1994, konnte dank einer seiner unbestrittenen Qualitäten seine Haut retten – dank seinem haushälterischen, wohldosierten Umgang mit Informationen. Das System Blatter bewahrte ihn vor dem unehrenhaften Abgang: Dinge zu wissen, sie für sich zu bewahren, zu schweigen und sich damit Vorteile zu verschaffen. So liess und lässt der heutige Präsident und ehemalige Generalsekretär der Fifa ein Netz von Abhängigkeiten entstehen, in dem immer noch etwas Platz für andere, subalterne Geheimnisträger blieb und bleibt.

In den letzten vier Amtsjahren von João Havelange als Fifa-Präsident verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Joseph S. Blatter und der ihm in Noordwijk feindlich gesinnten Uefa zusehends. Sie sollten ihren Kulminationspunkt 2002 in einer Schlammschlacht von nie gesehener Schmutzigkeit finden, die in eine Strafanzeige gegen Blatter mündete. Zuvor aber stellten die Wahlen des Fifa-Präsidenten im Sommer 1998 in Paris einen unrühmlichen Zwischenhalt dar – und wurden gleichzeitig zum ersten Triumph des Joseph S. Blatter.

Am Vorabend des Weltmeisterschafts-Finalturniers in Frankreich wählte die Legislative des Weltverbandes, der Kongress der Landesverbände, Joseph S. Blatter zu ihrem achten Präsidenten. Am 8. Juni gingen am Fifa-Kongress in Paris 111 Stimmen für den bisherigen Generalsekretär ein. 80 Votanten, darunter die sich für die WM 2006 bewerbende Delegation Deutschlands, hätten lieber den ewigen Widersacher, den Schweden Johansson, an der Spitze gesehen. Dessen Wahlprogramm, «Visions» geheissen, hätte unter anderem die Bedeutung der Föderationen stärken und jene der Fifa schwächen wollen. Die Fifa wäre unter Johansson zu einer Art Holding mutiert.

Das gefiel den Günstlingen des herrschenden Systems Blatter nicht. Etliche Nationalverbände machten sich Sorgen um die Direktsubventionen, die ihnen die Fifa bisher hatte zukommen lassen. Es war eine paradoxe Tatsache, dass Vertreter europäischer Nationen den Ausgang der Wahl zu Gunsten Blatters beeinflussten und unter den 16 entscheidenden Stimmen zu finden waren. Einige der ost- und zentraleuropäischen Staaten wählten nicht ihren Uefa-Obersten aus Schweden, sondern den Schweizer, der so als erster Generalsekretär der Fifa den Karrieresprung zum Präsidenten vollzog. Dazu war jedoch eine Reglementsänderung nötig. In den Fifa-Statuten war dieser Funktionstransfer bis dato nicht vorgesehen. Mehr noch, der Generalsekretär hätte gar nicht Präsident werden können.

Doch unrühmlich war die Wahl nicht aus diesem Grund, sondern weil im Nachhinein der bislang unbewiesene Vorwurf von Bestechung und Wahlmanipulation auf Blatter zurückfiel. Vor allem britische Journalisten und Autoren vertraten diese These. Sie tun es noch immer, auch wenn sie inzwischen durch die PR-Abteilungen der Fussballorganisationen erfolgreich als Sektierer und Eiferer marginalisiert werden konnten.

In der Nacht vor der Wahl habe ein gewisser Flavio Battaini, Anwalt und Unternehmer in Zürich, für den Walliser als Botengänger fungiert, sagen Zeugen. «Dass gewisse Vertreter aus afrikanischen Staaten Umschläge zugesteckt erhielten, damit sie am Folgetag für Blatter stimmen würden, war offensichtlich», sagt heute eine Person, die selber eine aktive Rolle in den Geschehnissen von Paris gespielt hat. Zwei weitere Zeugen legen übereinstimmende Berichte ab. Selbst Blatters ärgste Widersacher anerkennen aber, dass auch die Gegenseite nicht sauber gespielt habe. «Gelder waren auf beiden Seiten im Spiel», sagt eine der Quellen.

Dabei ist diese Aussage durchaus doppeldeutig zu verstehen. Nicht um Korruption im plumpen Stil – Couverts, gefüllt mit Geldscheinen – ging es in Paris. Der Mechanismus lief wesentlich subtiler. Fifa-Chefjurist Battaini hatte 1997 im Namen Blatters mit der Vermarktungsgesellschaft ISMM/ISL in Luzern und später in Zug und mit dem Münchner TV-Rechtehändler Taurus aus der verästelten Firmenwelt des Leo Kirch Kontrakte ausgehandelt, die sich sehen liessen. Der clevere Verhandler Battaini reichte die Vermarktungsrechte an den damals noch bevorstehenden Weltmeisterschafts-Endrunden 2002 und 2006 für mehr als eine Milliarde Franken in Lizenz an die ISMM/ISL weiter.

Bei den TV-Geldern, die via Kirchs Münchner Firma Taurus zur Fifa gelangen sollten, war die Steigerung ge-genüber den Vorgängerverträgen augenfällig: 1987 versprach ein Zehnjahresvertrag mit den vereinigten öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen Europas der Fifa nur gerade 340 Millionen Franken an Einnahmen. Für drei Weltmeisterschafts-Endrunden (Italien 1990, USA 1994, Frankreich 1998), wohlverstanden. Fifa-Jurist Flavio Battaini, unterstützt durch die traditionelle Fifa-Anwaltskanzlei Niederer, Kraft & Frey in Zürich, vermochte 1997 diese Summe um den Faktor zehn (!), und zwar nur für eine Weltmeisterschafts-Endrunde (Japan und Südkorea 2002), zu erhöhen. 1,3 Milliarden Franken waren der Fifa als Erträge aus den globalen TV-Rechteverkäufen garantiert. Die WM 2006 würde gar 1,5 Milliarden Franken in die Fifa-Schatulle spülen.

Mit einem Schlag flossen dem Verein Fifa finanzielle Mittel zu, nach denen die Nationalverbände bereits im Voraus gierten – pünktlich zu Joseph S. Blatters Kandidatur im Sommer 1998. Der Walliser konnte von da an mit vollen Händen auftreten und Gelder verteilen, die für erst noch zu erbringende Leistungen der Fifa bezahlt worden waren.

Die Fifa war ein globales Milliardenunternehmen geworden. Sie gehorchte indes noch immer dem Schweizer Vereinsrecht, niedergeschrieben im Artikel 60 ff. ZGB. Als Verein scherte sich die Fifa lange Zeit nicht um Transparenz, nicht um eine Rechnungsführung nach international gültigen Standards. Der Verband gehorchte den ureigenen Regeln, die ein allmächtiger Präsident aufstellen und umwerfen konnte, wann und wie immer es ihm gefiel.

Das ärgerte Blatters Kontrahenten im Uefa-Hauptquartier in Nyon. Und noch etwas anderes trieb sie zur Weissglut: dass nämlich bis und mit der Weltmeisterschafts-Endrunde 1998 die fünf grossen europäischen Fussballnationen Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und England für rund 80 Prozent der Einnahmen gesorgt hatten. In den Augen von Uefa-Präsident Lennart Johansson und seines Generalsekretärs Gerhard Aigner verteilte die Fifa unter Joseph S. Blatter europäische Gelder an die Verbände in die Welt hinaus – nach eigenem Gutdünken und mit einer gönnerhaften Haltung, die nur schwer zu ertragen war. Ausserdem hatten die Fifa-Chefjuristen die Uefa-Demonstration des Geldverdienens – die Vermarktung der Champions League ab 1991 – verinnerlicht und für ihre Ansprüche adaptiert. Das System Blatter hatte wieder einmal einen Teil aus dem System Johansson kopiert und brüstete sich damit.

In Paris zeigte sich im Sommer 1998 deutlich, dass auf der Ebene der Sportfunktionäre nicht das Spiel – der Fussballsport – im Mittelpunkt des Agierens stand und steht, sondern die Sportpolitik. Deren Akteure verstanden und verstehen diese wiederum bis heute als einen Kampf um Mehrheiten, als ein Ringen um Koalitionen. Sportpolitik ist weniger ein «starkes, langsames Bohren harter Bretter», wie der Soziologie-Übervater Max Weber die Politik einst definiert hat, sondern eher ein stetes Knüpfen von bestehenden und neuen Seilschaften.

«Sportpolitik ist ungerecht. Logisch, denn Fussball ist auch ungerecht, auf und neben dem Platz», fasst es einer der Fifa-Direktoren in plakative Worte. Ein anderer, der ebenfalls anonym bleiben möchte, sagt, auf Blatter angesprochen: «Was die Härte im Umgang miteinander angeht, gibt es zur Politik nur noch eine Steigerung: die Sportpolitik.» Er muss es wissen, hat er doch Erfahrungen auf beiden Feldern gesammelt, und dies nicht zu knapp.

Der bitter unterlegene Uefa-Präsident Johansson und seine Getreuen schworen nach der Wahl in Paris 1998 Rache. Wutentbrannt soll der sonst so kühl wirkende Schwede am Abend des 8. Juni in sein Hotel zurückgekehrt sein, berichten Zeugen.

Joseph S. Blatter war zwar soeben mit 62 Jahren Präsident der Fifa geworden, doch der Fussballkrieg war definitiv eröffnet. Die geeinigte Fussballfamilie, von Johansson und Blatter wechselseitig beschworen, war in weite Ferne gerückt. Es folgten die anstrengenden Jahre des Foulspiels, des Klammerns und des Simulierens.