Sie trainieren die «Startup-Nationalmannschaften» von Südafrika und der Schweiz. Worum geht es?
Beat Schillig*: Seit zwölf Jahren präsentieren wir die Venture Leaders respektive Schweizer Startup-Nationalmannschaften in den USA (Silicon Valley Boston, New York) und seit 2014 auch in China vor Investoren und wichtigen Industrievertretern. Seit 2011 trainiert venturelab im Rahmen einer bilateralen Forschungszusammenarbeit der Schweiz auch die besten südafrikanischen Startups. Vor drei Jahren sind Programme mit Indien und Brasilien dazu gekommen. 

Was verspricht man sich davon?
Innovation ist das Rezept erfolgreicher Volkswirtschaften wie der Schweiz. Und Startups sind heute ein zentraler Treiber von Innovation. Das sieht man nicht nur beim Internet, sondern auch in der Pharmabranche oder in vielen anderen Industrien.

Wie hat sich die Startup-Szene in der Schweiz entwickelt?
Sehr positiv. In den letzten 15 Jahren ist ein überaus dynamisches Ökosystem entstanden.

Silicon Valley in der Schweiz?
Heute ist die Startup-Szene bereits stark globalisiert, nicht zuletzt dank dem Internet. Die Spielregeln und Vorgehensweisen für erfolgreiche Startups haben sich rund um den Erdball angeglichen. Die lokalen Startup-Ökosysteme sind weltweit untereinander bestens vernetzt.

Wer prägt die hiesige Startup-Szene?
Der Rohstoff erfolgreicher Startups ist oft Spitzenforschung. Und diese ist ebenfalls sehr international. Kein Wunder sind rund drei Viertel der vielversprechendsten Gründer in der Schweiz Ausländer – oft Doktoranden von ETH und EPFL.

Die ETHs als Treiber?
Absolut. Die besten Studenten, die besten Talente zieht es an die bestens Unis dieser Welt. Aus deren Forschungsresultaten entsteht eine zunehmende Zahl von Spin-offs. Und was mich nach über 10 Jahren in der Startup-Szene weltweit begeistert: Unternehmer zu werden hat unter jüngeren Leuten stark an Attraktivität zugelegt.

Unternehmer sein ist wieder eine Ambition?
Richtig. Weil es an jeder Uni heute Vorbilder gibt - Startup-Unternehmer, die reüssiert und Geld verdient haben. Das motiviert andere, es auch zu versuchen. Ausländer spielen dabei eine wichtige Rolle. Es ist wie in der Fussball-Nati: Junge Ausländer sind oft hungriger und risikofreudiger. Neben der trügerischen Sicherheit der Grosskonzerne wählen viele Schweizer Hochschulabgänger den Weg, in die Firma der Familie einzusteigen.

Wie haben sich die Startup-Themen verändert?
Fintech-Startups gab es vor 10 Jahren noch sehr wenige. Auch das Crypto-Valley in Zug hat eine kurze Geschichte. Die Zahl von Biotech-Startups entwickelt sich zyklisch und hängt vom Geschehen an der Börse ab. Bei Verkäufen erfolgreicher Startups kommt Bewegung auf. Gründer und Investoren verfügen nach einem sogenannten «Exit» auf einmal über viel Liquidität. So sind alleine aus dem Verkauf von jobs.ch seinerzeit Dutzende von Millionen wieder in neue Startups investiert worden. Neben dem finanziellen Kapital wird auf diesem Weg auch wieder humanes Kapital frei. Denn die Katze lässt das Mausen nicht. Erfolgreiche Gründer und Investoren engagieren sich in neuen Projekten. Somit sind Exits das eigentliche Schmieröl von Startup-Ökosystemen.

Sie bilden Uni-Abgänger aus und machen sie zu jungen Unternehmern. Ihre Erfahrungen?
In den letzten 10 Jahren haben wir über Venture Kick mehr als 20 Millionen Franken an 500 Spin-offs aus Schweizer Hochschulen ausgeschüttet und diese auch eng begleitet. Die Bewerbungen für dieses Programm haben sich seit Beginn pro Jahr verdreifacht. Ein Startup als Karriere-Alternative hat deutlich an Attraktivität gewonnen. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Abgänger sind ja in der Regel Wissenschaftler, die extrem tief in einem technischen Thema drin sind.

Sie meinen: Sie haben keine Ahnung vom Unternehmertum, von Management?
Wenig bis nichts. Aber diese Leute sind grundsätzlich sehr intelligent und ambitiös. Die Talentierten lernen sehr schnell.

Was ist das Problem?
Die grosse Herausforderung ist, den Fokus vom Produkt und der Technologie weg zum Kunden und seinen Bedürfnissen zu bringen.

Weshalb?
Die Technologie und das Entwickeln funktionierender Produkte ist die notwendige Basis, aber bei weitem nicht genug für den unternehmerischen Erfolg. Bereits in einer sehr frühen Phase werden ein professioneller Auftritt und eine engagierte Kommunikation zentral. Es geht darum, kompetent und intensiv mit Marktpartnern und Kundengruppen zu interagieren, um das bestmögliche Geschäftsmodell zu entwickeln. Oft verfügen die Spin-offs von Hochschulen über Plattform-Technologien, die mehrere Applikationen erlauben. Hier muss man auf das fokussieren, was strategisch am meisten Sinn macht und den grössten Erfolg verspricht

Fokussieren auf das, was man verkaufen kann?
Absolut. Man muss den Nutzen für Kunden und Investoren sehr gut zum Ausdruck bringen können. Kein professioneller Investor steckt Geld einfach in eine Technologie oder finanziert eine Produktentwicklung, wenn der Bedarf am Markt nicht ausgewiesen ist. Er will den Konkurrenzvorteil und die Skalierbarkeit des Geschäfts verstehen und sehen, dass die Kunden bereits in der Warteschlange stehen. Es ist eine Art Gehirnwäsche, wo sich die unternehmerische Spreu vom Weizen trennt: Entweder man lernt mit seiner Story Kunden und Investoren zu begeistern und entwickelt eine gewinnende und kraftvolle Unternehmerpersönlichkeit oder man bleibt besser in einer Funktion als Forscher und Produktentwickler.

Die heisseste Startup-Story, die Sie in der Schweiz gesehen haben?
In der Schweiz wurde bereits der PC, das Internet und vieles mehr erfunden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass ich jedes Jahr staune, wenn ich das neue TOP 100 Swiss Startups Magazin durchblättere. Viele dieser Startups verfügen über das Potenzial künftiger Weltmarktführer oder sind es bereits. Auch wenn sie teilweise erst über ein paar Dutzend Mitarbeiter verfügen, werden viele von Ihnen in den nächsten Jahrzehnten stark wachsen und wichtige Pfeiler unserer Volkswirtschaft werden. Das haben auch findige Investoren bereits gemerkt und kräftig investiert.

Wie lange überleben Schweizer Startups?
Bei den Hightech-Startups aus Schweizer Hochschulen ist die Überlebensquote erstaunlich hoch. So hat die London School of Economics vor Jahren eine Studie betreffend der Entwicklung der ETH-Spin-offs publiziert. Diese kommt zu ähnlichen Resultaten, wie wir sie bei Venture Kick in den letzten zehn Jahren beobachten: Die Überlebensquote liegt nach 7 Jahren bei rund 80 Prozent. Das sind internationale Spitzenwerte.

Der Rest scheitert?
Was heisst schon scheitern? Es geht primär um das Sammeln wertvoller Erfahrungen und nicht um Leben und Tod. Unsere letzte Umfrage bei Jungunternehmen hat ergeben, dass 94 Prozent aller Firmengründer den Schritt in die Selbständigkeit wieder wagen würden – unabhängig davon, wie erfolgreich dieses Abenteuer für sie finanziell ausgegangen ist. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Ist das Risikokapital in der Schweiz im Vergleich zum Ausland vorhanden?
Es gibt eher einen Kapitalüberfluss und einen Anlagenotstand. Das liegt auch an der Tiefzinspolitik. Auf der andern Seite ist das Kapital sehr wählerisch und es ist für Startups sehr anspruchsvoll, Investoren zu finden. Startups sind für Investoren oft erst interessant, wenn sie über marktfähige Produkte verfügen und diese auch erfolgreich verkaufen können. Investoren wollen mehrheitlich funktionierende Geschäftsmodelle sehen Risiken minimieren. In der frühen Phase sind es in erster Linie Privatpersonen - sogenannte Business Angel - die sich engagieren.

Also keine Kapitalknappheit?
Aus Sicht des einzelnen Startups ist Kapital immer knapp. Die zentrale Frage ist, zu welchen Konditionen man welches Kapital erhalten kann. Grundsätzlich sehe ich einen starken Zuwachs interessierter Business Angel. Es gibt zunehmend auch Venture Funds von Konzernen oder Family Offices, die sich verstärkt bei Schweizer Startups engagieren wollen. Wie gesagt: Schweizer Startups sind auch beim Kapital dem globalen Wettbewerb ausgesetzt. Auch im Silicon Valley ist es nicht so, dass jedem Startup 10 oder 20 Millionen Dollar nachgeworfen werden.

Was ist wichtiger: Der überzeugende Buinessplan oder überzeugende Köpfe?
Startups müssen zeigen, dass sie einen vernünftigen, zukunftsträchtigen Plan haben, dass sie Kosten, Margen und Liquidität im Griff haben. Viel wichtiger als Papiere sind jedoch die Gründer. Wenn sie über Vision und Leidenschaft verfügen, damit Kunden, Mitarbeiter und Investoren begeistern können, dann ist das schon die halbe Miete. Daneben müssen sie beweisen, dass sie gute Manager sind und ihren Businessplan auch Milestone für Milestone umsetzen können.

Machen es Länder wie Israel besser bei der Förderung von Startups?
Die Rüstungsindustrie hat viele Projekte in der Forschung und Entwicklung vorangetrieben. Und es wurde sehr früh eine starke Venture Capital Brücke zum Silicon Valley etabliert. Dann gab es viele substanzielle Exits von israelischen Startups am Nasdaq, die das VC-Geschäft befeuert haben. Über erfolgreiche Startups und Exits entstehen Startup-Ökosysteme. Israel war da ganz früh dabei.

Und in der Schweiz?
Bei uns passiert dasselbe, nur mit einiger Verspätung. Ein Beispiel unter vielen: Ein EPFL-Spinoff wurde kürzlich von Intel gekauft. Die Firmengründer treten jetzt als Business Angel auf und finanzieren neue Startups. Und Intel hat an der EPFL ein Research Center etabliert. Am Anfang der Schweizer Niederlassung vieler Silicon Valley-Giganten stand die Akquise eines tollen Schweizer Startups. Zuletzt diese Woche: Snap hat die Gründer von Strong.codes übernommen.

Was sind die Startup-Spezialitäten der Schweiz?
Berlin hat tiefe Mieten und tiefe Löhne. Das hat die Region neben London zum starken Standort fürs Online-Geschäft gemacht. Die Schweiz profitiert dagegen stark von der Spitzenforschung rund um die ETHs und andere Universitäten. Zudem verfügt die Schweiz über starke Industrie-Cluster wie Biotechnologie, Medizinaltechnologie, Mikrotechnologie und Finanzbranche. Die Schweiz ist global extrem gut vernetzt und unsere Startups profitieren von kurzen Wege zu vielen Zentralen oder wichtigen Niederlassungen globaler Konzerne mit Sitz in der Schweiz. Sorgen mache ich mir im Moment nur über die Steuerpolitik einzelner Kantone.

* Beat Schillig ist geschäftsführender Partner des Instituts für Jungunternehmer (IFJ). Dieses bereitet Firmengründer auf ihre Selbstständigkeit vor. Bislang hat das IFJ über 100'000 Startup-Initianten begleitet. Schillig ist dazu auch Dozent an der Fachhochschule St. Gallen und Initiant Venturelab. Sein Ökonomiestudium absolvierte er in St. Gallen. anschliessend arbeitete er unter anderem als Projektleiter bei Textilunternehmen und im Business Development in der IT-Branche.

Anzeige