Vorletztes Wochenende war an der Goldküste – bevorzugte Wohnmeile der Credit-Suisse-Banker – die Welt noch in Ordnung. Doch dann überstürzten sich die Ereignisse: CS-Konzernchef Tidjane Thiam tritt ab. Als Nachfolger ist Thomas Gottstein, Schweiz-Chef der Grossbank, gesetzt. Aber wer soll die Lücke von Gottstein füllen, dem erprobten Banker mit breiter Erfahrung, Führungsstärke und kurzer Lunte?

Es musste schnell gehen, unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit. Ein Assessment mit externen Kandidaten war deshalb ausgeschlossen. Also blieb nur ein Interner aus dem Gottstein-Umfeld. Bloss wer?

Es scharrten seit längerem ein paar Hengste mit den Hufen. Einer nahm sich selber aus dem Rennen, weil er mit dem Nachbarn in der Tiefgarage stritt und vor den Kadi muss. Ein anderer ist ein Frontmann, dem der Blick fürs Strategische abgeht; ein Investmentbanker war zwar ehrgeizig, aber ohne Erfahrung in der Vermögensverwaltung.

André Helfenstein machte das Rennen

Ins gefragte Profil passte hingegen Serge Fehr, Private-­Banking-Chef, ein Mann mit vielfäl­tigen Erfahrungen, gepflegtem Auftritt und klaren Vorstellungen. Schliesslich fiel die Wahl jedoch nicht auf den forschen Genfer Fehr, sondern auf den zurückhaltenden Thalwiler André Helfenstein. Er hatte, heisst es, einen Fürsprecher in VR-Prä­sident Urs ­Rohner.

Der Auserwählte selber war offenbar erst Stunden vor der offiziellen Annoncierung informiert worden. Helfensteins Karriere nahm mit der überraschenden Beförderung zum Schweiz-Chef eine wundersame Wende – nach oben.

Am Freitag dieser Woche wird er das Büro seines Vorgängers Gottstein am Zürcher Paradeplatz beziehen. Der Aufstieg macht ihn im CS-Heimmarkt zum Fahnenträger, der in den Medien, vor dem KMU-Unternehmergipfel oder am Schwinger- und Älplerfest gefragt sein wird.

Wie tickt Thomas Gottstein?

Das Porträt des neuen Chefs der Credit Suisse. Mehr hier (HZ+).

Dabei war seine Karriere kaum eine gradlinige Bergtour. 2015 übertrug ihm Gottstein die beiden Geschäftsfelder Firmenkunden und Institutionelles. Damit war er zuständig für 1500 Mitarbeitende, die sich um Pensionskassen, Versicherungen, Family Offices und gleichzeitig um die Bedürfnisse von 100'000 KMU kümmern.

Helfensteins Freude währte nicht lang

Ein anspruchsvoller, rentabler Gemischtwarenladen, für den der frühere Partner bei der Beratungsfirma Boston Consulting nun verantwortlich war. Doch Helfen­steins Freude am Doppelmandat währte nicht allzu lang. Nach kaum zwei Jahren trennte Gottstein den grossen und margenstarken Teil seines Portfolios – das Firmenkundengeschäft – wieder ab und verteilte es auf weitere Schultern.

So halbierte sich Helfensteins Aufgabenfeld und der Personalbestand von 1500 auf 700. Er sollte fortan aufs Geschäft mit den Institutionellen fokussieren, das tiefere Margen und weniger Prestige bietet als das Firmenkundengeschäft. Eine Rückstufung, sagt der eine, ein Sidelining, der andere.

Falsch, heisst es aus der CS. Helfen­stein wurde beauftragt, einen neuen Geschäftsbereich Institutional Clients auf- und auszubauen. Wie glücklich Helfenstein damit war, ist nicht zu eruieren. Er blieb loyal und trieb sein Institutionellen-Geschäft voran, richtete es neu aus.

Zielorientierter Teamplayer

Hier kam zum Tragen, was den neuen Schweiz-Chef auszeichnet: im Dienst der Sache, unaufgeregt, strategisch und zielorientiert denkend, ein Teamplayer allemal. Sein Nachteil: keine Erfahrung im Investment Banking, in dem die Credit Suisse Schweiz dem Platzhirsch UBS Paroli bietet.

Bemerkt hat der ehemalige Berater in der Bankenwelt auch, dass es zum durchgetakteten Arbeitstag den Ausgleich braucht. Diesen findet er bei klassischer Musik, his­torischer Literatur oder mit Familie in der Ferienwohnung im Bündnerland, das er aus der ­Gymizeit kennt.

An die Alpine Mittelschule Davos hatte es den Zürichbieter verschlagen, als Mutter und ­Vater – Kadermann beim US-Konzern Dow Chemical – berufshalber nach Wien umzogen. Ohne den Filius.

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Nichts sah anfänglich nach einer Bankerkarriere aus. Mitten im Wirtschaftsstudium an der Hochschule St. Gallen brach er an die Sorbonne nach Paris auf, wo er Vorlesungen in Soziologie und Psychologie besuchte. Nach einem Wanderjahr kehrte er ins enge St. Gallen zurück, um pflichtschuldig das Studium abzuschliessen.Die erste Stelle fand er bei einem Startup, das sich als Rundumberater in Finanzfragen versuchte. Die Jungfirma namens STB – das Kürzel stand für Startup, Turnaround, Buy-out – war getrieben von Matthias Reinhart, der mit seiner Hartnäckigkeit daraus später das VZ Vermögenszentrum kreiert. Und es so zum veritablen Frankenmilliardär brachte.

UBS gegen Credit Suisse

Credit Suisse und UBS liefern sich im Heimmarkt einen prestigeträchtigen Zweikampf. Fazit: Die UBS ist in der Schweiz grösser und breiter auf­gestellt. Beim Effizienzmass Kosten-Ertrag-Relation sind UBS wie CS gleichauf, und zwar bei einem beein­druckend tiefen Wert von 59 – das heisst: Von 100 Franken erwirtschaftetem ­Ertrag bleiben nach Kosten 41 Franken in der Kasse hängen. Im Private Banking liegt die Relation in der Branche bei 70, beim Investment Banking bei 80.

Zwar schafft der Riesendampfer UBS mit mehr Personal mehr Gewinn, doch die CS
hat ­unter Schweiz-Chef Thomas ­Gottstein viel Terrain gut­gemacht und ist dynamischer unterwegs. Dieser Leistungs­ausweis im Heimmarkt hat ihn jetzt zum Nachfolger von Tidjane Thiam ­gemacht.

Fünf Jahre in New York

Helfenstein fehlte die Geduld, ergo stieg er nach drei Jahren bei STB aus und setzte nun auf ­einen sicheren Karrierewert, nämlich die Beratungsfirma Boston Consulting Group (BCG). Dort fokussierte er auf die Finanzbranche und arbeitete für die Winterthur Versicherung oder für die Citi­group.

Als BCG-Mann verbrachte der Sohn eines Schweizers und einer Engländerin fünf Jahre in New York, wo er die Bankenwelt Amerikas kennenlernte. Nach zwölf Jahren Beratertätigkeit wagte er schliesslich den Absprung ins Banking. Er heuerte im Stab der Credit Suisse Schweiz an und trug nun den hochtrabenden Titel Head Product, Pricing & Sales Development.

Leibhaftige Bankkunden bekam er in dieser Funktion nicht zu Gesicht. Das änderte sich erst, als er das Privatkundengeschäft der Schlüsselregion Zürich übernahm – und so allmählich auf den Radarschirm von Schweiz-Vormann Gottstein rückte.

Ab dieser Woche muss der frisch Promovierte beweisen, dass er besser ist als seine übergangenen Kollegen aus der Gottstein-Gang. Tatendrang ist dem bald 53-Jährigen, der nun auf die Hauptbühne tritt, nicht abzusprechen.
Im Geschäft mit KMU, reichen Privatkunden und Pensionskassen will er Personal wie Qualität steigern. Mit dem Ziel, allwo in der Schweiz Marktanteile zu erobern. Schliesslich sei man bereits heute die Bank fürs Schweizer Unternehmertum, sagte er. Das behaupten auch andere.