Nähmaschinen rattern, es wird gestanzt und geleimt: Und über allem schwebt der unverkennbare Duft von Armeewolldecken, so wie ihn tausende von Soldaten, die Gäste in Berghütten oder die Kinder in den Ferienlagern geschnuppert haben. Mit ihrem Design von grau-rötlich-braun und dem roten Balken mit dem Schweizer Kreuz in der Mitte haben sie so manche lange Nacht etwas erträglicher gemacht.

«Genauso individuell wie diese Erfahrungen sind unsere Produkte», sagt Yvonne Karlen, verantwortlich für Vertrieb und Aussendienst der Walliser Karlen Sattlerei und Handels GmbH. Aus altem Armeematerial produziert das KMU trendige Taschen, Beutel, Säcke, Hausschuhe oder Schlüsselanhänger.
Verarbeitet werden neben Wolldecken auch Gewehrriemen und anderes Lederzeug sowie Fournituren (Schnallen und Ösen). Das solide Handwerk der Vorväter ist dabei Verpflichtung. Der 77-jährige Titus Karlen, seit 1951 Schuhmacher und Sattler des Oberwalliser Dorfes Törbel, hat auch fürs Militär gearbeitet. Als die Nachfrage der Armee aber zurückging, fing er diese mit handverzierten Glockenriemen und Ethno-Produkten auf. Heute verarbeiten Schwiegertochter Yvonne und Sohn Hans-Jörg seine Gewehr- und Verschlussriemen. Ihre dienstälteste Angestellte hat bereits bei Vater Titus gearbeitet. Sie stammt wie alle Frauen des Teams aus Törbel.

Mit drei Zielen zum Erfolg

Yvonne und Hans-Jörg Karlen verfolgen seit bald zehn Jahren drei Ziele mit ihrem Unternehmen: Erstens eine sorgfältige Handarbeit. Zweitens eine Beschäftigungsmöglichkeit im Berggebiet. Und drittens ausgemusterte, aber hochwertige Produkte wiederzuverwerten.
«Sorgfältig und langfristig» entwickeln bleibt die Maxime der beiden Endvierziger. Ein grosser Schritt war der Bau des Wohn- und Betriebsgebäudes im Jahr 2001. Gegenüber der Bank mussten Karlens als Privatpersonen haften. Seither gilt: «Etwas Wachstum ist nötig – aber nur, wenn es selbst finanziert worden ist.»
Grenzen setzt auch der Produktionsraum, denn er bietet nur Platz für zwölf Arbeitsplätze. Damit die Erwerbsarbeit, die Familie und meistens noch etwas Landwirtschaft unter einen Hut gebracht werden können, brauchen die Beschäftigten sehr flexible Arbeitszeiten. Deshalb benötigt jeder Angestellte einen eigenen Arbeitsplatz.
2006 wurde erstmals mehr als die Hälfte der Produktion exportiert. Vor allem in Deutschland, aber auch in Japan, Hongkong und in den USA ist die kratzige «Swissness» gefragt. Besonders intensiv werden diese Märkte allerdings nicht bearbeitet.
Verkauft wird nur über den Fachhandel. «Der Direktverkauf würde unsere Kunden konkurrenzieren, und für den Absatz via Internet bräuchte es immer alle Produkte an Lager», wehrt sich Yvonne Karlen gegen solche Ideen. Zudem könnte sie dann auch nicht mehr täglich in der Produktion mithelfen, sondern müsste sich nur noch um die Büroarbeiten kümmern.
Vor einem Jahr wurden die Anstrengungen des Unternehmens von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für das Berggebiet (SAB) ausgezeichnet. «Der Preis reichte für ein gutes Nachtessen und eine Prämie für alle Beschäftigten, mit dem Rest wurde der Transport eines Webstuhls nach Kamerun finanziert», blickt Karlen zurück.

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Wolldecken als Trendprodukt

Jedes Kreuz wurde einst in die von Hand gewalkten Wolldecken eingefilzt. Die Decken landen gleich palettenweise im Oberwallis. Sie werden gereinigt, gebügelt und dann quasi zu neuem Leben erweckt.
Damit aus dem begrenzten Rohstoff möglichst viele Umhänge- und Einkaufstaschen, Handysäckchen, Schuhputzsets oder Laptop-Taschen genäht werden können, werden die Schnittmuster von einer Angestellten entsprechend optimiert. Zudem muss jedes Produkt aus der jeweils gleichen Decke gefertigt werden, sonst unterscheiden sich Farbe und Struktur.
Die verwendeten Rohstoffe haben aber auch ihre Tücken. «Etwa ein Drittel kann nicht für das zuerst geplante Produkt verwendet werden. Bei den gestreiften Kunststoff-Sitzbezügen der SBB etwa konnten die grünen verarbeitet werden. Aber die roten aus den Raucherabteilen stanken zu stark», berichtet Yvonne Karlen.
Gratis werde das Material nirgends abgegeben. Über fehlenden Nachschub macht sich das Unternehmen aber keine Sorgen: «Bei der Armee findet sich noch Rohmaterial. Und wir haben noch lange nicht alle Berghütten abgeklappert.»

Kunden liefern Produktideen

Auch an Ideen für neue Produkte fehle es nicht, weder im Team noch bei externen Designern. Immer wieder brächten sogar Kunden Vorschläge ein. «Eine begeisterte Jasserin schlug uns ein Jassetui vor. Danach folgte der Jassteppich – und um die Termine für den Jasstreff nicht zu vergessen, folgte schliesslich auch eine Agenda, die in Wolldecke eingepackt ist», sagt Karlen. Es gebe sogar auch immer wieder Kunden, die eigene Spezialanfertigungen bestellen würden.

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Name: Karlen Sattlerei und Handels GmbH, Törbel VS
Gründung: 1998
Führung: Yvonne und Hans-Jörg Karlen
Umsatz: 0,8 Mio Fr.
(Schätzung «Handelszeitung»)
Beschäftigte: 12
Produkte: Designprodukte
Internet: www.karlenswiss.ch