Noch ruhen alle Hoffnungen auf dem Durchhaltewillen der Konsumenten. Sie trugen auch in der Schweiz bisher die Konjunktur durch alle Fährnisse, dank 2,2 Prozent höheren Löhnen in diesem Jahr. Ausserdem arbeitet ein zusätzliches Prozent mehr Beschäftigte in der Volkswirtschaft, sodass die gesamte Kaufkraft um über 3,5 Prozent angestiegen ist. Für nächstes Jahr schätzt die Konjunkturforschung ETH den Lohnanstieg auf 2,5 Prozent, für 2003 sogar auf 2,8 Prozent. Jedes Mal kommen auch wieder 0,6 Prozent mehr Beschäftigte hinzu, sodass die Kaufkraft auf lange Sicht um über 3 Prozent jährlich wachsen soll.

Das sind gute Nachrichten, doch zeigt sich natürlich auch die andere Seite der Lohnzahlen: Für die Firmen sind sie Kosten, hartnäckige sogar, weil jährlich auf höherem Niveau wiederkehrend. Allerdings verheisst die KOF auch den schweizerischen Firmen gute Aussichten – deren Betriebsüberschüsse sollen brutto um 3,1 Prozent (2002) und um 3,7 Prozent (2003) wachsen. Wenn also der Franken nicht nach oben ausbricht und wenn die Exporte nicht einer katastrophalen Weltkonjunktur zum Opfer fallen, dann sollten in der Schweiz Arbeitnehmer und Firmen auf ihre Rechnung kommen.

Das ist in den USA nicht zu erwarten, sagen die Experten der Credit Suisse First Boston voraus. Dort tragen Haushalte und Firmen nächstes Jahr einen sanften, latenten Klassenkampf um das Sozialprodukt aus. Als Erste werden die Unternehmen zurückschlagen. Denn der Anteil der Gewinne am Sozialprodukt ist in den USA wie in Euro-Land deutlich gesunken. Im einzelnen Unternehmen zeigt sich dies als steigender Lohnkostenblock und sinkender Betriebsgewinn, von den Finanz- und Abschreibungsverlusten nicht zu reden. Man erwartet also, dass die Firmen nächstes Jahr erneut Rationalisierungsrunden lostreten werden – mit Arbeit sparenden, hochtechnischen Investitionen und mit Personalentlassungen.

Wer unter Verwaltungsräten mittlerer schweizerischer Firmen herumhört, ahnt auch hier zu Lande ähnliche Massnahmen. Die Folgen sind allerdings noch offen. Weniger Stellen könnten angeboten werden, und die Angst vor einem Stellenverlust könnte den Haushalten doch noch den Konsum verleiden. Andererseits müssten sich eigentlich die Investitionen in Anlagen und neue Techniken wieder kräftig beleben, wenn viele Arbeitsstellen wegrationalisiert werden sollen. Und fehlende Investitionen und Technikkäufe haben die Krise überhaupt erst ausgelöst. Wenn schliesslich die Produktivität pro Arbeiter wieder ansteigt, fallen die Lohnkosten pro Stück, wachsen die Gewinne, steigen die Löhne schliesslich auch wieder, verbreitet sich Optimismus, wird mehr gekauft und werden wieder mehr Leute eingestellt.

Ein solcher «Engelskreis» war bis zum Frühherbst in den USA in Gang – die Konsumenten trieben die Wirtschaft an. Die Mittel dazu laufen auch jetzt teilweise weiter. Die Stundenlöhne waren 4,3 Prozent höher als vor einem Jahr. Die Energiepreise verbilligten das Autofahren, die Heizung und Klimaanlagen. Zusammen mit den Steuerrückzahlungen kam so ein zusätzliches Prozent verfügbaren Einkommens in die Volkswirtschaft. Sodann fielen seit Mai die Hypothekarzinsen der USA von 8,6 auf 6,9 Prozent, was nochmals den Spielraum für andere Ausgaben erhöhte.

Da die Amerikaner alle Spielräume ausschöpfen, finanzierten sie nicht nur ihre Hypotheken billiger um, sondern erhöhten sie im gleichen Aufräumen – und hatten schon wieder neues Geld im locker sitzenden Portemonnaie. So ausgeprägt war dieses beliebte Hypothekenaufstocken, dass der Notenbankpräsident Alan Greenspan darin eine noch mächtigere Quelle für Mehrkonsum erblickt als in den seinerzeitigen Börsengewinnen. Mit erneut einem Prozent tieferen Zinsen seit dem Terroranschlag verlängert sich das Umfinanzierungsspiel bei den Hypotheken bis ins nächste Jahr hinein.

Auch in Euro-Land erklärt sich das bisherige Konsumwunder durch Preisnachlässe bei Öl und Zinsen, durch die abklingende Teuerung der Nahrungsmittel nach den Tierseuchen und durch bessere Löhne. Das dürfte auch in Euro-Land etwa 0,7 Prozent mehr Konsumspielraum ergeben.

In der Schweiz fällt die Inflation auf nur mehr ein Prozent, was eine seit Jahren nicht mehr erreichte reale Lohnsteigerung von über einem Prozent in die Nähe rückt. Auch die anderthalb Millionen Rentner der AHV und IV haben dieses Jahr Anteil am Segen, denn auf Anfang 2001 wurden die Renten um 2,5 Prozent aufgewertet. Und wenn die Hypotheken von fast einer halben Billion Franken auch nur um ein Viertelprozent billiger werden, befindet sich nochmals ein halbes Prozent mehr verfügbares Einkommen in den Haushaltskassen (der Hausbesitzer, denn die Mieten klettern immer noch). Das alles erklärt, warum in den USA, in Euro-Land und in der Schweiz der Konsum die ersten neun Monate überdauerte und trotz Pessimismus nach dem fürchterlichen Herbst seine Fundamente für die Zukunft nicht gänzlich verloren hat.

Wie dieses Fundament allerdings genutzt wird, ist völlig offen. Aufgebaut wird in den USA eine Kaufkraftspritze durch das Bundesbudget von gut einem Prozent des Sozialprodukts. In Euro-Land allerdings haben die längst nicht sanierten Staatshaushalte keinen solchen Spielraum. Aufbauend wirken sollten auch die extrem tiefen Zinsen der USA, die erstmals wieder unter der Inflationsrate liegen. Ausserdem stiegen schon vor dem Terroranschlag die Einkäufe der Firmen. Am Fundament der Konjunktur rütteln werden aber die Ängste der amerikanischen Konsumenten nach dem 11. September, der unheimlich parallele Abschwung der ganzen südlichen Erdhälfte, Japan inbegriffen, und die Verluste auf den Portefeuilles. Die Börsen gaben bis Mitte Oktober noch keine Entwarnung, aber einige Börsianer wissen vielleicht wieder einmal mehr: die Obligationen-Investoren. Denn nach den Zinssenkungen der Notenbanken für kurzfristiges Geld und nach dem Terror stiegen die langfristigen Zinsen deutlich an – man erwartet einen Aufschwung mit letztlich höheren Preisen und Renditen.

Doch die Gefährdungen nehmen vorderhand nicht ab, sie verschieben sich ins Jahr 2002 und liegen nunmehr in der Spannung, ob die Rationalisierungsvorhaben der Firmen zu einer Abbaurunde an Stellen mit verbreiteter Verzweiflung der Konsumenten oder zu erneutem Schwung am Rad von Produktivität, Gewinnen und Einkommen führen – in dieser Reihenfolge.

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