Das lässt tief blicken: Von den Schweizer Unternehmen mit bedeutenden Informatikabteilungen sind es gerade mal zwei, die dieses Jahr mehr IT-Lehrstellen anbieten als 2007. Die Ausnahmen heissen Swisscom und IBM mit zehn respektive drei zusätzlichen Lehrverträgen (siehe Tabelle). Swisscom ist mit total 45 neuen Lehrverhältnissen dieses Jahr der Champion der Schweizer IT-Fachkräfte-Ausbilder.

Dennoch gibt es auch im laufenden Jahr der Informatik – es wird vom Dachverband der Schweizer Informatik- und Telecomorganisationen ICTswitzerland getragen und von Konzernen wie Credit Suisse, Zürich, Migros und Google gesponsert – keinen Grund zur Euphorie. Im Gegenteil. Die erhoffte Trendwende, dank der mehr neue Informatiker in den Arbeitsmarkt kommen sollen als aus dem Arbeitsprozess ausscheiden, ist in weiter Ferne. Mit der Schweizerischen Nationalbank (SNB), dem Versicherer Bâloise und Hewlett-Packard (HP) bauen drei wichtige Unternehmen Ausbildungsplätze ab. Die Ausbildungsverantwortliche der SNB, Sonia Preciados, begründet den Abbau mit Mangel an Ausbildungsstoff. Bei HP werden personelle Gründe angegeben.

Auch 2008 bringt keine Wende

Die Entwicklung der Lehrverträge ist ernüchternd. Starteten 2001 noch 1993 Lernende eine IT-Grundausbildung, waren es 2006 1591. Noch liegen die offiziellen Zahlen von 2007 nicht vor. IT-Lehrlingsexperte Alfred Breu von der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik (ZLI) geht für 2007 von schweizweit 1500 neuen Lehrverträgen aus, dieses Jahr dürften es 1600 bis 1650 werden. Schlecht steht es auch um die Lehrabgänger. Breu rechnet mit 2000 im vergangenen und 1800 im laufenden Jahr. Die Zahl der Abgänger im Kanton Zürich ist von 638 im Jahr 2005 auf nur 386 im Jahr 2008 gefallen.

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Wenig erbaulich ist auch die Zahl der Mittelschulabsolventen, die in der Schweiz ein Informatikstudium starten. Im Jahr 2001 waren es 782, verglichen mit weniger als 300 fünf Jahre später.

Breu ist überzeugt, dass die heutige Fachleuteknappheit nur einen Vorgeschmack auf die wirklichen Probleme bedeuteten. Denn die grossen IT-Arbeitgeber pensionierten heute jährlich 3 bis 5% ihrer Leute. Wenn 5% verloren gingen, müssten 5% nachrücken. Im Fall von Credit Suisse, welche in der Schweiz 4000 Informatiker beschäftigt, entspräche dies bis zu 200 Auszubildenden – deutlich mehr als die derzeit 15 Lehrplätze.

An Einzelinitiativen fehlt es nicht

Immerhin bietet die Credit Suisse derzeit 50 Career-Start-Plätze in der IT sowie 30 Praktika an. Hinzu kommt ein IT-Förderprogramm für Frauen. Anlässlich des Informatikjahres können zudem Gymnasiasten bei Credit Suisse IT-Schnupperlehren besuchen. Für die Grossbank ist klar: Das IT-Manko muss bei der Ausbildung und Nachwuchsförderung angepackt werden. Gleichzeitig will die Grossbank mehr IT-Spezialisten aus der EU rekrutieren, wie CS-Sprecherin Nicole Pfister-Bachmann sagt.

Die angefragten Unternehmen sind sich einig, dass sich das Informatikermanko nur mittels gezielter Nachwuchsförderung und Weiterbildung von Seiten Unternehmen und Schule beheben lässt. An Einzelinitiativen fehlt es nicht: HP und IBM beispielsweise sponsern eine IT-Olympiade und führen Töchter- und Kindertage durch, um den Jugendlichen die Informatik schmackhaft zu machen.

Trotzdem gilt das Engagement der Grosskonzerne als ungenügend, bilden doch die meisten nur eine knappe Handvoll Informatiker aus.

«Bombardement» und «Betteln»

Im Kanton Zürich ist es der Lehrmeistervereinigung ZLI dank «Bombardement» und «Betteln» bei den Betrieben gelungen, dieses Jahr 324 Informatikerlehrverträge – plus 8% gegenüber 2007 – abzuschliessen. Allerdings kommen nur wenige Lehrlinge bei den Grosskonzernen unter: 48 bei Banken, 21 bei Versicherungen, 23 bei IT-Konzernen, 13 bei kleineren IT-Kommunikationsbetrieben, 23 in der Verwaltung und 35 beim ZLI. Die Mehrheit von 146 Lehrlingen wird in Kleinbetrieben oder kleinen IT-Abteilungen von Firmen diversester Branchen ausgebildet.

Diese ungleiche Ausbildungsverteilung, wie sie auch in anderen Kantonen zu sehen ist, ist problematisch: Grosskonzerne bieten für die gefragten Lehrabgänger gerne um 70000 Fr. Startsalär. Da haben Kleinebetriebe laut Breu keine Chance – sie bilden aus, ohne die Ernte einfahren zu können. Die Startlöhne, die der ZLI empfiehlt, liegen bei 48000 bis 50000 Fr.

Breu warnt daher: «Die Verweigerung zur Nachwuchsausbildung ist ein schlechter Rageber und hilft nur der ausländischen Konkurrenz.»