Noch hat der Volkswagen-Konzern nicht definitiv entschieden, ob er den geplanten Teilbörsengang von Porsche auch durchzieht. Wie «Bloomberg» nun aber berichtet, erwägt Europas grösster Autokonzern informierten Kreisen zufolge, beim allfälligen IPO auch Kleinanlegenden Zugang zu verschaffen. 

So soll VW diesbezüglich mit lokalen Banken sprechen – unter anderem mit Blick auf Anleger und Anlegerinnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Spanien und Italien. Der den Kleinanlegenden zugedachte Anteil könnte den Angaben zufolge bei unter 5 Prozent liegen. 

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Die Überlegungen in der VW-Spitze sind noch im Gange, wie gegebenenfalls in Bezug auf die Beteiligung von Kleinanlegenden zu verfahren wäre. Am Samstag teilte Volkswagen mit, dass Vorstand und Aufsichtsrat sich «mit der Frage befassen werden, ob sie Ende September/Anfang Oktober 2022 einen möglichen Börsengang der Vorzugsaktien der Dr. Ing. h. c. F. Porsche AG anstreben».

Investoreninteresse an Porsche ist vorhanden

Angesichts schwächelnder Konjunktur und ausufernder Inflation ist das Marktumfeld für einen Börsengang so schlecht wie seit Jahren nicht. VW startete die Vorbereitungen für den Börsengang offiziell im Februar. Anschliessend folgte aber Russlands Einmarsch in die Ukraine, was eine Energiekrise auslöste.

Trotz der Turbulenzen besteht laut «Bloomberg» ein Investoreninteresse an Porsche. Eine Bewertung von 60 bis 85 Milliarden Euro sei realistisch, wie es informierte Kreise sehen. Zu den Interessenten gehören dem Vernehmen nach die US-Fondsgesellschaft T. Rowe Price und der katarische Staatsfonds. Gespräche hätten auch mit Milliardären wie etwa Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz und Bernard Arnault, dem Gründer des Luxuskonzerns LVMH, stattgefunden.

Börsennotierungen konzentrieren sich in der Regel auf grosse, institutionelle Anleger oder vermögende staatliche und private Investorinnen und Investoren. Kleinanlegende aus anderen Ländern als dem Zielstaat der Börsennotierung werden nur selten angesprochen. Porsche indessen verfügt jedoch über loyale Fans auf der ganzen Welt, sodass die Ansprache von Retailinvestoren und -investorinnen dem Börsengang zusätzliche Dynamik verleihen könnte. 

Volkswagen-Finanzchef Arno Antlitz erklärte am Montag, der Porsche-Börsengang sei ein «Kernelement» der Strategie des Automobilkonzerns. Die Erlöse würden bei den ehrgeizigen Plänen zur Einführung von Elektroautos sowie bei Investitionen im Softwarebereich helfen. 

Porsche ist Cash-Cow von VW

Porsche ist neben Audi die Cash-Cow des Wolfsburger Konzerns. Mit einer operativen Rendite um 15 Prozent ist sie seit Jahren die mit Abstand die profitabelste der neun Pkw-Marken von Volkswagen. Im vergangenen Jahr fuhren die Schwaben bei 302'000 ausgelieferten Fahrzeugen 33 Milliarden Euro Umsatz ein und verdienten operativ 5,3 Milliarden Euro. Das war drei Mal soviel Umsatz und gut zweieinhalb Mal soviel Absatz und Betriebsgewinn wie zehn Jahre zuvor.

Stärkste Wachstumsmotoren waren die SUV-Modelle Cayenne und Macan sowie der wichtigste Absatzmarkt China. Das Porsche-Management will den Erlös in den kommenden Jahren um sieben bis acht Prozent jährlich steigern. Renditeziel auf mittlere Sicht ist eine Spanne von 17 bis 19 Prozent des Umsatzes. Langfristig soll die Marke von 20 Prozent geknackt werden.

Die Marke Porsche ist der Inbegriff PS-starker Modelle, die in wenigen Sekunden von Null auf Hundert Stundenkilometer brausen können. Bis 2030 sollen vier Fünftel des Absatzes E-Autos sein, ausgehend von knapp 14 Prozent 2021, die der erste und bisher einzige Elektroporsche Taycan ausmachte. Als nächstes wird das kleinere SUV Macan elektrifiziert, später soll auch ein grosses Elektro-SUV kommen.

Der Verkaufsschlager der Verbrennerzeit, der Porsche Cayenne, muss dagegen in Rente gehen – seine stärkste Variante Turbo GT hat 640 PS, verbraucht 14 Liter Sprit auf 100 Kilometer und bläst 319 Gramm CO2 pro Kilometer in die Luft. Zum Vergleich: Das EU-Limit für sämtliche Neuwagen beträgt im Schnitt derzeit 95 Gramm. EU-Ziel für 2030 sind knapp 43 Gramm und null CO2-Ausstoss ab 2035.

Porsche selbst hat sich als Beitrag zum Pariser Klimaschutzabkommen vorgenommen, bis 2030 über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg bilanziell CO2-neutral zu werden. Dabei geht es voran: Laut Porsche sanken die direkten und indirekten Treibhausgas-Emissionen des Autobauers von 57.685 Tonnen CO2-Äquivalent 2019 auf gut 9000 Tonnen 2021.

(Bloomberg/Reuters/mth)

Filmreiche Historie von Porsche

Die Geschichte des 1931 in Stuttgart vom Volkswagen-Vater und späteren VW-Käfer-Konstrukteur, Ferdinand Porsche, gegründeten Unternehmens hat viele spannende Momente. Eine geradezu filmreife Episode war der Versuch des später abgesetzten Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking, in den Jahren 2005 bis 2009 den grossen Verwandten, den Volkswagen-Konzern zu übernehmen.

Das abenteuerliche Projekt lieferte viel Stoff für einen Thriller: eine Geschichte David gegen Goliath, milliardenschweres Jonglieren mit Finanzwetten und Krediten, Familienkrach im Eignerclan Porsche und Piech, ein Fiasko unter Tränen am Ende.

Porsche stieg bei VW ein und sicherte sich schrittweise über Kauf und Optionen auf VW-Aktien 74 Prozent an dem Konzern. Im Zuge der Finanzkrise ging jedoch der damaligen Porsche-Dachgesellschaft das Geld aus. VW drehte den Spiess um und bewahrte den Angreifer mit finanziellem Beistand vor dem Zusammenbruch.

Im Gegenzug erhielt der VW-Konzern zunächst knapp die Hälfte von Porsche. Seit 2012 gehört die Sportwagenschmiede vollständig VW. In die Geschichte eingegangen ist ein Satz von Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche, der mit den Tränen kämpfend Tausenden Porsche-Beschäftigten im Freien vor der Zentrale zur VW-Rettungsaktion zurief: «Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen.»