Herr Kröll, man sieht nichts mehr von deutscher Palettenromantik und aufgerissenen Kartons. Auch Sie wirken aufgeräumt und satt.
Georg Kröll: Der Schweizer Konsument hat es gerne ordentlich und einladend. Wir richten uns gerne danach. Satt nach zehn Jahren in der Schweiz? Da liegen Sie falsch. Wir haben noch einiges vor. Zum Jubiläum gabs einen neuen Hauptsitz.

Ist nicht Sparen das oberste Gebot?
Wir sparen immer. Unser neuer Hauptsitz ist eine Investition in die Zukunft. Die Mitarbeiter sollen gerne zur Arbeit kommen. Wir haben sogar Eltern-Kind-Büros mit Spielecken und Bettchen für Ausnahmesituationen eingerichtet. So was spricht sich rum und zieht Fachkräfte an, die wir für die bevorstehende Expansion dringend brauchen. Das ist kein Rappen zu viel investiert.

Das Geld sitzt offenbar locker. Sie haben zwei Millionen in digitale Preisschilder an den Regalen gesteckt. Sie wollen Self-Check-out-Kassen aufstellen. Wie passt das zu einem Discounter?
Die Schweiz ist das erste Lidl-Land weltweit, das konsequent auf Papier verzichtet und auf elektronische Preisschilder setzt. Auch bei den Kassen ist die Schweiz einzigartig. Kunden fordern Platz hinter der Kasse, damit sie in Ruhe ihre Einkäufe verstauen können. Wir mussten das erst lernen. In den Städten, wo Kunden es eiliger haben, stellen wir Self-Check-out-Kassen auf. Damit beginnen wir um die Jahreswende in der ehemaligen Zürcher Fraumünsterpost.

Beim Self-Check-out wird doch sicher mehr geklaut?
Das werden wir sehen. Migros und Coop zeigen, dass Automatenkassen am Ausgang nicht nur rege benutzt werden, sondern auch das Konzept funktioniert. Wir glauben nicht, dass wegen Self-Check-out mehr geklaut wird.

Ihnen gehts doch nur darum, Verkäuferinnen einzusparen!
Das sind die üblichen Ängste, wenn es um Digitalisierung geht. Im Gegenteil, ich kann Ihnen versichern, dass wir zahlreiche Stellen in den nächsten Jahren schaffen.

Fehlt nur noch ein Kundentreueprogramm wie Cumulus oder Supercard.
Das fehlt nicht, wir haben es schon. In Österreich beispielsweise gibt es die App Lidl Plus, eine digitale Kundenkarte. Jeden Tag erhalten Kunden Rabatte oder Informationen über Aktionen. In der Schweiz befassen wir uns auch mit dieser Thematik.

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Coop und Migros haben die Preise ihrer Tiefpreislinien gesenkt. Man muss nicht zu Lidl gehen, um günstig einkaufen zu können.
Mit dem Markteintritt von Lidl sanken die Preise schweizweit. Was ein Warenkorb in vergleichbarer Qualität angeht, da sind wir günstiger als unsere Konkurrenten Aldi und Denner, aber auch als Coop und Migros.

Beim BLICK-Preisvergleich musste man die Unterschiede mit der Lupe suchen.
Tatsache ist, dass wir bei Preisvergleichen von «K-Tipp» regelmässig günstiger abschneiden als andere.

Können Sie auf Kosten der beiden Grossverteiler Kunden gewinnen?
Der Schweizer Lebensmittelmarkt hat in den letzten sieben Jahren fast fünf Milliarden Franken verloren. Wir sind Jahr für Jahr prozentual zweistellig gewachsen. Folglich gewinnen wir deutlich Marktanteile. Die Mitbewerber freuen sich natürlich nicht darüber.

Rivale Aldi hat die 200. Filiale eröffnet und will Schweizer Discounter Nummer eins werden. Warum lassen Sie sich abhängen?
Wir haben heute 128 Filialen. Auch in diesem Jahr kommen rund zehn weitere dazu. Wir haben aber ein ganz klare Regel: Jeder ausgegebene Franken muss wirtschaftlich sein. Es hat sich schon ausgezahlt, dass wir nachhaltig gewachsen sind.

Lidl Weinfelden

Eingangsbereich des neuen Hauptsitzes von Lidl Schweiz in Weinfelden.

Quelle: © KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER

Das heisst, Lidl macht Gewinn in der Schweiz?
Der Einkauf, die Investitionen, alles muss sich rechnen. Sie können davon ausgehen, dass Lidl Schweiz und jede einzelne der Filialen profitabel ist.

Lidl soll ein jährliches zweistelliges Wachstum haben, heisst es. Dann müssten Sie inzwischen mehr als eine Milliarde Umsatz machen?
Wir gehen mit Zahlen nicht an die Öffentlichkeit. Ihre Schätzung von rund einer Milliarde Franken Umsatz im letzten Jahr ist aber realistisch.

Drücken Sie etwa die Preise bei Lieferanten?
Das wurde uns beim Markteintritt in die Schweiz nachgesagt. Ich kann Ihnen heute versichern, dass es nicht so ist. Über 55 Prozent unseres Umsatzes machen wir mit Schweizer Produkten. Dazu zählen Marken wie Feldschlösschen und Rivella, die wir neu im Sortiment haben. Wir können uns dabei nicht leisten, unfair mit Lieferanten umzugehen.

Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Job bei Lidl Schweiz gekommen?
Zuvor war ich mit meinem Team verantwortlich für den Aufbau von Lidl in Griechenland und Zypern. Alles haben wir vermutlich nicht falsch gemacht, sonst hätte ich das Angebot für die Schweiz nicht bekommen. Ich fragte meine Frau, in welchem Land sie einmal gerne leben würde. Sie hat die Schweiz vor Spanien und Deutschland genannt. Da wusste ich, ich kann ohne Bedenken den Job annehmen.

«Der Frankenschock hat mich schon etwas ins Schwitzen gebracht.»

Ihre erste Million haben Sie vorher gemacht?
(Lacht) Über Geld spricht man in der Schweiz nicht. Daran halte ich mich. Viel geerbt habe ich jedenfalls nicht. Aber es reicht für eine Villa im Thurgau am Bodenseeufer. Für das Haus am See und was meinen Sohn und meine Frau glücklich macht, gebe ich ohne schlechtes Gewissen Geld aus.

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Kaum sassen Sie auf Ihrem Chefsessel, hob die Nationalbank den Mindestkurs von 1.20 Franken auf. Wie empfanden Sie diese Situation?
Schlagartig waren die Waren im grenznahen Ausland um ein Fünftel günstiger als in der Schweiz. Der Frankenschock hat mich schon etwas ins Schwitzen gebracht. Wichtig war, dass wir rasch die Preise von Produkten aus dem Euroraum in unseren Filialen senken konnten.

Sie kommen aus Baden-Württemberg. Was kaufen Sie jenseits der Grenze in Südbaden ein?
Anfangs ging meine Frau noch nach Konstanz, um Maultaschen zu kaufen, auf die sie über sechs Jahre in Griechenland verzichten musste. Jetzt gibts die Maultaschen auch bei uns in den Schweizer Filialen und sie kauft nur noch bei Lidl ein. Ich selbst sehe heute auch keinen Grund, um zum Einkaufen ins Ausland zu rennen.

Wie halten Ihre Kunden das?
Die halten das offenbar gleich wie ich. Denn auch in den Lidl-Filialen nahe der Schweizer Grenze haben wir bislang keine Umsatzeinbrüche erlebt, im Gegenteil.

Sie wirken dennoch sehr ausgeglichen. Liegt das am Fitnessstudio im Hauptsitz? Regen Sie sich denn nie auf?
Ich bin ruhiger geworden, ruhiger als auch schon. Am Fitnessstudio liegt das aber nicht, denn das habe ich bislang nur einmal betreten. Kurz darauf hat sich bei mir die Netzhaut vom Auge gelöst, und ich musste operiert werden und sportlich pausieren.

Jetzt wollen Sie voll durchstarten und gehen bei der Expansion neue Wege?
Wir haben da mit den Loeb-Warenhäusern eine tolle Kooperation. Im Spätsommer startet unsere Filiale bei Loeb in Biel. Sie kommt in einer gehobenen Ausstattung daher, ähnlich wie die in der ehemaligen Fraumünsterpost in Zürich. 2020 werden wir unsere erste Bahnhofsfiliale in Morges eröffnen. Weitere Verträge mit den SBB sind in Vorbereitung. Zwei Jahre später ist der Loeb in der Innenstadt von Bern an der Reihe.

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Dieser Artikel wurde zuerst im Wirtschaftsressort des «Blick» veröffentlicht.

www.blick.ch/wirtschaft
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