Die Mäuse und Ernst Tanner strahlten um die Wette. Im Regen bunter Konfetti, mit Mickey und Minnie Mouse, eröffnete der Konzernchef von Lindt & Sprüngli im Juni im Freizeitpark Disneyland in Kalifornien einen neuen Vorzeigeladen. Mit der amerikanischen Lindt-Marke Ghirardelli sollen sich Fans von ­Mickey und Donald Duck die Wartezeiten vor den Attraktionen versüssen.

Tanner selbst will mit solchen Filialen und anderen Ladenformaten seine Wachstumsgeschichte weiterschreiben. Denn die ist beeindruckend. In seinen bald 20 Jahren an der Spitze von Lindt verdreifachte er den Umsatz, und den Gewinn hat er gar versiebenfacht. Der Tausendsassa positionierte Lindt als Premium-Marke. Und er baute seinen Einfluss und seine Macht stetig aus.

Erfolgsgeschichte gerät ins Stocken

«Tanner ist Lindt», sagt ein ehemaliger Weggefährte. Denn der 65-jährige Konzernchef führt nicht nur das Unternehmen, sondern mit dem Fonds für Pensionsergän­zungen auch gleich den grössten Lindt-­Aktionär. Selber ist Tanner grösster Einzelaktionär. Der Manager stellte sich über die Jahre ein eingespieltes Team zusammen, das äusserst stabil ist. Die Spitzenmanager sind 15 Jahre und länger mit dabei. Der «Chocolate-Man», wie die Zwillinge von Markenbotschafter Roger Federer Tanner nennen, steht für Wachstum, Stabilität und Kontinuität.

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Doch jetzt droht die Erfolgsgeschichte ins Stocken zu geraten. Tanners Machtfülle stösst immer mehr auf Kritik. Und der Markt zeigt sich seit längerem nicht mehr von der Schokoladenseite.

Dass es nicht mehr nur rund läuft, zeigt eine Personalie. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Hansjürg Klingler Ende ­August das Unternehmen verlässt. Er leitete über Jahre Tanners Wachstumsbereich – das Überseegeschäft. Die Medienmitteilung war kurz, der Dank knapp. «Der Abgang schlug bei Investoren hohe Wellen», sagt ein Anleger. Dieser passe nicht zur Kontinuität bei Lindt. Klingler war beim Schokoladenkonzern fast 20 Jahre an Bord. Auch persönlich fühlte er sich dem Un­ternehmen verbunden, schliesslich hatte schon sein Vater im Verwaltungsrat ge­sessen.

Tanner junior wird Länderchef

Abgänge von Spitzenmanagern sind bei Lindt selten. «Sie haben durch langfristige Optionsprogramme goldene Fesseln», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Wer gehe, verliere finanziell viel. Tanner halte die Leute aber bei der Stange, indem er «clever mit Nähe und ­Distanz arbeitet – nach dem Prinzip ‹Teile und herrsche›».

Über die Gründe des Abgangs von Kling­ler wird denn auch im Unternehmen heftig gerätselt. Von schwachen Exportzahlen ist die Rede. Klingler habe in den letzten Monaten vergeblich versucht, die Verkäufe mit Aktionen anzukurbeln, meinen die einen. Andere sagen, es könnte an ­einem Konflikt mit dem Konzernchef liegen. Kingler war direkter Vorgesetzter von Derek Tanner. Der Sohn des Lindt-Lenkers arbeitet seit drei Jahren im Konzern. Zuletzt war er unter Klingler zuständig für die Shop-Konzepte.

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Lindt schweigt über die genauen Hintergründe des Abgangs. Auch Investoren erhielten keine Auskunft, wie einer bemängelt. Klingler habe aus «persönlichen Gründen gekündigt», sagt Sprecherin Sylvia Kälin. Lindt & Sprüngli stehe zwar für Kontinuität, aber es sei verständlich, wenn ein noch junger Manager wie Klingler nach langer Firmenzugehörigkeit eine neue Aufgabe übernehmen möchte. Der 54-Jährige war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Beförderung sorgt für Unruhe

Klinglers Funktionen verteilte Tanner auf die drei verbleibenden Konzernleiter und die vier Mitglieder der erweiterten Konzernleitung, wie Lindt mitteilte. Nicht kommuniziert hat das Unternehmen aber, dass im Rahmen des Revirements Sohn Derek Tanner befördert wurde. Er bekommt mehr Verantwortung und wird Länderchef des wichtigen Marktes Japan.

Intern sorge das für Kopfschütteln. Niemand aber wage es, die Beförderung zu kritisieren, erklärt ein Firmenkenner. Jedenfalls nährt der Aufstieg von Derek Tanner frühere Spekulationen, Vater Ernst wolle den Sohn zum Nachfolger aufbauen.

Der Lindt-Patron verneinte derlei Absichten stets. Sprecherin Kälin sagt dazu: «Aus der Beförderung von Derek Tanner Rückschlüsse auf dessen weitere Entwicklung im Konzern zu ziehen, ist falsch.» Die Ernennung zum Japan-Chef sei ein logischer Schritt. Tanner junior war bereits als Verantwortlicher für die Shop-Konzepte dort engagiert. In Japan gibt es drei Lindt-Cafés, im August ist die Eröffnung eines vierten geplant.

Corporate-Governance-Experten hinterfragen die Personalie Klingler und ­Tanner indes. «Lindts Informationspolitik lässt zu wünschen übrig», kritisiert Z-Capital-Chef Gregor Greber.

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Bei einem derart wichtigen Abgang würde der Konzern gut daran tun, klar zu sagen, weshalb der Manager gehe und wie seine Nachfolge genau geregelt werde. Dies umso mehr, als Tanner senior bei seiner eigenen Nachfolge vage bleibt. «Das wollte er demnächst klären», sagt Greber. Doch es blieb bei der Absicht. Tanner liess früher verlauten, er ziehe sich 2013 auf das Verwaltungsratspräsi­dium zurück. Nun sagt er, er wolle das Doppelmandat noch drei bis fünf Jahre lang behalten.

Ausbau in China oder Brasilien

Der «Chocolate-Man» will zuerst den Ausbau in Staaten wie China oder Brasilien realisiert sehen, bevor er kürzertritt. Von Schwellenländern erhofft sich Tanner ­Unterstützung, um seine Wachstumsgeschichte fortzuschreiben. Laut Firmenkennern setzte sich Tanner vor zwölf Jahren ein Umsatzziel von 3 Milliarden Franken. Heute liegt er bei 2,5 Milliarden.

Sich weiter zu steigern, wird schwierig. Im Schokoladenmarkt gibt es wenig Wachs­tumschancen. Die Konsumflaute in Westeuropa und der starke Franken belasten. Nach einem Minus im letzten Jahr setzt sich der Krebsgang dieses Jahr fort. Lindt konnte in den letzten Jahren zwar Marktanteile gewinnen. In zwei der letzten drei Jahre aber verzeichnete der Schokoladenriese brutto einen Umsatzrückgang.

Rabatte nagen am Image

Vor allem im zweitwichtigsten Markt hat Lindt Mühe. In Deutschland herrscht wegen der Konsumflaute ein gnadenloser Preiskampf. Auch Premium-Anbieter Lindt musste mit Probierpreisen und Aktionen reagieren, obwohl sich Rabatte und hohe Qualität nicht vertragen. Das Unternehmen riskiert die Verwässerung der Marke, um möglichst wenig Umsatz zu verlieren. «Wir bieten zwar Aktionen an, diese sind aber immer mit einem Mehrwert wie einem Event oder speziellen Produktangeboten verbunden», sagt Kälin.

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Neue Kunden will Lindt nun mit der neuen Marke «Hello» gewinnen. Mit ihr nimmt der Traditionskonzern Junge ins ­Visier – vorläufig in Deutschland und ­Österreich. Der Verkauf von insgesamt 16 Hello-Produkten soll im Spätsommer starten. Das Produkt sei wie andere Lindt-­Marken im Premiumsegment positioniert, auch beim Preis, sagt Sprecherin Kälin.

Ob es Lindt gelingen wird, dem Preisdruck auszuweichen, muss sich weisen. Derweil bleiben wegen des starken Frankens Kostenoptimierungen ein Thema. Mit acht Produktionsstandorten in Europa und den USA kann Lindt einfacher reagieren als hiesige Produzenten. Laut Marktkennern achtet der Konzern genau darauf, welche Produkte er wo herstellt. «Produktionsverlagerungen rein aus Währungsgründen sind bei uns kein Thema», sagt Kälin. Lindt investiere jährlich 16 bis 18 Millionen in den Produktionsstandort Schweiz. Dieser sei sehr wichtig.

Prunkstück geplant

Doch den ganz grossen Ausbau in der Schweiz, wie noch vor fünf Jahren geplant, legte das Unternehmen auf Eis. «Das Projekt, ein neues Produktionsgebäude in Kilchberg zu erstellen, wurde durch ein Bauvorhaben mit höherer Priorität ersetzt», sagt Kälin. Konkret will Tanner für einen zweistelligen Millionenbetrag in Kilchberg ein «Chocolate Competence-Center» bauen. «Wir sind in der Planungsphase und wollen den Neubau mittelfristig realisieren», bestätigt Kälin.

Das Zentrum soll für interne Schulungen genutzt werden, aber als Erlebniswelt auch dem Publikum offenstehen. «Es soll auch Touristen anlocken. Es wird eine Art Schoggi-Mu­seum», sagt ein Eingeweihter. Tanner wolle sich ein Denkmal setzen. Wann das Zentrum fertig wird, ist nicht bekannt. Sicher aber ist, dass Tanner auch an dieser Eröffnung strahlen wird. Einfach ohne Mickey und Minnie.

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