Welche Felder der Wirtschaft durch den Notstopp am Ende am stärksten betroffen sein könnten, deutet eine neue Analyse von Avenir Suisse an. 

Die Experten des Think Tank haben sechs Branchen unter die Lupe genommen, welche die Krise besonders hart trifft. Zugleich untersuchten sie, wie gut diese finanziell gewappnet sind. Entscheidend ist dafür einerseits die Eigenkapitalquote: Je höher sie ist, desto mehr Puffer hat eine Firma, wenn sie in finanzielle Schwierigkeiten kommt. Je mehr Eigenkapital vorhanden ist, desto geringer ist somit das Insolvenzrisiko. 

Gleichzeitig ist die Liquidität entscheidend: Je grösser die Finanzpolster eines Unternehmens, desto überlebensfähiger ist es in der Krise.

Wie gut sind die betroffenen Branchen finanziell gewappnet?

Grösstes Risiko: Hotellerie

Schweizer Hotels und Pensionen brechen die Umsätze weg, denn seit Wochen bleiben die Gäste aus. Die Überbrückungskredite des Bundes könnten Liquiditätsengpässe in dieser Branche zwar zunächst auffangen, dennoch könnte es laut Avenir Suisse hier am ehesten zu Solvenzproblemen kommen, denn die Eigenkapitalquoten sind mit 17 Prozent sehr niedrig.

Risikogruppe 2: Reisebüros- und -veranstalter 

Für diese Branche besteht das zweitgrösste Insolvenzrisiko, denn die Firmen verfügen über wenig finanzielle Polster. Dies könnte vor allem dann zum Problem werden, wenn Zahlungen verzögert werden. Denn als Mittler zwischen Endkunden und anderen Dienstleistern wie Hotels und Fluggesellschaften müssten die Unternehmen im Falle von verspäteten Zahlungseingängen erst einmal auf das eigene Kapital zurückgreifen.

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Laut Avenir Suisse können allerdings «in einer ersten Phase die Liquiditätshilfen des Bundes Abhilfe schaffen». 

Risikogruppe 3: Gastronomie

Mit einem Eigenkapitalpuffer von rund 30 Prozent stehen Restaurants, Bars und Clubs besser da als Hotellerie und Reisebranche und werden Verluste eher auffangen können. Anders sieht es bei der Liquidität aus, doch mit den Überbrückungskrediten des Bundes dürften gerade Restaurants gut über die Runden kommen, schreiben die Experten. 

Risikogruppe 4: Unterhaltung, Sport, Erholung

Die Unternehmen in dieser Branche sind laut Avenir Suisse mit guten Finanzpolstern ausgestattet. Eine Prognose, wie sich die Krise auswirkt, wollen die Experten dennoch nicht geben, da «diese Branche sehr heterogen ist». 

Risikogruppe 5: Detailhandel

Der Detailhandel verfügt über die geringsten Liquiditätspuffer im Vergleich zu den anderen untersuchten Branchen. Die Krise trifft den stationären Handel besonders hart, die staatlichen Liquiditätshilfen seien daher für diese Firmen überlebenswichtig. Auch wenn die Läden bald wieder öffnen, dürfte die Digitalisierung den Detailhandel noch stärker unter Druck setzen – denn im Zuge der Krise hat der Online-Handel einen zusätzlichen Schub erhalten.

Risikogruppe 6: Persönliche Dienstleistungen

Firmen wie Kosmetik- und Coiffeursalons, Wäschereien und Bestattungsunternehmen seien «finanziell relativ solide» – so schneidet die Branche im Vergleich von Avenir Suisse am besten ab. Allerdings geben die Experten zu bedenken, dass eine eindeutige Beurteilung der finanziellen Puffer in dieser Branche sehr schwer sei: Zu unterschiedlich seien die Geschäftsmodelle, zu sehr schwanke die Finanzausstattung von einem Jahr zum nächsten.

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Die Dienstleistungskrise

Dass die Corona-Krise insbesondere den Dienstleistungssektor trifft, weiss auch Benedikt Zoller-Rydzek von der ZHAW, der zusammen mit seinem Kollegen Florian Keller untersucht hat, wie sich die Krise auf Schweizer Firmen auswirkt: «Nicht nur den Coiffeur um die Ecke, sondern alle jene Dienstleister mit Kundenkontakt, etwa auch Management-Beratungen oder Versicherungsmakler, trifft es besonders hart». 

Dabei fällt auf, dass die Bundeshilfe vor allem von Firmen in Anspruch genommen wird, denen es 2019 wirtschaftlich gut ging. Jene Unternehmen hingegen, die bereits 2019 eine eher schwierige Geschäftssituation hatten, schrecken davor zurück, Überbrückungskredite zu beantragen. Der Grund: Sie befürchten, die Kredite in Zukunft nicht zurückzahlen zu können. 

Doch laut Zoller-Rydzek haben selbst Firmen mit überlebensfähigem Geschäftsmodell, denen es vor der Krise gut ging, Angst vor Überschuldung. Seine Kritik: Die Bundeshilfe geht nicht weit genug und müsste nachgebessert werden. «Wenn selbst relativ gesunde Firmen Angst vor Überschuldung haben, wäre vielen Firmen nun besser geholfen, wenn sie direkte Unterstützung durch den Staat erhielten, statt Kredite.»

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«Die Bundeshilfe liesse sich besser gestalten»

Etwa indem sie keine Steuern auf ihre Gewinne zahlen: «Firmen die 2019 profitabel waren, könnten rückwirkend von der Gewinnsteuer befreit werden. Das würde alle Unternehmen gleichermassen entlasten, ohne die Gefahr Zombie-Firmen zu fördern, da jene mit Verlusten nicht durch Steuererleichterungen gestützt würden,» sagt Zoller-Rydzek.

Die Umfrage der ZHAW zeigt, dass bislang vor allem Unternehmen aus der MEM-Industrie und dem Dienstleistungssektor die Überbrückungskredite in Anspruch nehmen. Demnach sind die meisten Unternehmen, welche die Bundeshilfe bisher beantragt haben, kleine Unternehmen: 15 Prozent mit einem Umsatz unter 2 Millionen Franken, 12 Prozent mit einem Umsatz von 2 bis 10 Millionen. Lediglich 4 Prozent der befragten grösseren Unternehmen (Umsatz zwischen 10 und 50 Millionen) greifen auf die Staatshilfen zurück. 

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Die ZHAW-Wissenschaftler haben ihn einer Umfrage zwischen 7. und 13. April 2020 etwa 200 Managerinnen und Manager befragt. Demnach erwarten die meisten Firmen den Höhepunkt der Krise Ende Juli, bis dahin rechnen sie mit wirtschaftlichen Einbussen von 33 Prozent. Dabei macht ihnen der Einbruch der Nachfrage aus dem Ausland am meisten zu schaffen.