In London gehen ehemalige Banker zunehmend allein gegen ihre Entlassungen durch frühere Arbeitgeber vor. Indem sie auf einen Anwalt verzichten, können sie über 35'000 Euro an Gebühren sparen. Das zeigen viele Beispiele.

Paul Carlier kämpft gegen Lloyds Banking Group. Milko Ostendoff geht gegen Barclays vor. Und Perry Stimpson legt sich mit Citigroup an.

Aus Ehre und Rache

Die drei Männer repräsentieren sich selbst vor Arbeitsgerichten in der britischen Hauptstadt. Sie wollen, dass ihre Ehre wieder hergestellt wird – oder zumindest Ärger loswerden. Manchmal sieht es auch nur nach Rache aus.

Einige der kämpferischen Banker wurden wegen unterdurchschnittlicher Leistung entlassen. Andere mussten im Zusammenhang mit Skandalen rund um Marktmanipulationen gehen, die die Banken inzwischen Milliarden von Euro gekostet haben.

Immer mehr Klagen

Zwar führen die Londoner Arbeitsgerichte keine genauen Statistiken. Dennoch steigt ganz offensichtlich die Anzahl der Banker, die ihre Ex­-Arbeitgeber verklagen.

Die erstrittenen Geldsummen, um die es geht, scheinen eher klein im Vergleich zur Londoner Bankenbranche. Erfolgreiche Kläger gehen in dieser Instanz im Durchschnitt mit 5000 Pfund nach Hause (umgerechnet rund 7000 Euro). Auf der anderen Seite geht es bei den Prozessen nicht ums Geld allein.

Arbeitsgericht als erster Schritt

Carlier, ein ehemaliger Devisenhändler, führt seine Entlassung darauf zurück, dass er ein Whistleblower für unzulässigen Handel gewesen ist. Am 16. September erschien er vor Gericht, um es mit dem Lloyds-Team aufzunehmen: ein halbes Dutzend Anwälte und Manager des Finanzkonzerns.

«Das scheint nicht fair, oder», sagt der 46-Jährige, der einst ein Gehalt von 225'000 Pfund im Jahr verdiente. Ein Sieg vor dem Arbeitsgericht könnte den Weg zu anderen Gerichten und bisher nicht ausgezahlten Boni ebnen.

Zu teuer mit einem Anwalt

Die Londoner Arbeitsgerichte waren im Jahr 1964 gegründet worden – eine Instanz ausserhalb der Royal Courts of Justice und ihrer Marmor-Fussböden.

«Ich habe mir mit der anderen Seite inzwischen 500 E-Mails geschrieben», berichtet Ostendorf, einst Händler bei Barclays. Er klagt seit 2010 gegen die Banken wegen ungerechtfertigter Entlassung. «Können Sie sich vorstellen, was es kostet, wenn ein Anwalt 500 E-Mails schreibt?».

Gehör auch ohne Rechtsvertretung

Stimpson, der im Rahmen von Untersuchungen zur Manipulationen an den Devisenmärken von Citigroup gefeuert worden war, will auch, dass sein guter Name wieder hergestellt wird.

«Ich glaube nicht, dass die Anwälte immer die besten Interessen ihre Mandanten verfolgen», sagt Stimpson. «Es geht darum, dass meine Seite der Geschichte gehört wird.»

Um sich auf den Prozess vorzubereiten, hat er ein Buch zu Rate gezogen, das viele entlassene Händler wie die Bibel behandeln: «Employment Tribunal Claims: Tactics and Precedents.» Übersetzt heisst das so viel wie «Fälle vor dem Arbeitsgericht: Taktiken und Präzedenzfälle».

Übung macht den Meister

Laut Naomi Cunningham – eine Anwältin, die an dem Buch mitgeschrieben hat – ist es nicht einfach für Banker und Händler, sich vor Gericht selbst zu verteidigen.

«Das mit Abstand Schwerste für diese Leute sind Kreuzverhöre, weil man das ein paar Male richtig schlecht gemacht haben muss, bevor man es lernt», sagt Cunningham. «Wenn es der eigene Fall ist, der einem wirklich am Herzen liegt, und jemand, den man kennt, dem Gericht einen Haufen Lügen erzählt, dann kann man schon in Rage geraten.»

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(bloomberg/jfr)