Kurz vor Weihnachten erhielt die Firma Aeris eine Anfrage aus der chinesischen Stadt Wuhan. Ein neuer Kunde wollte die Luftreiniger der Schweizer ins Sortiment aufnehmen und platzierte zunächst eine Musterbestellung. «Wenige Wochen später meldete er sich bereits wieder – und bestellte mehrere Dutzend Paletten», sagte Aeris-Mitgründer Constantin Overlack.

Wuhan in China: Hier begann um die Weihnachtszeit die Krise, die heute die ganze Welt im Banne hält – und die Schweizer Herstellern von Luftreinigern massiv mehr Bestellungen aus Asien beschert: Das Corona-Virus trat erstmals auf und breitete sich aus.

Ein «heftiger Bedarf»

Seitdem kommt Aeris in Cham, Kanton Zug, mit den Bestellungen aus China nicht mehr nach. «Wir lieferten containerweise Geräte in die Regionen Wuhan und Shenzen. Aktuell haben wir deshalb Lieferengpässe», sagt Overlack.

Eine ähnliche Erfahrung macht der St. Galler Anbieter IQAir. Beim grössten Schweizer Hersteller von Luftreinigern sind die Verkäufe in China seit Dezember um rund 40 Prozent gestiegen, Firmenchef Frank Hammes spricht von einem «heftigen Bedarf».

IQAir verkauft die Filtermaschinen vor allem an chinesische Spitäler und Kliniken, die sie in den Räumen mit infizierten Patienten verwenden. «Aber auch Firmen und Privatpersonen bestellen mehr Geräte», so Hammes.

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IQ Air und Aeris - Spezialisten für Premium-Luftreiniger

IQAir

  • IQAir aus Goldach bei Rohschach gehört zu den führenden europäischen Anbietern von Luftreinigern – die Firma fabriziert auch Klimaanlagen-Luftfilter oder Luftpartikel-Zähler. Einen Mundschutz hat IQAir ebenfalls im Angebot. Er ist in Asien wegen des Corona-Virus' aktuell ausverkauft.
  • Das KMU produziert seine Produkte am Firmensitz sowie in Süddeutschland und zählt rund 500 Mitarbeiter weltweit.
  • Asien und Nordamerika sind für IQAir die wichtigsten Märkte. In China hat die Firma 150 Angestellte, 14 Niederlassungen und einen Marktanteil von rund 5 Prozent.

Aeris

  • Das Zuger Startup besteht erst seit 2015. Den Anstoss dazu gab einen Besuch der beiden Firmengründer Constantin Overlack und Pierre Bi in Peking: Der Smog in der chinesischen Hauptstadt brachte sie auf die Idee, eigene Luftreiniger zu entwickeln.
  • Die Firma hat aktuell rund 20 Mitarbeiter und beschränkt sich auf die Entwicklung der Geräte. Die Produktion erfolgt derzeit grösstenteils bei einer Schweizer Partnerfirma.
  • Zu Beginn hat sich die Jungfirma auf Asien konzentriert, 2019 erfolgte der Start in den USA. Später will Aeris auch in andere Regionen expandieren.

 


 

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Schützen Luftreiniger? Jein

Dabei behaupten IQAir und Aeris gar nicht, dass ihre Lufteiniger vollen Schutz vor dem neuartigen Krankheitserreger bieten. Die Filter in den Geräten entfernen verschiedene Fremdpartikel aus der Luft: Bakterien beispielsweise, Milben, Schimmelsporen, Russ – und auch Viren.

Um Viren auszuschalten, müssen sie allerdings in die Geräte gelangen. «Wir können einen Corona-Virus zurückhalten, wenn er in den Filter kommt», sagt Hammes von IQAir. In Spitälern werden die Maschinen von IQAir deshalb oft mit Absaug-Armen versehen, die die Luft in der Nähe von infizierten Patienten reinigen. Dies hilft, das Risiko von Ansteckungen zu senken, beispielsweise wenn ein Kranker hustet.

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In normalen Räumen hängt die Schutzwirkung auch von der Position des Geräts ab. Wenn sich zwei Leute in einem Raum in grossem Abstand zu einem Luftreiniger unterhalten, wird dieses Gerät vermutlich wenig Effekt zeigen: Ein Virus könnte sich zwischen den Gesprächspartnern übertragen. 

Luftfilter_CFM

aair 3-in-1 Pro: Einer der Luftreiniger der Firma Aeris.

Quelle: Aeris
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Ein psychologischer Effekt

Dass sich Luftreiniger in dieser Krise so gut verkaufen, erklärt sich also auch mit Psychologie: Die Menschen sind verunsichert und suchen Möglichkeiten, sich vor dem neuen Krankheitserreger zu schützen – das zeigt sich etwa an der Popularität von Mundschutzmasken: Sogar auf Mailands Strassen sind seit dieser Woche viele Personen mit einem Stofftuch vor dem Gesicht unterwegs.

Wobei es aus Sicht der Firmen durchaus Sinn ergibt, wegen des Krankheitserregers Luftreiniger einzusetzen. «Jede Massnahme, die Viren fängt, kann helfen», betont Hammes von IQAir. Luftreiniger seien nur eines der Instrumente, mit denen Firmen in China auf den Corona-Virus reagierten. «Sie lassen jeden Abend die Büros desinfizieren, verteilen Gesichtsmasken an die Mitarbeiter und stellen Luftreiniger in die Räume.»

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Auch andere Hersteller von Luftreinigern dürfen in China derzeit gute Geschäfte machen. IQAir ist einer der führenden europäischen Anbieter, der Marktanteil der St. Galler Firma beträgt aber lediglich rund fünf Prozent. Aeris ist bedeutend kleiner – das Startup besteht erst seit 2015.

Durchbruch in der SARS-Krise

Die beiden Firmen wollen ihren aktuellen Erfolg in China deshalb nicht hoch bewerten. «Der Ausbruch des Corona-Virus sensibilisiert Menschen für die Bedeutung der Luftqualität. Unser Geschäftsmodell funktioniert aber auch ohne solche Grossereignisse», betont Aeris-Mitgründer Constantin Overlack.

Auch IQAir wächst schon seit Jahren weltweit stark. «Die Luftqualität besonders in Grossstädten ist in Asien ein grosses Problem», sagt Firmenchef Frank Hammes. Luftverschmutzung gefährde die Gesundheit genauso wie Viren. Die Firma profitierte in der Vergangenheit allerdings schon einmal von einer Epidemie: IQAir konnte während des Ausbruchs der Sars-Krise 2003 viele asiatische Spitäler als Kunden gewinnen.

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So bestellte die Hongkonger Spitalbehörde «Hospital Authority» damals über 500 Raumluftreinigungssysteme für über 150 Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen bei der Schweizer Firma.

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