Sind Sie mit dem bisherigen Geschäftsverlauf im Jahre 2007 zufrieden?
Manfred Manser: Wir sind auf Kurs und rechnen auch für 2007 mit einem guten Ergebnis. Allerdings registrieren wir einen Anstieg der Gesundheitskosten, die deutlich über dem Vorjahr liegen. Diesbezüglich befinden wir uns wieder im Alltagstrott…

Aber es gibt doch Bestrebungen, etwa die Anzahl der Spitalbetten zu reduzieren?
Manser: Durch eine Strukturreform im Spitalbereich könnte tatsächlich viel Geld eingespart werden. Bemühungen wie die Vertragsfreiheit, die Reduktion der Spitalbetten oder eine überregionale und wettbewerbsorientierte Spitalpolitik sind aber seit Jahren durch die Politik blockiert.

Sind Sie mit Bundesrat und Gesundheitsminister Pascal Couchepin unzufrieden?
Manser: Dafür kann er nichts. Das Parlament, insbesondere der Nationalrat, blockiert die grossen Reformwürfe.

Inwiefern spielt dabei die Tatsache eine Rolle, dass im Herbst die National- und Ständeräte neu gewählt werden?
Manser: Vorher bewegt sich nichts mehr. Nun bleibt abzuwarten, wie das Parlament nachher zusammengesetzt sein wird.

Hoffen Sie, dass viele Bürgerliche ihre Sitze behalten, weil diese Ihre Anliegen am stärksten unterstützen?
Manser: Wenn Politiker jener Parteien, die grundsätzlich für Wettbewerb sind, sich auch im Gesundheitsbereich entsprechend verhalten würden, wäre der Sache schon gedient. Aber im Wahljahr schrecken selbst Bürgerliche davor zurück.

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Welche konkreten Massnahmen könnten als Erstes umgesetzt werden?
Manser: Als Erstes muss man den Risikoausgleich optimieren. Dies ist Bedingung für die Einführung von Fallpreispauschalen im Spitalbereich oder die Weiterentwicklung der Managed-Care-Modelle.

Wo müsste man als Zweites ansetzen?
Manser: Bei der Spitalfinanzierung. Dort haben wir momentan die denkbar dümmste Methode: Das Spital, das seine Kosten am besten ausweisen kann, erhält die höchsten Tarife zugesprochen. Dies ist völlig falsch, weil damit Vergleiche und Wettbewerb verhindert werden.

Müsste man nicht Spitäler schliessen?
Manser: Liesse die Politik Wettbewerb wirklich zu, würde dies automatisch geschehen. Analysen der Patientenströme zeigen, dass viele Spitäler am falschen Ort stehen und nur aus regionalpolitischen Gründen weiter betrieben werden.

Wie viele Spitäler brauchen wir denn?
Manser: Betriebswirtschaftlich und versorgungstechnisch sind 50 Spitäler genug. Würden sie klug über die Schweiz verteilt, hätte kein Einwohner länger als 30 Minuten bis zum nächsten Spital.

Aktuell gibt es 250 Spitäler. Ihr Wunsch ist nicht umsetzbar.
Manser: Deshalb wäre wohl realpolitisch eine Zahl von 100 Spitälern realistisch.

Welches Sparpotenzial sehen Sie beim Streichen von Leistungen, die von der Grundversicherung bezahlt werden?
Manser: Es geht nicht ums Streichen. Wir sollten aber überprüfen, ob sie wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind.

Sie sagen, dass dies etwa die Komplementärmedizin nicht tut.
Manser: Das habe nicht ich gesagt, sondern ist das Ergebnis einer Studie. Solche Diskussionen könnte man auch bei Brillen und Mitteln gegen Potenzstörungen oder zur Raucherentwöhnung führen.

Hans Heinrich Brunner, ehemaliger Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), wollte auch Priester und Gebete in den Grundleistungskatalog aufnehmen.
Manser: Dieser Vorschlag war vielleicht gar nicht so dumm. Denn es gibt ja Selbstheilungskräfte. Deshalb werden immer noch viele homöopathische Mittel durch die Grundversicherung gedeckt, weil sie diese Kräfte aktivieren können.

Die Diskussion über den Inhalt des Grundleistungskatalogs läuft schon seit Jahren. Wann kommt nun dessen Neuauflage?
Manser: Vor den Wahlen ganz sicher nicht. Anschliessend fände ich es aber gut, wenn das BAG eine entsprechende Arbeitsgruppe einberufen würde.

Helsana versucht auch, die Kosten zu senken, indem im Ausland gekaufte Medikamente rückerstattet werden.
Manser: Wir wollen in Zukunft auch medizinische Hilfsmittel wie Rollstühle direkt importieren. Die heutigen, vom Bund verordneten Fixpreise sind viel zu hoch.

Wie gross ist das Sparpotenzial?
Manser: Insgesamt über 100 Mio Fr.

Weshalb helfen Ihnen andere Krankenversicherer nicht bei solchen Projekten?
Manser: Wissen Sie, auch bei meinen Kollegen beobachte ich immer wieder, dass sie den Wettbewerb fordern, aber dann doch vor diesem zurückschrecken. Kein anderer Krankenversicherer setzt so konsequent auf Wettbewerb. Also ist es an uns, konkrete Massnahmen zu lancieren.

Welche Aktion kommt als Nächstes?
Manser: Wir suchen eine stärkere Zusammenarbeit mit den 50 grössten Spitälern, welche ein Viertel unseres Leistungsvolumens generieren. Wir möchten mit ihnen direkt und nicht über den Branchenverband Santésuisse Tarifverträge abschliessen.

Haben Sie kein gutes Verhältnis zum neuen Santésuisse-Direktor Fritz Britt?
Manser: So schlecht kann das Verhältnis nicht sein, schliesslich bin ich Vizepräsident seiner Organisation (lacht). Es kann aber nicht sein, dass wir in einem Spital, dem wir 50% seiner Patienten bringen, die gleichen Konditionen haben wie ein Konkurrent, der nur 10% der Patienten bringt.

Bisher erhielten Sie keine Rabatte, weil Santésuisse im Namen aller Krankenversicherer mit dem Spital Verträge abschloss.
Manser: Deshalb fordern wir, dass wir Verhandlungen direkt führen. Allenfalls können sich einzelne Versicherer zu Einkaufsgemeinschaften zusammenschliessen.

Wäre dies auch mit ausländischen Versicherern möglich?
Manser: Die Rahmenbedingungen, etwa die Regeln für Importe, lassen dies heute nicht zu. Aber es wäre eine spannende und interessante Sache, die sich mit der Zeit ergeben dürfte.

Mit Ihren ausländischen Kollegen haben Sie bestimmt schon über die Gesundheitskarte gesprochen, welche jede in der Schweiz versicherte Person erhalten soll. Welches Sparpotenzial sehen Sie hier?
Manser: Wir sehen gegenüber der bestehenden Karte kein Sparpotenzial. Anstatt einen teuren Umweg über eine Chip-Karte zu machen, könnte man meiner Meinung nach direkt auf das elektronische Patientendossier hinarbeiten.

Dieser Vorschlag brachte Ihnen mächtig Ärger von Datenschützern ein. Manser: Das elektronische Patientendossier war kein Helsana-Vorschlag, sondern ein Teil der E-Health-Strategie des Bundes. Es geht darum, moderne Technologien sinnvoll einzusetzen. Damit können wir Leerläufe verhindern und Fehlerquellen eliminieren.

Werden Sie Helsana-Kunden dafür belohnen, je mehr Daten Sie einsehen dürfen?
Manser: Das wäre denkbar, ist aber nicht unsere Absicht. Anreize würde ich lieber in anderen Bereichen einführen, damit sich Kunden etwa regelmässig bewegen oder an Ernährungsberatungskursen teilnehmen. Wer sich nachweislich gesundheitsbewusst verhält, sollte weniger Prämie bezahlen müssen.

Man kann übergewichtig sein, auch wenn man sich richtig ernährt und viel bewegt.
Manser: Das ist richtig. Aber wir könnten die richtigen Anreize dafür schaffen, dass die Menschen von sich aus mehr für die Gesundheit tun und dafür von uns belohnt werden. Es ist wie auf dem Hühnerhof: Die Hühner laufen dorthin, wo der Bauer die Körner ausstreut.

Sie haben Ihre Körner jüngst im Handelsregister gestreut und zwei Billigkrankenkassen gegründet. Für welche Kunden?
Manser: Das ist noch offen. Denkbar wäre eine gezielte Ausrichtung auf junge Familien. Denn man muss verhindern, dass immer mehr jüngere Versicherte Millionen an Solidaritätsbeiträgen an die älteren Versicherten zahlen.

Eine effiziente Kostenreduktions-Methode wäre nicht zuletzt auch die Fusion von Krankenversicherern...
Manser: Es ist richtig, dass es in der Schweiz zu viele Krankenversicherer gibt. Die entsprechende Konsolidierung wird kommen. Zehn grössere Krankenkassen würden genügen. Wir wollen an diesem Prozess aktiv teilnehmen.

Welche haben Sie auf Ihrem Radar?
Manser: Verschiedene. Im Zusatzversicherungsbereich haben wir eben eine Kooperation mit der Aargauer Krankenkasse Birchmeier vereinbart. Wir rechnen mit dem Absatz von über 10000 neuen Zusatzversicherungen.

Und nächstes Jahr?
Manser: Übernahmen oder Kooperationen sind durchaus vorstellbar.

Wie lange bleiben Sie noch im Amt?
Manser: Ich werde Ihnen noch einige Zeit erhalten bleiben (schmunzelt). Wir haben noch viele Ideen, und diese umzusetzen, ist spannende Knochenarbeit.

Wo tanken Sie die nötige Energie?
Manser: Beim Sport. Ich mache regelmässig Walking, fahre Mountenbike und Ski. Zudem habe ich noch zwei Hunde, die sich immer freuen, wenn ich so richtig stramm mit ihnen spazieren gehe. Vor allem am Wochenende.