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Karriere
Martin Senn: Vom Faxer zum Zurich-CEO

Martin Senn: Lehrjahre in Asien.   Keystone

Der Chef der Zurich Insurance Group gewährt in China ungewohnt persönliche Einblicke in sein Leben und erzählt von seinem beruflichen Aufstieg. Asien verdankt er nicht nur seine Karriere.

Von Christian Bütikofer
am 16.03.2015

Durch seine vorsichtige Anlagestrategie wurde die Position von Zurich-Geschäftsleiter Martin Senn während der Finanzkrise unumstösslich und er zum Star am Versicherungshimmel. Mit privaten Einblicken in sein Leben gab er sich gegenüber der Öffentlichkeit bisher zurückhaltend. Nun gewährt er der staatlichen chinesischen Zeitung «China Daily» ungewohnt persönliche Einblicke in sein Privatleben.

Asien, so die grösste englischsprachige Tageszeitung Chinas, war für den Schweizer ein «Game Changer», die dortige Erfahrung krempelte sein Leben völlig um, wird er zitiert. Mit 26 Jahren wurde Senn nach einem Abstecher in die USA zum Finanzdirektor der Hongkong-Filiale des UBS-Vorläufers Schweizerischer Bankverein (SBV) ernannt und zog 1983 in die damals noch britische Metropole.

Der Perspektivenwechsel

«Als ich nach Hongkong kam, fragte mich mein dortiger Chef, was ich während meiner Ausbildung in den Vereinigten Staaten gelernt hätte. Ich sagte ihm, dass ich gelernt hätte, dass Geld wichtig sei. Er forderte mich daraufhin auf, ein Geldstück nahe vor meine Augen zu halten. Alles, was ich sehen konnte, war Geld.

Dann sagte mir mein Boss, dass ich das Geldstück etwas entfernter vor meine Augen halten solle und plötzlich konnte ich viele Dinge über das Geldstück hinaus sehen – die Leute, das Büro, die Fensteraussicht.» Da wurde Senn klar, dass persönliche Beziehungen zentral sind, auch in Geldfragen.

Vom Faxer zum Networker

In Hongkong knüpfte er Beziehungen zu Politikerkaste und Unternehmern – und er wurde ein effizienter Faxer: «Als ich einmal von einem Ministerium in Peking nach Hongkong zurückkehrte, sollte ich der Firma einen Fax senden, um den Inhalt der Gespräche nochmals zu bestätigen. Ich versuchte geschlagene zwei oder drei Tage, den Fax zu senden, aber ohne Erfolg, die Faxnummer war immer besetzt. Die hatten nur eine Faxmaschine für das ganze Ministerium.»

Daraufhin hätte sein Chef ihn mit dem Schriftstück nach Peking geschickt, um es persönlich zu übergeben. Dies musste er dann während einem halben Jahr tun – fast jede Woche von Hongkong nach Peking und zurück. «Dadurch kannte ich nachher alle, vom Sicherheitspersonal, der Rezeptionistin, Sekretärin bis zum Gouverneur.» Diese Zeit in Hongkong war für Senns Entwicklung zentral, denn zum ersten Mal musste er ein Netzwerk aufbauen mit Personen ganz verschiedener Kulturen.

Erst Vertrauen, dann Geschäft

Ein grosser Unterschied zwischen westlichen und östlichen Geschäftsgebaren ist laut Senn die Art, Geschäfte zu machen. Im Westen ist man sehr transaktions-orientiert, man macht ein Geschäft und vertraut dann darauf, dass beim Geschäftspartner ein entsprechendes Umfeld herrscht, das den Deal einfach ermöglicht. Ganz anders in Asien: Dort baut man zuerst Vertrauen auf, bevor man ernsthaft miteinander Geschäfte macht.

In Hongkong lernte Senn auch seine zukünftige Frau kennen, eine Violistin aus Südkorea. «Es war 1983 und Nationalfeiertag, als wir ein Geschäftsessen auf einem Boot im Südchinesischen Meer abhielten. Meine zukünftige Frau war ein geladener Gast und sie sagte mir, sie sei Koreanerin. Ich fragte sie, Nord oder Süd? Sie dachte, das ist nun aber eine dumme Frage...». Zwei Jahre später heiratete sie ihn.

Senn, der Komponist

1984 begleitete er seine künftige Frau während einer Musiktournee in China. In der damaligen Velo-Metropole Shanghai  war er tief beeindruckt über deren Einwohner. Die Leute, die keinen Platz mehr in der Tonhalle fanden, stiegen von ihren Fahrrädern ab und lauschten einfach von draussen dem Konzert, aufmerksam und still. «Ausländer waren damals in Shanghai eine Seltenheit und als man mich erblickte, meinten sie, ich sei der Komponist oder ein Musiker. Sie wollten eine Unterschrift.»

Durch seine Frau lernte er auch, wie zentral die Familienbande für Asiaten ist und sie eröffnete ihm einen neuen, damals noch unbekannten Zugang zur asiatischen Kultur, was wiederum seine geschäftliche Tätigkeit beeinflusste: Für die nächsten zwanzig Jahre war er meist in Asien geschäftlich tätig, in Hongkong, Singapur und Tokio für den UBS-Vorgänger SBV, später für die Credit Suisse, bis er 2006 bei seinem aktuellen Arbeitgeber Zurich Insurance Group anheuerte.

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