Sie haben im Rahmen des Börsengangs ein Drittel Ihrer Aktien am Markt
platziert. Wollen Sie sich noch von weiteren Titeln trennen und damit den Streubesitz vergrössern?

Matthias Reinhart: Der Free Float beträgt 30,7%. Direkt und indirekt halte ich einen Anteil von 60,6%, die restlichen 8,7% gehören den Mitarbeitern. Die Mitarbeiteraktien werden über die nächsten Jahre schrittweise frei. Damit vergrössert sich der Streubesitz automatisch. Ich selbst
bin entschlossen, meinen Anteil zu halten. Es ist die Investition, die sich für mich am meisten lohnt. Zudem kann ich selber dafür sorgen, dass es hoffentlich gut kommt.

Bis jetzt ist es «gut gekommen». Die Erträge sind in den letzten Jahren über 20% gewachsen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Reinhart: Zum einen ist es die Unabhängigkeit, die uns vor Interessenkonflikten schützt. Wir werden nur für die Beratung bezahlt. Zum anderen ist es die Expertise. Diese aufzubauen, ist ein sehr langer Prozess. In unserem Geschäftsmodell kombinieren wir die unabhängige Finanzberatung mit der Vermögensverwaltung.

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Haben Sie keine Angst vor Nachahmern?

Reinhart: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine Institution aus dem Nichts heraus das Gleiche macht. Unsere grössten Konkurrenten sind die Onshore-Privatbanken, die Private-Banking-Abteilungen der Grossbanken und der Kantonalbanken. Dort gibt es sehr viele Nachahmungsversuche. Diese Banken haben aber immer einen Interessenkonflikt, weil sie auch Finanzprodukte verkaufen wollen. Diesen Konflikt haben wir ganz bewusst aus dem Geschäftssystem eliminiert, und das versteht auch unser Kunde.

Und weiss er auch, dass die Beratung dazu dient, Neugelder zu akquirieren?

Reinhart: Ja, wir gewinnen die Vermögensverwaltungskunden über die Beratung. Zwischen 25 und 30% der Beratungskunden entscheiden sich später für ein Vermögensverwaltungsmandat. Mit der im April 2007 gegründeten Depotbank können wir neu aber auch reine Depotführungsmandate anbieten.

Mit der Gründung der Depotbank haben Sie auch die Bewilligung der EBK
erhalten. Wann werden Sie sich in VZ Bank umbenennen?

Reinhart: Das wird nie der Fall sein. Es kommen auch keine weiteren Bankdienstleistungen dazu. Die Depotbank wurde aus Kostenüberlegungen gegründet. Die Kundengelder sind so stark gestiegen, dass es mittlerweile kostengünstiger geworden ist, die Dienstleistung im eigenen Haus anzubieten. Einen Teil dieser Einsparungen geben wir den Kunden über bessere Konditionen weiter. Für uns ist dies auch ein stärkeres Bindemittel. Ein Kunde überlegt sich doppelt, zu einer anderen Institution zu wechseln, da er diese Vorteile ja dann verlieren würde.

Wann wird sich die Depotbank positiv auf das Ergebnis auswirken?

Reinhart: Rund zwei Drittel der Kunden von Drittbanken werden wohl auf die Depotbank wechseln. Dieser Transfer wird in der ersten Hälfte 2008 erledigt sein. Dann wird man vor allem einen positiven Effekt sehen. In diesem Jahr dürfte die Wirkung noch mehr oder weniger ergebnisneutral sein.

Wie sieht es für 2007 aus? Können die Erträge in einem ähnlichen Rahmen wie im Vorjahr – plus 28% – gesteigert werden?

Reinhart: Für die nächsten Jahre sehen wir ein jährliches organisches Umsatzwachstum von rund 20% als realistisch an. Von diesem mittelfristigen Ziel werden wir auch in diesem Geschäftsjahr nicht gross abweichen.

Und operativ?

Reinhart: Wir kommunizieren einen Zielwert für die Umsatzentwicklung. Alles andere ist eine Funktion davon.

Sie werden das Jahr also etwa im Rahmen der Erwartungen abschliessen. Dürfen die Aktionäre mit einer Dividende rechnen?

Reinhart: Rund 30 bis 40% des zukünftigen Gewinns wollen wir in Form einer Dividende ausschütten. Läuft es besser, wird die Ausschüttung erhöht. Es ist nicht Sinn und Zweck, nichtbetriebsnotwendige Mittel im Unternehmen zu horten.

Der Neugeldzufluss wächst jährlich rund 20%. Spüren Sie bald einen Basiseffekt?

Reinhart: Die ganze Wachstumsrate begründet sich aus unserem sehr fokussierten Geschäftsmodell. Wir konzentrieren uns auf das Privatkundengeschäft, das rund 90% der Gesamterträge ausmacht. Dabei steht das Alterssegment ab 55 im Fokus. Das Schöne ist, dass dieses Segment rein demographietechnisch weiter wachsen wird. Ob sich aber der Neugeldzufluss in diesem Masse fortsetzt, kann ich nicht sagen.

Wie sieht das VZ in zehn Jahren aus?

Reinhart: Es ist keine Änderung in der Strategie absehbar, das ist ganz wichtig. Thematisch verspricht die Nachlassplanung grosses Potenzial, dort werden wir deutlich aufstocken. Ein zweites wichtiges Thema ist die Depotbank. Die dritte Stossrichtung ist die Expansion nach Deutschland. In München sind wir bereits tätig, ab dem 2. Halbjahr 2007 werden wir auch in Frankfurt präsent sein.

Wie viele Niederlassungen wollen Sie in Deutschland aufbauen?

Reinhart: Mittelfristig sind in allen grösseren Städten Niederlassungen geplant. In der Schweiz sind wir bereits in allen grösseren Zentren präsent. Jetzt expandieren wir noch in kleinere Zentren, Stichwort Rapperswil oder Neuenburg. Thun wird noch im Jahr 2007 umgesetzt. In Deutschland sieht es dagegen eher so aus, dass wir nur die grossen Zentren abdecken.

Bis wann sind Sie in Deutschland in allen grossen Zentren präsent?

Reinhart: Dafür gibt es keinen Zeitplan, es muss sich alles ergeben. Wir wollen nicht überbordend wachsen, um nachher festzustellen, dass alles schief läuft.

Wie sieht es mit anderen Ländern aus?

Reinhart: Wir konzentrieren uns lieber auf ein paar wenige Dinge und machen diese dafür richtig. Das ist unsere Grundphilosophie. Der nächste Schritt im Ausland ist, Deutschland zu festigen. Natürlich sehen wir auch in den anderen Nachbarländern – sei es Österreich, Frankreich oder Italien – sehr ähnliche Entwicklungen. Das Marktpotenzial ist definitiv da, mittelfristig wollen wir dies auch irgendwann anpacken. Heute ist es aber kein Thema.

Sie treiben die Expansion in erster Linie organisch voran. Haben Sie auch
Akquisitionspläne?

Reinhart: Übernahmen sind grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Wir sehen Möglichkeiten, aber nur im kleineren Bereich. Infrage kommen etwa Steuerberatungsorganisationen, aber auch die Bereiche Riskmanagement oder Pensionskassen. In der Vermögensverwaltung sehe ich derzeit keine grössere Akquisition, auch preislich ist dies momentan nicht sehr attraktiv. Kleinere Vermögensverwalter, die eine Nachfolgeregelung suchen, sind für uns aber interessant. Wir werden auch immer wieder angegangen, haben bis heute aber noch nie eine Akquisition getätigt. Wir wollen nicht irgendwelche Abenteuer eingehen und mit Goodwill die Bilanz gefährden. Das organische Wachstum ist letztlich das nachhaltigste.

Umgekehrt: Haben schon Banken Interesse an Ihrem Unternehmen angemeldet?

Reinhart: Ja, aber die Mehrheit ist in sicheren Händen, die nicht verkaufen wollen. Das VZ hat eine Aktionärsstruktur, die vor «Heuschrecken-Alarm» gefeit ist.

Bei Ihnen blitzt also jeder ab?

Reinhart: Ja, da blitzt jeder ab.

Mit dem Verkauf ihres Aktienpakets im Rahmen des Börsengangs haben Sie 170 Mio Fr. gelöst. Was machen Sie damit?

Reinhart: Das Geld wird im Rahmen meiner privaten Holding sehr konservativ angelegt. Falls im Unternehmen ein Kapitalbedarf entstehen und eine Kapitalerhöhung notwendig würden, könnte ich eins zu eins mitziehen. Denn ich möchte meinen Anteil nicht verkleinern.

Sie haben ja vorerst eine grössere Übernahme ausgeschlossen. Ist angesichts der finanziellen Situation des VZ eine Kapitalerhöhung nicht eher hypothetisch?

Reinhart: Das ist wirklich hypothetisch. Es ist meine dreifache Absicherung, damit ich die Mehrheit in jedem Fall behalten kann.

Der Grund für das IPO war auch nicht der Kapitalbedarf. Was bringt die Kotierung?

Reinhart: Jetzt spielen wir in einer Liga, die es ernst zu nehmen gilt und die auch entsprechenden Richtlinien untersteht. Das schafft Vertrauen. Zudem arbeiten alle Konkurrenten mit Mitteln wie Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen, die wir vorher nicht bieten konnten. Jetzt haben wir die Spiesse gleich lang gemacht.

Wie viele Mitarbeiter wollen Sie in den nächsten Jahren einstellen?

Reinhart: Um unser Ziel eines Umsatzwachstums von rund 20% pro Jahr zu erreichen, muss die Anzahl der Kundenberater jährlich etwa 15% steigen. Die Mitarbeiter sind denn auch der limitierende Faktor für das Wachstum.

Sie selbst sind CEO und Verwaltungsratspräsident in Personalunion.

Reinhart: Im Prinzip ist es noch schlimmer, ich bin ja auch noch Mehrheitsaktionär. Wir haben das so gelöst, dass Verwaltungsrat Fred Kindle als «Lead Director» definiert wurde. Er könnte mich im Falle eines Interessenkonflikts in den Ausstand zwingen.

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Steckbrief

Name: Matthias Reinhart
Funktion: VR-Präsident und CEO, VZ Holding, Zürich
Alter: 46
Wohnort: Küsnacht ZH
Familie: Verheiratet, zwei Kinder
Ausbildung: Master Business Administration (MBA), Universität St. Gallen

Karriere
- 1987–1992: Berater bei McKinsey & Co. in Zürich und Chicago
- 1993–2007: Gründer, CEO und VR-Präsident der VZ Holding, Zürich

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VZ HOlding

Unabhängige Beratung
Matthias Reinhart gründete das VZ-Vermögenszentrum im Jahr 1993 zusammen mit Max Bolanz. 1999 wandelte sich der unabhängige Distributor von Finanzprodukten zu einem auf Pensionierungs- und Anlageberatung spezialisierten Unternehmen. Im Jahr 2006 stieg das Ergebnis um knapp 43% auf 25,73 Mio Fr. An zehn Standorten in der Schweiz und einem in München sind derzeit rund 320 Mitarbeiter beschäftigt.

Erfolgreicher Börsenstart
Das VZ wagte am 23. März 2007 den Gang an die SWX Swiss Exchange. Der erste Kurs lag 25% über dem Ausgabepreis. Seither hat die VZ-Aktie gegen 20% zugelegt.