Das Jahr 1975 war für die Schweizer Uhrenhersteller alles andere als lustig. Schwingende Quarze setzten alles dran, die rotierenden Unruhen aus den Uhrengehäusen zu verdrängen. Und auf diesem Gebiet hatte speziell die innovationsfreudige japanische Uhrenindustrie der eher traditionsverhafteten schweizerischen einiges voraus. Krisenstimmung war angesagt, denn die eidgenössischen Fabrikanten konnten in besagtem Jahr gerade einmal 500000 Quarz-Armbanduhren herstellen.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Für Desco von Schulthess nicht unbedingt Neuland

Gleichwohl liess sich das Zürcher Handelshaus Desco von Schulthess nicht davon abhalten, eine neue Uhrenmarke zu lancieren. Ihr Name: Maurice Lacroix (ML). Neuland hatte das international operierende Unternehmen damit freilich nicht betreten. Schon seit 1946 repräsentierte es als Händler renommierte Schweizer Uhrenfirmen vor allem in fernöstlichen Ländern. 1961 erweiterte Desco dieses Betätigungsfeld um eine Uhrenfabrik in Saignelégier, welche ihren Geschäftszweck vorwiegend in der Produktion von Private-Label-Zeitmessern sah.

Auch nach der Geburt des eigenen Labels für preislich attraktive Quarzuhren mit Golddoublé-Gehäusen hielt Desco an den Kundenmarken fest. Deshalb konnte «Klein-Maurice» nur zögerlich gedeihen. Erst die Aufgabe der Fremdprodukte brachte den erhofften Erfolg. Die Verantwortlichen konnten sich auf das Label Maurice Lacroix konzentrieren und es zu einer bedeutenden Grösse im Uhrenmarkt führen.

Eine systematische Weiterentwicklung der Kollektion, welche sich mittlerweile aus mehreren deutlich voneinander abgegrenzten Uhrenlinien zusammensetzt, tat ein Übriges. Derzeit reicht das Spektrum von elektronischen Einsteiger-Modellen bis hin zur hochwertigen mechanischen Masterpiece-Kollektion.

Der Mann für 1000 Entwürfe kam vom KV

Zu den Männern der ersten Stunde gehört René Baumann (62). Mehr als 1000 Uhrendesigns gehen auf den jungen Ruheständler zurück. Weil der Ex-Produktverantwortliche bei ML naturgemäss eher zum Unter- als zum Übertreiben neigt, dürften es sicher deutlich mehr gewesen sein.

Seine Karriere bei Desco von Schulthess begann Baumann 1964 mit einer kaufmännischen Ausbildung. 1973 übertrug ihm sein Arbeitgeber den Job, Zeitmesser zu gestalten. Der Grund: «Ich besass ganz klare Vorstellungen, wie Armbanduhren der künftigen Marke Maurice Lacroix auszusehen hatten.» Baumann sollte Recht behalten, wie die spätere Entwicklung der Newcomer-Marke zeigte. «Meine erfolgreichste Kreation war mit Sicherheit die Calypso, eine der ML-Uhrenlinien schlechthin. Allerdings beseelte mich neben den gestalterischen Aspekten immer schon eine innige Liebe zu mechanischen Uhren.»

Diese Passion wuchs sich irgendwann schon fast zu einer Manie aus. Die Entwicklung einer richtig tickenden Kollektion war deshalb mehr als logisch. Aber René Baumann wollte mehr als das Übliche: Sorgfältig veredelte Mechanik zum Anschauen. «Wir setzten auf Sichtböden, damit der Konsument das Ticktack und die Abläufe problemlos bewundern konnte.» Die für Maurice Lacroix immens wichtige Masterpiece-Kollektion, deren Fundament 1983 gelegt wurde, war damit bereits vorgezeichnet.

«Wertmässig», so Philippe C. Merk, der seit 2001 amtierende CEO, «trägt unsere Top-Linie heute 40% zum ML-Umsatz bei. Vor fünf Jahren waren es erst 30%.» Am besten kommt sie derzeit in den USA an. «Für die Masterpiece Collection ist das der Markt Nummer eins, gefolgt von Japan und Deutschland. In der Neuen Welt macht sie mehr als die Hälfte unseres dortigen Umsatzes aus, in Japan sind es gar 100%, weil wir dort mit unseren normalen Produkten gar nicht vertreten sind.»

Der Spagat zwischen den quarzgesteuerten, ab rund 700 Fr. erhältlichen Einsteigermodellen wie die neue Miros-Quarzlinie und komplexen Mechanik-Highlights wie Double Rétrograde, die deutlich mehr als das Zehnfache kosten können, macht dem 46-jährigen ML-Unternehmensleiter derzeit zu schaffen. Immerhin geht es um die Identität der Marke und ihrer breit gefächerten Produktpalette. «Um diese Problematik aus der Welt zu schaffen, brauchen wir eine stärkere Mitte», bekennt der ausgesprochen jugendlich wirkende ML-Chef mit Blick auf das, was diesen Bereich künftig abdecken soll. Es trägt den altbekannten Namen Pontos und wird in Basel einen neuen Auftritt haben: «Sie soll in erster Linie den Preisbereich zwischen 1000 und 2500 Fr. umfassen und Mechanik-Liebhaber ansprechen, denen unsere Masterpiece Collection preislich zu hoch angesiedelt ist.» In diesem Sinne wird die neue Pontos beispielsweise unter Verwendung des Handaufzugskalibers Eta/Unitas 6497 sehr markant in Erscheinung treten.

Grösse ist für Philippe C. Merk nämlich auch künftig ein Thema. «Speziell für uns, denn wir pflegen grosse Armbanduhren seit Jahren und sind immer gut damit gefahren.»

Zifferblätter haben zu viel Verspätung

So betrachtet könnte der Steuermann einigermassen gelassen in die Zukunft blicken. Doch da ist noch ein anderer Punkt, der ihn mächtig plagt. Und das sind die Zifferblätter. Dazu René Baumann: «Ich wage zu behaupten, dass Maurice Lacroix die Kultur der Zifferblattgestaltung nachhaltig geprägt hat. Viele unserer Kunden haben sich wegen des Zifferblatts für diese Marke entschieden. In meinen Augen dürfte es nicht sehr viele Uhrenmarken geben, die derart viel Geld in ihre Zifferblätter investierten wie wir. Handarbeit war und ist für Maurice Lacroix oberstes Gebot.»

Aber: Ausgerechnet die Zifferblätter bereiten Philippe Merk Bauchschmerzen: «Die Durchlaufzeiten für ein besonders aufwendiges Zifferblatt der Double Rétrograde liegen bei fünf Monaten. Die Rückstände sind gewaltig und behindern uns ungemein bei der Lieferung der ansonsten bereits fertig gestellten Uhren.»

Von den kostbaren Scheiben, welche etwa 80% zum Erscheinungsbild einer Uhr beitragen, will ML gleichwohl nicht lassen. Dazu Merk: «Natürlich könnten wir es uns und unseren Zifferblattlieferanten einfacher machen. Aber dann ginge in der Tat etwas von der Identität und dem hohen Wiedererkennungswert unserer Marke verloren. Und das wollen wir unter keinen Umständen.»

Gerade die Masterpiece Collection besitzt übrigens auch für Michael P. Sarp, den ehemaligen IWC-Chef und frischen ML-Verwaltungsrat, ein hohes Potenzial. Und: «In Zukunft muss unbedingt das Faktum unserer Unabhängigkeit unterstrichen werden. In Zeiten der Firmenübernahmen und Gruppenbildungen muss ML seine Eigenständigkeit unbedingt wahren.»

Michael Sarp: Zurück in der Branche - als VR bei einer unabhängigen Marke

«Es ist mir ein Anliegen, meine Ideen und mein Know-how einzubringen», erklärt Michael Sarp, der seit Februar 2004 neues Mitglied des Verwaltungsrates von Maurice Lacroix ist. Über bekannte Marken im Luxussegment sowie in der Weinbranche kam Sarp zur Uhrenindustrie: «Mich faszinierte schon immer der Manufaktur-Gedanke ob bei Lederwaren oder Wein. Bei der Herstellung von mechanischen Uhren findet dieser seine Vollendung.»

Im Januar 1997 übernahm er die Stelle als CEO bei IWC. Unter seiner Ägide wurde die auffallende Werbekampagne entwickelt, die mit ihren frechen Sprüchen IWC weltweit bekannt und erfolgreich machte. Als die Manufaktur 2001 an Richemont verkauft wurde, wechselte Michael Sarp zur Swatch Group. Dort leitete er bis September 2003 die Swatch Group Deutschland, die grösste Organisation innerhalb der Gruppe. Seine Kreativität sowie das umfassende Know-how und die vielen Kontakte, die er sich in dieser Zeit aufbaute, will er nun als VR-Mitglied Maurice Lacroix zur Verfügung stellen. «Maurice Lacroix ist eine interessante Marke mit einem grossen Potenzial. Mir persönlich haben es vor allem die mechanischen Modelle der Masterpiece Collection angetan.»

Den besonderen Marktvorteil der Schweizer Marke erkennt Michael Sarp vor allem in ihrer Unabhängigkeit von grossen Konzernen. Auch die Entwicklung in der Modellpolitik sieht er überaus positiv: «Maurice-Lacroix-Uhren sind Klassiker mit bleibendem Wert und sollten dies auch bleiben.» (mk)


Zeitzeichen

«Denkt ans Fünfte Gebot: Schlagt eure Zeit nicht tot.»
Erich Kästner, 18991974, deutscher Schriftsteller

Zeitzeichen

«Die Zeit macht es denen manchmal gar nicht so leicht, die sie totschlagen wollen.»
Jacques Prévert, 19001977, französischer Dichter


Maurice Lacroix: Der Sprung vom Händler zum Fabrikanten

1961: Die Desco von Schulthess AG erwirbt einen Montagebetrieb in Saignelégier zur Private-Label-Poduktion.

1975: Lancierung der ersten Maurice Lacroix-Armbanduhr in Österreich.

1976: Einführung von Maurice Lacroix im spanischen Markt.

1979: Gründung einer eigenen Vertriebsorganisation in Deutschland.

1980/1981: Einführung von Maurice Lacroix in Australien.

1983 bis 1987: Ausbau des internationalen Vertriebsnetzes (Schweiz 1983, Holland 1986 und Grossbritannien 1987).

1989: Erwerb der Gehäusefabrik Queloz SA in Saignelégier.

1989/1990: Reorganisation und Ausbau des Vertriebsnetzes im Fernen Osten und im südpazifischen Raum.

1990: Maurice Lacroix kommt nach Saudi-Arabien. Beginn des Aufbaus der Marke im Mittleren und Nahen Osten.

1994/1995: Modernisierung und Ausbau des Montagebetriebes in Saignelégier.

1995: Mit Maurice Lacroix USA wird die letzte grössere Lücke im internationalen Distributionsnetz geschlossen.

1997: Weltweit einheitliche Neupositionierung der Marke Maurice Lacroix.

1999: Ausbau und Renovierung der Queloz SA, Saignelégier. Steigerung der Produktionskapazität.

2000: Einweihung eines neuen, mit modernster Technik ausgestatteten Schulungsraums in Saignelégier.

2001: Philippe C. Merk übernimmt als Vorsitzender der Geschäftsleitung die Führungsspitze von Maurice Lacroix. Ab 1. Oktober wird die Maurice Lacroix SA, bisher eine Division der Desco von Schulthess AG, zur eigenständigen juristischen Einheit.

2004: Die Marke ist in 45 Ländern rund um den Globus in über 4000 Fachgeschäften vertreten. Jährlich verlassen rund 15000 Zeitmesser den Fertigungsbetrieb in Saignelégier. Der Jahresumsatz liegt bei rund 90 Mio Fr. (glb)