Bei Meister in Hasle-Rüegsau kann man nach wie vor einen Feuerwehrschlauch kaufen. Oder einen Kalberstrick. Bei ihren strategischen Investitionen konzentriert sich die Firma aber auf Zukunftsmärkte wie die Wasseraufbereitung oder die Medizinaltechnik. Dank seinem Maschinenpark sowie dem grossen Produktions- und Rohmaterial-Know-how kann das Unternehmen kundenspezifische Entwicklungen anbieten. «Der Kunde kommt mit einem Problem zu uns, und wir versuchen es zu lösen», erklärt Firmenchef Urs Meister.

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Für ein Produkt eigens eine Maschine entwickelt

Gelöst hat Meister zum Beispiel das Problem der Firma Puron in Aachen, die Membranfilter für die Wasseraufbereitung herstellt. Die Membranfilter bestehen aus 2 mm dünnen und etwa 2 m langen Kunststoffröhrchen, deren Wand ähnlich einem Schwamm unendlich viele winzige Poren aufweist. Meister liefert den geflochtenen Schlauch aus Polyester, auf den die Membrane aufgetragen wird. Die Produktion, die im Juni angelaufen ist und die Entwicklung einer neuen Maschine notwendig machte, stellt höchste Anforderungen an Präzision und Sauberkeit. Gemäss Puron ist das Membranverfahren eine Technologie, die seit einigen Jahren ein exponentielles Wachstum aufweist, und auch Meister hegt im Zusammenhang mit dem Auftrag Ausbaupläne. Puron nahm ihr operatives Geschäft Anfang 2003 auf.

135-jährige Firma, in vierter Generation geführt

Da hat die 1869 gegründete Firma Meister, entstanden als Seilerei sowie Blachen- und Bandweberei, einige Jahre mehr auf dem Buckel. Urs Meister führt sie heute in vierter Generation, und die fünfte steht für die Nachfolge mit Sohn Marcel bereit, der seit sieben Jahren im Unternehmen tätig ist. Auf die traditionellen Bereiche Feuerwehrbedarf und Bandweberei, deren Absatz sich aufs Inland beschränkt, entfallen noch 20 bzw. 10% des Gruppenumsatzes. Den Einkäufern von Feuerwehrmaterial bietet Meister, von den Fahrzeugen abgesehen, ein Vollsortiment. Von der Bandweberei bezieht zum Beispiel der Stammkunde Armee alle Gurten für das neue Gepäcksystem. Konfektioniert wird dann in Fernost.

Die restlichen 70% des Umsatzes generieren die Flechterei und der Handel. Meister verarbeitet mit den verschiedensten Produktionsweisen Flechten, Drehen, Nähen, Binden, Zwirnen, Weben eine unheimliche Vielfalt an Rohmaterialien natürliche und synthetische, von der Jute bis zu Glas, Kupfer und Karbon zu einer breiten Palette von Produkten.

Ist dies nicht ein Nachteil? «Wenn bei einem Tausendfüssler ein Fuss hinkt, hat er daneben noch viele gesunde», bemerkt Urs Meister zu diesem Thema. Man habe vor fünf Jahren die Situation analysiert, margenschwache Produkte abgestossen und danach einen Rentabilitätssprung erzielt.

Auch Meister sieht sich mit der Schnelllebigkeit des Marktes konfrontiert. «Wir stellten als Erste Gleitfallschirmleinen her», erklärt Meister stolz. Dabei wurde ein sehr reissfester, aber extrem licht- und quetschempfindlicher Kevlarkern mit einem Polyestermantel umgeben. Doch das Produkt ist inzwischen ein Dumpingpreisartikel, sodass Meister ausstieg.

Selbst in Hasle lockt China

Die kurzen Lebenszyklen bedingen, dass die Entwicklungskosten schnell gedeckt werden müssen. Übrig geblieben sind Leinen fürs Kitesurfen (Drachensurfen), die Meister nach China liefert. Man hat sich sogar überlegt, in China selbst zu produzieren.

Die Kletter- und Wassersport-klientel wird über den Fachhandel und Grossverteiler Jumbo ist ein wichtiger Kunde beliefert. Durch Neuentwicklungen versucht man, den Produkten immer wieder einen Zusatznutzen (etwa reflektierend, wasserabstossend) zu geben. Für die Landwirtschaft wurde in Zusammenarbeit mit einem Garnhersteller ein Stoff entwickelt, der die Insekten fernhält.

Konjunktur herrscht gegenwärtig bei den Gartenbindern. Meister-Produkte stecken auch in den Wäscheschirmen und von Stewi.

Seit 1990 besitzt Meister eine Tochter (Meyer-Sansboeuf) in Frankreich und damit einen Standort in der EU. Nach der Übernahme wurde die Bindfadenfabrikation im Elsass konzentriert. Zu den Grosskunden der Tochter gehören neben Automobil-, Wassersport- und Möbelindustrie die Metzgereien. Sie beziehen pro Jahr gegen 500 t Schnüre zum Abbinden von Würsten und damit der Braten schön zusammenhält.

Die Zukunft ist dreidimensional

Bei der Produktentwicklung dürften Kooperationen à la Puron das Zukunftsmodell sein, wobei Meister die finanzielle Selbstständigkeit unbedingt wahren will. In der Pipeline ist unter anderem ein Projekt im Bereich Kardiovaskuläre Chirurgie. Konkret geht es um einen Verbindungsschlauch zwischen dem Menschen und der Herz-Lungen-Maschine. Solche Verbindungsstücke sollen generell geschmeidiger gemacht werden. Geflechte sind dazu besonders geeignet, weil man sie stauchen kann und sie sich nachher wieder ausdehnen.

Umfassende Anwendungsmöglichkeiten bieten auch die Automobil- und die Raumfahrtindustrie sowie der Flugzeug-, Bahn- und Schiffsbau. Gefragt sind zum Beispiel Geflechte, die Kabel bündeln und eine Schutzfunktion haben. «Flechten ist eine Technologie mit enormer Zukunft», schwärmt Marcel Meister. Im Unterschied zum Weben ermöglicht es auch jede Form von dreidimensionalen Strukturen. Die entsprechenden Maschinen, deren Entwicklung meist mit einem bestimmten Produkt gekoppelt ist, sind für Meister aber vorerst zu teuer und daher noch Zukunftsmusik.

Firmen-Profil

Name: Meister + Cie AG, Lützelflühstrasse, 3415 Hasle-Rüegsau
Gründung: 1869, in vierter Generation im Besitz der Familie Meister
Umsatz: 15 Mio Fr.
Beschäftigte: Stammhaus 27 (ohne Heimwerker), Guebwiller (Elsass) 60
Produkte: Technische Textilien (Seile, Gurten, Schläuche), Feuerwehrbedarf
Kunden: Öffentlicher Dienst, Sport, Bau, Industrie, Landwirtschaft
Internet: www.meister-ag.ch