Die Meldung kam nicht überraschend: Gestern Dienstagabend hat Alexander Vogel seinen Rücktritt angekündigt. Der Präsident von Meyer Burger wird an der Generalversammlung im Mai nicht mehr antreten. Seine Nachfolge soll der frühere ABB-Schweiz-Chef Remo Lütolf übernehmen.

Meyer Burger hat schon im Oktober bekanntgegeben, dass der Verwaltungsrat erneuert wird. Dass der baldige Rücktritt von Vogel vermutet worden war, hat jedoch einen anderen Grund: Der Präsident und weitere nun scheidende Mitglieder des Gremiums stehen seit Monaten unter heftiger Kritik des grössten Aktionärs von Meyer Burger, Sentis Capital. Die Investmentgesellschaft des Russen Petr Kondrashev drängte auf ihren Rücktritt. Vogel sei zu wenig kompetent, habe zu wenig Zeit für sein Amt, habe Interessenkonflikte und sei eine Fehlbesetzung: Die Vorwürfe von Sentis gegen den Präsidenten waren hart. Im Gespräch mit der Handelszeitung äussert sich Vogel nun erstmals ausführlich zur Kritik. Der Wirtschaftsanwalt betont, nicht auf Druck von Sentis zurückzutreten – und kontert mehrere Kritikpunkte des Grossaktionärs.

Wieso treten Sie zurück?
Alexander Vogel: Ich habe mich Ende 2016 zur Verfügung gestellt, das Unternehmen durch die damalige Krise zu führen und den Turnaround zu machen. In den letzten zwei Jahren haben wir Meyer Burger neu aufgestellt und sehr viel bewegt. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt gekommen, die Führungsspitze im Verwaltungsrat neu zu besetzen und die Aufgabe des Präsidenten in neue Hände zu legen. Ich bin sehr froh, dass wir mit Herrn Lütolf eine erfahrene Persönlichkeit für dieses Amt gewinnen konnten.

In der Öffentlichkeit herrscht der Eindruck vor, Sie träten auf Druck von Sentis Capital zurück. Der grösste Aktionär drängt seit über einem Jahr öffentlich auf Ihren Rücktritt und der Rückzug weiterer Verwaltungsräte.
Wir haben schon früh angekündigt, dass wir Wechsel vornehmen werden. Wir wollten den Verwaltungsrat in der Krise nicht auf einen Schlag vollständig auswechseln.

Sie treten also nicht auf Druck zurück.
Nein. Die Erneuerung des Verwaltungsrats war ein langfristiger Prozess, der bereits im 2017 gestartet hat. Wir haben auch am 16. Oktober 2018 nochmals angekündigt, dass wir weitere Änderungen machen wollen – damals konnten wir die Nachfolger nicht ankündigen, wir waren noch im Suchprozess. Wenn Sie gute Leute wollen, dauert die Suche mehrere Monate. Jetzt waren wir bereit, die ausgewählten Mitglieder bekanntzugeben.

Der CEO von ABB Remo Luetolf anlaesslich der Einweihung der schweizweit ersten 350-kW Hight Power Ladestation fuer Elektro Autos am Donnerstag, 21. Juni 2018 bei der Autobahnraststaette Neuenkirch an der A-2. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Remo Lütolf: Der designierte Präsident war früher Chef von ABB Schweiz - heute präsidiert er den Bundeskonzern Ruag.

Quelle: © KEYSTONE / URS FLUEELER
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Hat diese anhaltende Kritik von Sentis an Ihrer Person Ihren Entscheid nicht beeinflusst?
Man muss diese Kritik sachlich anschauen. Einer der Vorwürfe war, Meyer Burger habe eine verfehlte Akquisitionspolitik gemacht. Ohne Übernahmen hätte Meyer Burger schon lange aufgeben müssen. Die Technologien, die Meyer Burger heute erfolgreich verwendet – beispielsweise die Heterojunction-Solarzellentechnologie – hat man alle durch Akquisitionen erworben.

Sentis kritisiert zwei Übernahmen – Diamond Wire und 3S Industries. 3S Industries habe Meyer Burger dem Verkäufer später zu einem viel tieferen Preis zurückverkauft.
3S Industries war gar keine Akquisition. Wir haben damals eine Fusion gemacht. 3S war an der Börse kotiert, man hat das Unternehmen also nicht Herrn Hofer-Noser abgekauft. Das ist eine bewusste Falschdarstellung von Sentis. Zudem ist der Betriebsteil, den wir jetzt an Herrn Hofer-Noser verkauften, nur ein Bruchteil der damals gesamten fusionierten 3S Gruppe. Dieser Betriebsteil umfasste damals rund zehn Prozent der früheren 3S Gruppe.

Sentis hat verschiedene Kritikpunkte gegen Sie aufgeführt – beispielsweise der Umstand, dass Meyer Burger Mandate an die Anwaltskanzlei vergeben hat, in der Sie Partner sind. Oder dass Sie zu wenig Zeit für das Präsidium aufwenden können. Wissen Sie, wieso Sentis so stark auf Sie zielte?
Nein, dies ist nicht nachvollziehbar. Ich gehe davon aus, dass dies Gründe hat, die nicht rational sind. Entsprechend wollte ich auch nicht auf die Forderungen des Aktionärs eingehen, zurückzutreten. Ich bin an der letzten Generalversammlung von 96 Prozent der vertretenen Stimmen gewählt worden – einschliesslich der Stimmen von Sentis. Entsprechend hat mein Entscheid, an der GV 2019 nicht zur Wiederwahl anzutreten, auch nichts mit Sentis zu tun.

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Des scientifiques travaillent sur la ligne pilote HJT lors de l'inauguration de la ligne pilote R&D pour des cellules solaires a heterojonction (HJT), un partenariat entre l'entreprise Meyer Burger et le CSEM, Le Centre suisse d'electronique et de microtechnique ce lundi 17 novembre 2014 a Hauterive dans le canton de Neuchatel. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Meyer Burger: Der Berner Solarzulieferer produziert seine Maschinen nicht mehr in der Schweiz.

Quelle:

Welche nicht rationale Gründe könnte Sentis haben?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich weiss es auch nicht.

Glauben Sie, dass Sentis mit der öffentlichen Kritik gegenüber Exponenten des Unternehmens aufhören wird? An der Forderung nach dem Rücktritt von Franz Richter hält der Grossaktionär fest. Richter will sich erneut zur Wahl stellen.
Es ist schwierig, die Absichten und Intentionen dieses Aktionärs vorauszusehen. Wir erachten die Kritik an mir wie auch an den Herren Richter und Michael Splinter und an Frau Wanda Eriksen-Grundbacher nicht für gerechtfertigt. Die Kritik an Herrn Splinter, er habe zu wenig gemacht, um den Titel eines Delegierten des Verwaltungsrats zu verdienen, halte ich für sehr unfair. Diese Vorwürfe sind unsubstantiiert und ehrverletzend.

Ein russischer Milliardär als Grossaktionär

Sentis Capital ist das Beteiligungsvehikel des schwerreichen Russen Petr Kondrashev mit Wohnsitz in Österreich. Sentis, früher unter dem Namen der Dachgesellschaft Elbogross bekannt, ist bei der Kapitalerhöhung 2016 bei Meyer Burger eingestiegen. Nach letzten Angaben besitzt die Gesellschaft 6,14 Prozent der Anteile und ist damit grösster Aktionär des Solarzulieferers.

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Sentis schlägt vor, dass Meyer Burger in die Produktion von Heterojunction-Solarzellen einsteigt. Derzeit stellt das Unternehmen lediglich die Produktionsanlagen für diese Solarzellen her. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag?
Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung haben diese Überlegungen auch gemacht, lange bevor Sentis mit der Idee gekommen ist. Wir sind zum Schluss gekommen, dass es schwierig wäre, die Idee so umzusetzen. Wir würden das Unternehmen einem zu grossen Risiko aussetzen. Selbstverständlich ist Sentis als Aktionär berechtigt, solche Vorschläge zu machen. Letztlich sind der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung aber allen Aktionären verpflichtet. Er kann sich nicht den Wünschen eines 6-Prozent-Aktionärs beugen – der überdies nicht über entscheidende Industrieerfahrung verfügt. Sentis ist bei der Rekapitalisierung 2016 eingestiegen und kann nicht behaupten, die Industrie besser zu verstehen als die Mitglieder des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung.

«Sentis (...) kann nicht behaupten, die Industrie besser zu verstehen als die Mitglieder des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung.»

Wird der neu zusammengesetzte Verwaltungsrat unter dem neuen Präsidenten eine andere Haltung gegenüber Sentis einnehmen?
Der Verwaltungsrat wird sich weiterhin darum bemühen, auf alle Aktionäre einzugehen. Es ist seine Pflicht, das Wohl des Unternehmens im Auge zu behalten – und damit aller Aktionäre. Ich bin überzeugt, dass Herr Lütolf einen sehr guten Job machen wird. Man wird weiterhin einen Dialog mit Sentis führen – und ich hoffe sehr, dass dieser Dialog etwas weniger schrill sein wird, als wie er jetzt geführt wird.

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Alexander Vogel, neuer Verwaltungsratspraesident spricht an der ausserordentlichen Generalversammlung von Meyer Burger. Aktionaere des Solarunternehmen bestimmen an dieser ausserordentlichen Generalversammlung ueber eine Kapitalerhoehung von 160 Millionen Franken, am Freitag, 2. Dezember 2016, in Thun. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Alexander Vogel: Der Wirtschaftsanwalt ist Partner bei der Zürcher Kanzlei Meyerlustenberger Lachenal.

Quelle: © KEYSTONE / PETER SCHNEIDER

Wenn Sie ein Resümee ziehen: Sie sind seit 1999 im Verwaltungsrat. Lange galt Meyer Burger als die grosse Schweizer Solarhoffnung und wuchs stark, 2010 stellte der damalige Finanzchef sogar einen Umsatz von 1,5 Milliarden Franken in Aussicht. Heute versucht Meyer Burger, mit noch 250 Millionen Franken Umsatz schwarze Zahlen zu schreiben. Ist es nicht frustrierend, ein Amt nach einem solchen Niedergang abzugeben?
Die wachsende Konkurrenz aus China bei der PV-Produktionstechnologie hat man damals nicht in dieser Schärfe erwartet. Meyer Burger hat es, anders als der ganz grosse Teil der europäischen Solarzulieferer, geschafft, zu überleben. Es gibt nur noch ganz wenige, und Meyer Burger ist der mit Abstand wichtigste europäische Ausrüstungshersteller. Der chinesische Staat hat sich das Ziel gesetzt, die Produktionstechnologie nach China zu bringen, auch aus geopolitischen Überlegungen. Selbstverständlich tut es weh, zu erleben, wie ein Unternehmen mit Schwierigkeiten kämpft. Aber es erfüllt uns auch mit Stolz, dass Meyer Burger überlebt hat.

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Sie führen den Abbau und den Umsatzschwund auf die Marktbedingungen zurück. Haben Sie auch Fehler gemacht in Ihrer Amtszeit?
Man hätte allenfalls früher eine stärkere Verlagerung nach China in Erwägung ziehen können. Umgekehrt wird dadurch aber der Schutz der eigenen Technologie und des Knowhows von Meyer Burger wesentlich schwieriger. Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung haben insgesamt aber sehr einen guten Job gemacht angesichts der herausfordernden Marktbedingungen.

Sie besitzen selbst Aktien von Meyer Burger. Werden Sie diese Titel behalten und werden Sie mit dem Unternehmen über Ihre Amtszeit hinaus verbunden bleiben?
Ich bin einer der grössten Aktionäre unter den natürlichen Personen im Aktionariat. Selbstverständlich werde ich mit dem Unternehmen verbunden bleiben.

Sie glauben an eine erfolgreiche Zukunft von Meyer Burger?
Das Unternehmen ist strategisch gut aufgestellt. Selbstverständlich ist die Konkurrenz aus Asien hart. Aber mit der Heterojunction- und SmartWire-Technologien sind wir technologisch führend. Eine technologische Führerschaft ist für ein europäisches Unternehmen zwingend, um in diesem Markt überleben zu können.