Krisen, Kriege, Klimawandel … Schauen Sie noch optimistisch in die Zukunft
Michael Pieper: Wir überlegen nicht primär, wo die Gefahren lauern. Sondern, wo die Chancen liegen. Wir haben einen Risiko-Report bei Artemis, der über fünfzig Seiten lang ist. Meinen Leuten sage ich immer: Euer einziges Risiko besteht darin, dass ich einmal nicht mehr da bin.

Sie sind ein traditionsbewusster Mensch. Was ist Ihrer Ansicht nach der einschneidendste Kulturwandel in den Teppichetagen der letzten zehn Jahre?
Dass Sie zum Interview kommen und dabei keine Krawatte tragen.

Dann hat sich ja wenig verändert.
Wahrscheinlich. Ich tue, was ich gewohnt bin. Aber natürlich sehe ich bei den Jungen Veränderungen. Auch solche, die nicht immer ganz so sind, wie ich es gerne möchte.

Zum Beispiel?
Wir hatten neulich jemanden in der Sitzung mit Turnschuhen. Damit habe ich doch etwas Mühe.

Wann sind Sie das letzte Mal so richtig überrascht worden?
Ich werde ständig überrascht.

Positiv oder negativ?
Nie existenziell. Einmal war ich in einem Flugzeug, das auf einem Militärflugplatz in Asien notlanden musste. So etwas macht enorm Angst.

Wäre eine Rezession für Sie eine Überraschung?
Nein. Es ist viel unsicherer geworden. Man investiert nicht mehr auf lange Sicht. Ein Dämpfer wird bestimmt kommen.

Und was wird das bewirken?
Einmal mehr wird deutlich werden, dass der Euro ein falsches Konstrukt ist. Die Deutschen profitieren extrem vom billigen Euro. Und die Italiener gehen halb kaputt. Die Effizienz in Italien ist einfach nicht dieselbe wie in Deutschland.

Was kann man tun?
Wir sollten zwei Währungen haben.

Den Vorschlag gab es schon oft …
… und einen Italexit, einen Italian Brexit, brauchte es auch.

Wirklich?
So, wie Italien jetzt beisammen ist, wird sich das Land nicht mehr ausreichend erholen, weil der Euro für die Italiener viel zu teuer ist. Wir sehen das ja selber, wir produzieren in Italien. Der Export läuft zwar gut, aber der Verkauf im Inland ist schwierig. Italien kommt einfach nicht vom Fleck.

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Der Industrielle 

Name: Michael Pieper
Funktion: Eigentümer, Präsident und CEO der Artemis Group
Alter: 72
Familie: verheiratet, zwei Kinder
Ausbildung: Ökonomiestudium Universität St. Gallen, Executive MBA Universität St. Gallen
Aktive Verwaltungsratsmandate:
seit 1989: Franke, Vizepräsident
seit 1991: diverse Artemis-Gesellschaften
seit 1993: Bergos Berenberg, Miteigentümer seit 2018
seit 2000: Forbo, Vizepräsident
seit 2009: Rieter
seit 2010: Centinox, Präsident
seit 2011: Autoneum
seit 2015: Arbonia

Viele EU-Länder sind gebeutelt von Protestbewegungen. Die Migration ist immer noch Topthema.
Zuwanderung ist notwendig, in der Schweiz brauchen wir Zuwanderung. Aber sie sollte kontrolliert erfolgen. Letztens bin ich von Winterthur nach Luzern mit dem Auto zweieinhalb Stunden gefahren. Sämtliche Strassen waren verstopft. Das ist eine Katastrophe. Wir haben zu viele Autos und haben zu wenig in die Infrastruktur investiert.

Jetzt klingen Sie düster.
Im Vergleich mit anderen Ländern steht die Schweiz noch gut da.

Aber?
Für die Probleme der Schweiz gibt es keine Insellösungen. Wir sind Teil eines Kontinents, der insgesamt an Bedeutung und Stärke verliert. Wir sind Teil einer Organisation mit einer EU am Steuer, die nach dem Brexit und einer unsäglichen Währungspolitik geschwächt ist. Das spürt man dann umso mehr, wenn die USA und China aufs Ganze gehen.

Kann die Schweiz da etwas ausrichten?
Kaum, dazu sind wir zu klein. Die Abstimmungen in der Schweiz gehen aber in die Richtung, dass man sich gegen das, was in Europa passiert, zu wehren versucht.

Finden Sie es gut oder schlecht, dass die Selbstbestimmungsinitiative abgelehnt wurde?
Ich habe hier zwei Seelen in meiner Brust.

Das heisst, Sie haben dafür gestimmt?
Das verrate ich nicht.

Wir haben den Handelskrieg USAChina, das Russland-Embargo und die Problemzone Türkei. Das sind alles wichtige Märkte für Ihre Firmen. Wie wirken sich die aktuellen Verhältnisse auf Ihre Beteiligungen aus?
Wir sind bei Franke durch die Schwäche in Italien betroffen. In Russland geht es uns relativ gut. Wo wir Waren für den türkischen Lokalmarkt importieren, liegen wir unter dem Budget. Unsere in der Türkei produzierten und weltweit exportierten Waren gehen dafür gut.

Ist der westliche Druck auf Russland ein Problem für Sie?
Nein, wir profitieren in Russland zurzeit. Wir sind dort auch sehr stark mit Kaffeemaschinen, Franke Foodservice Systems, unseren Küchenaktivitäten für die Systemgastronomie und Dunstabzugshauben unterwegs. Und wir haben einen hohen Marktanteil.

Und der Handelskrieg zwischen den USA und China?
Was das Kaffeemaschinengeschäft mit Franke betrifft, sehe ich keine Probleme. Ausser für jenen Teil, wo wir für die Produktion in den USA Güter aus China beschaffen. Da haben wir jetzt Gegensteuer gegeben und eine Verlagerung weg von China hin zu den Philippinen vorgenommen. Von den Philippinen in die USA zu exportieren, ist ja kein Problem.

Aber der Einfluss geopolitischer Gegebenheiten hat stark zugenommen …
Ganz klar. Und insbesondere seit Trump. Die USA haben gegenüber China ein sehr grosses Handelsbilanzdefizit. Da hält Trump natürlich dagegen. Und das wirkt sich auf alle aus.

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Hat er mit seinen Massnahmen recht?
Ich glaube, er ist einfach der Erste, der etwas macht, wenn auch manchmal etwas forsch. Aber seine Vorgänger haben zugesehen.

Brauchte Europa einen wie Trump?
Europa braucht eine starke und prägende Führung. Das fehlt ganz klar. Wir befinden uns hier immer im Kompromiss, alle wollen zu allen immer nett sein. Ich sage: Weniger Kompromiss und mehr Führung.

Unternehmer und Investor Michael Pieper, Franke Management AG, fotografiert in Aarburg AG, Schweiz.

Michael Pieper: «Alle wollen zu allen nett sein. Ich sage: Weniger Kompromiss und mehr Führung.»

Quelle: © Raffael Waldner

In der Schweiz gibt es einige wenige Industrieinvestoren wie Sie. Rudolf Maag, Max Rössler, Peter Spuhler. Trifft man sich da?
Nicht organisiert. Aber man kennt sich selbstverständlich. Herrn Spuhler kenne ich seit den 1990er Jahren und zusammen haben wir 2011 eine Beiz gekauft, da sie sonst an einen Russen gegangen wäre. Seither verstehen wir uns noch besser.

Holen Sie sich von Ihren Kollegen Tipps?
Viele Investitionen, die ich gemacht habe, rühren von Beziehungen her. Eng ist sicher jene mit Peter Spuhler. Aber ansonsten erhalten wir ohnehin dauernd viele Ideen und Vorschläge.

Inwiefern?
Erst heute Morgen haben wir wieder drei Offerten bekommen. Es ging um ein Spital, um ein Pflegeheim und um ein stahlverarbeitendes Unternehmen in Deutschland. Unter allen Anfragen sind vielleicht eine oder zwei pro Jahr dabei, die wirklich zu uns passen oder uns interessieren.

Und wie bewältigen Sie diese Flut?
Jeden Morgen von 6.30 Uhr bis 7 Uhr haben wir Sitzung und entscheiden, ob wir ein Angebot ablehnen oder es nochmals checken.

Welches sind die Kriterien?
Eine gewisse Grössenordnung. Derzeit kommen viele Startups rein, insbesondere im Bereich Food, die einfach zu klein sind. Auch eine gewisse Reputation ist wichtig, eine gute Marke. Es sollte eine gewisse Rentabilität vorhanden sein. Probleme können durchaus bestehen, solange wir glauben, dass wir die Probleme selber lösen können. Und es sollte eine gewisse Internationalität haben.

Das Wesen von Startups ist halt, dass sie noch keine Grösse und Reputation aufweisen.
In einigen Startups sind wir ja investiert. Zum Beispiel im ETH-Startup Novamen, das eine sehr interessante Filtrationstechnik entwickelt hat. Da sind wir seit drei Jahren beteiligt.

Sie haben viele Eisen im Feuer. Wo liegen die Prioritäten?
Franke ist das wichtigste. Dort begann alles. Dann hat auch die Weiterentwicklung des Immobilienbereichs Priorität. Da wollen wir wachsen. Bei Feintool, wo wir die Mehrheit haben, wollen wir die Elektromobilität aus- und aufbauen über die Akquisition von Jessen. Aber natürlich – weiterentwickeln wollen wir uns überall.

Die Artemis-Gruppe

Investment Unter dem Dach der Artemis Holding vereint Michael Pieper Dutzende Industriebetriebe. Dazu gehören Firmen wie Arbonia, Autoneum, Feintool, Forbo, Franke, neu die Privatbank Berenberg und einige Startups. Artemis ist mit mehreren hundert Millionen Franken investiert, setzte 2017 2,9 Milliarden Franken um, mit knapp 12 000 Mitarbeitenden.

Vermögen Investor Pieper nimmt laut «Forbes»-Liste der reichsten Milliardäre der Schweiz Platz elf ein. Sein Vermögen beläuft sich auf rund 4 Milliarden Franken, was einer Versechsfachung seit 2003 entspricht. Dazu gekommen ist er mit der Produktion von Küchen und Kaffeemaschinen sowie der Beteiligung an Immobilien, Autozulieferern und Bauausrüstern.

Sie investieren auch in Immobilien. Welche Renditen werfen die ab?
6 Prozent brutto, 5 Prozent netto. Wenn es weniger ist, machen wir nicht mit. Uns wurden eben zwei Liegenschaften im Zentrum von Zürich angeboten, bei denen die Rendite am Schluss 1,5 Prozent sein wird. So etwas machen wir nicht.

Was interessiert Sie noch? Es gab Gerüchte, Sie wollten bei OC Oerlikon oder Schmolz + Bickenbach (S+B) einsteigen.
OC Oerlikon ist mit all dem Oberflächengeschäft eine gute Firma, für uns aber eine Nummer zu gross. S+B ist eine interessante Firma, weil sie spezialisiert ist auf Hightech-Stahl. Aber da gibt es wohl keine Möglichkeit, einzusteigen.

Dann also keine Grossübernahme 2019 wie seinerseits Arbonia?
Wahrscheinlich nicht. Das Hauptaugenmerk liegt schon darauf, uns dort zu vergrössern, wo wir schon aktiv sind. Zum Beispiel haben wir bei Franke verschiedene Add-on-Projekte.

Wären Sie bereit, Franke zu verkaufen?
In den letzten zwölf Monaten habe ich von drei Seiten die gleiche Frage bekommen: Wären Sie bereit, Franke zu verkaufen? Meine Antwort: Nein. Die Küchen-Division? Auch nein. Aber ein Joint Venture wäre möglich...

Feintool?
Ein kecker Interessent meinte vor kurzem, er sei der bessere Unternehmer und Inhaber von Feintool und machte mir ein Angebot, Feintool zu kaufen. Die Schecks hatte er schon unterschrieben.

Und?
So etwas mache ich nicht.

Sie nähern sich jetzt der Bankenwelt an. Seit kurzem sind Sie Miteigentümer der Bank Bergos Berenberg.
Ich bin dort seit 25 Jahren im Verwaltungsrat. Das ist eine gute Bank mit einer guten Geschichte.

Warum der Einstieg?
In der Beratung ist sie sehr gut. Sie haben ein sehr gutes Research in Hamburg und London. Die Kundenstruktur ist sehr gut – und ihre langjährigen Kundenberater sind sehr kundennah. Die Bank wird in der Schweiz stark unterschätzt. Mit unserem Beziehungsnetzwerk kann man die Kompetenzen der Bank bestimmt noch ausbauen.

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Haben Sie Ihr Privatvermögen dort liegen?
Ich bin ein armer Mann. Ich habe keine Wertschriften, im Gegensatz zu vielen anderen. 99,9 Prozent meines Vermögens sind direkt in Franke, meine Beteiligungen und Immobilien investiert.

Wer wird das alles verwalten, wenn Sie einmal nicht mehr da sind?
Die Nachfolgeregelung bei uns ist abgeschlossen, das kommt gut. Aber operativ sind die Kinder bei uns nicht direkt involviert. Der Sohn ist im Verwaltungsrat bei Artemis, neu auch bei Franke. So kommt er näher an Franke ran.

«In einer Top-Position muss einer einen normalen Lebenswandel führen.»

Michael Pieper

Wird er operativ übernehmen?
Das ist derzeit noch völlig offen.

Und die Tochter? Eher bei Artemis?
Wahrscheinlich. Sie sitzt bereits im Verwaltungsrat.

Müssen Bewerber bei Ihnen immer noch im Treppenhaus hoch- und runterlaufen, um ihre Fitness zu beweisen?
Ich bin zwar nicht mehr operativ tätig. Aber natürlich sehe ich die Leute noch vor ihrer Einstellung bei einem Schlussgespräch. Da schaue ich aufs Persönliche. In einer Topposition muss einer einen normalen Lebenswandel führen.

Sie unterstützen neu das Luzerner Sinfonieorchester mit einer Stiftung. Dieses ist mit 15 Millionen Franken dotiert. Sind Sie jetzt Mäzen?
Das nicht. Aber ich kenne das Orchester seit langem. Die machen wirklich gute Sachen. Der Intendant Numa Bischof Ullmann hat das Orchester von einem guten zu einem sehr guten Orchester gemacht. Er ist ein echter Entrepreneur.

Werden Sie noch anderswo zum Stifter, zum Beispiel bei Theaterhäusern?
Nein, Theater haben wir hier bei Artemis und unseren Firmen genug.

Warum engagiert sich der Industrielle Pieper kulturell?
Wir haben der Innerschweiz viel zu verdanken. Wir leben dort. Wir haben alle Vorteile, auch steuerlich. Da muss man sich auch erkenntlich zeigen. Und ich liebe die Musik.

Sie haben sich auch an einem Weingut beteiligt.
Meine Kinder sagen, das hätte ich vor zwanzig Jahren nicht gemacht.

Trinken Sie selber Wein?
Ja. Ich habe noch einen Weinkeller von meinem Vater, der Mitgründer von Mövenpick war und den Weinkeller bei einer stillen Sanierung Ende der 1940er Jahre übernommen hatte. Diese Flaschen gibt es noch.

Und wann trinken Sie sie?
Zu meiner Beerdigung werden die Flaschen dann geöffnet.

Unternehmer und Investor Michael Pieper, Franke Management AG, fotografiert in Aarburg AG, Schweiz.

Michael Pieper mit den Redaktoren Bernhard Fischer (links) und Marc Badertscher.

Quelle: © Raffael Waldner