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Anlagebetrug
Millionenschwindel: Behörden schauten zu

Das Umfeld der ASE Investment war der Regulierungsbehörde längst bekannt. (Bild: ZVG)

Wegen der Aargauer ASE Investment bangen 500 Investoren um ihr Geld, der Schaden könnte 100 Millionen Franken übersteigen. Der Aktienschwindel hätte verhindert werden können.

Von Christian Bütikofer
am 07.05.2012

Die ASE Investment AG aus dem Fricktal sorgt bei über 500 Anlegern für rote Köpfe: Sie dürften ihr Geld grossteils abschreiben, die Staatsanwaltschaft Aargau geht von einem Schaden über 100 Millionen Franken aus. Sie vermutet ein Madoff-ähnliches Anlagebetrugsmodell und ermittelt gegen die ASE-Verantwortlichen Martin Schlegel und Simon Müller. Der mutmassliche Anlageschwindel wurde ruchbar, als die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma Mitte April gegen ASE eine superprovisorische Verfügung erwirkte.

Das Finanzchaos hat eine einschlägige Vorgeschichte: ASE-Chef Martin Schlegel tummelte sich in einem Umfeld, das in der Schweiz seit Jahren durch unseriöse Aktienverkäufe für massiven Ärger sorgt.

Neben seinen ASE-Geschäften investierte Schlegel auch in die Max Entertainment Group (Max), die vorgab, im Bereich von Kampfsport-Events tätig zu sein. Kurz nach deren Gründung kaufte Schlegel zwischen Oktober und November 2006 als Privatmann Aktien der Max für rund 360'000 Franken. Was Martin Schlegel mit den erworbenen Aktien unternahm, wird von den zuständigen Behörden zu klären sein.

Kleinanleger im Visier

Hinter der Max Entertainment steckte der einschlägig bekannte deutsche Aktiendealer und «diplomierte Sportlehrer» mit grosser Erfahrung in «Corporate Finance» Hans-Jürgen Käfer-Zoller (55), der sich in der Vergangenheit mit diversen unseriösen Geschäften einen Namen machte.

Meist ging es Jürgen Käfer und seiner Verkäufertruppe darum, leichtgläubige Investoren für «heisse Start-Ups» zu finden. Den Opfern wurden erst Aktien für Nonvaleurs wie der Max Entertainment angedreht, dann nach dem Zusammenbruch der «verheissungsvollen» Firma ein weiteres Luftschloss in die Welt gesetzt, um wiederum neue Investoren abzuzocken oder alte Opfer mit neuen Schrottaktien bei der Stange zu halten (die hofften, damit den Verlust mit Papieren eines neuen «Geheimtipps» zu verkleinern).

Auch mit dem «heissen Tipp» Max Entertainment wurde über längere Zeit eine klassische «Pump-and-Dump»-Masche zu Lasten der Investoren aufgezogen. Die Opfer wurden mit sagenhaften Renditen und einem schnellen Börsengang geködert: Bis 2011 sollte die Max 300 Millionen Euro Umsatz und 43,2 Millionen Gewinn machen. Viele von Telefonverkäufern derart angefixte Kleinanleger glaubten dem Schmus.

Bekannte Figuren aus Deutschland

Käfer und seinen damaligen Geschäftspartnern gelang es also 2006, auch Martin Schlegel für die Max zu begeistern. Käfer zur Hand gingen der aus Deutschland stammende Italiener Gionni Perri (Spezialität «Investment Banking») sowie die Deutschen Andreas Koch und Daniel Kilian - dieser war «Produktmanager in einem Kreditkarten-Unternehmen» und meldete kürzlich Privatkonkurs an. Sein Mandat als «Produktmanager» übte Kilian in der Eypo AG aus, eine skandalträchtige Pseudo-Kreditkartenfirma des deutschen «Metallers» und heutigen Saftverkäufers Alexander Herr.

Das böse Erwachen folgte auf dem Fuss. Anfang Juli 2007 entzog die Eidgenössische Bankenaufsichtskommission EBK (heute Finma) dem einzigen Verwaltungsrat der Max Entertainment Daniel Kilian die Zeichnungsberechtigung und verbot Rechtshandlungen. Die Konkursspezialistin Remassa AG wurde mit einer Untersuchung der Max-Entertainment-Geschäfte beauftragt.

Als die Finma die Max Entertainment unter die Lupe nahm, bestätigte sich der Verdacht auf illegalen Aktienhandel. Die Finma teilte der Presse mit: «Käfer handelte nicht nur unerlaubt mit Aktien, die Firma war auch überschuldet.» 

Gestützt auf den Abschlussbericht der Remassa verfügte die Finma Ende August 2007 gegen die Max Entertainment den Konkurs. Gleichzeitig wurde gegenüber Daniel Kilian und Jürgen Käfer ein Werberverbot verhängt. Was das Umfeld der beiden jedoch nicht hinderte, mit einer weiteren Firma - der Cendoo AG - das lukrative «Pump-and-Dump»-Geschäftsmodell weiterzubetreiben. 

Ab in die Vereinigten Staaten

Doch das munter-betrügerische Aktienspiel hörte nicht einfach auf, es ging im Gegenteil auf einer anderen Ebene weiter: Die Max Entertainment wurde durch die an der schwach regulierten amerikanischen OTC-Börse (Over-The-Counter) gelistete Firma Eastern Exploration Inc (EE) übernommen. Die EE war eine inaktive Mantelgesellschaft und hiess schon bald Cyclon Capital Corp.

Im März 2007 transferierte die ASE Investment gemäss handelszeitung.ch vorliegenden Dokumenten ungefähr 1 Million US-Dollar auf ein Treuhandkonto («Trust Account») einer kanadischen Anwaltskanzlei. Aus diesem Konto dürfte die Übernahme der Eastern Exploration bezahlt worden sein. Denn Anfang Juni 2007 unterzeichneten die Geschäftspartner mit der Max Entertainment einen Vertrag, worin sich die EE verpflichtete, die Aktiven der Max Entertainment zu übernehmen - Besitzern der Max-Schrottpapiere wurde ein Aktientausch in EE-Werte schmackhaft gemacht. Der Verdacht liegt nahe, dass für den EE-Max-Deal ASE-Kundengelder benutzt wurden, denn Martin Schlegel sass bereits auf Max-Titeln. 

Die EE wurde in Max Entertainment Holding Inc umbenannt, deren erster Präsident: Daniel Kilian, einziger Verwaltungsrat der Max Entertainment in der Schweiz.

Abenteuer mit Pseudo-Kreditkarten

Daniel Kilian verdiente sich wie erwähnt die Sporen bei der Eypo AG ab, die in der Schweiz jahrelang Pseudo-Kreditkarten (Debitkarten) vertickerte und in der bereits damals auch Jürgen Käfer eine Rolle spielte.

Die Hintermänner des EE-Deals waren nun also wie in den vorangegangenen Fällen im Besitze eines neuen Firmenmantels ohne nennenswerte Aktiven, dafür versehen mit massenhaft Aktien - der Abverkauf konnte von vorne losgehen, die Finma-Probleme aus Max-Entertainment-Zeiten wurden dank dem Ami-Deal elegant aus der Welt geschafft.

Die Finanzprofis der ASE Investment, allen voran Martin Schlegel, dürften erkannt haben, dass diese Rechnung nicht aufgehen kann. Denn regelmässig gewinnt bei solchen Operationen nur der Initiator der Masche, die Anleger ziehen den Kürzeren. Die ASE stellte sich folgerichtig auf die Gewinnerseite und erwarb in grossem Stile Max-Entertainment-Aktien. ASE kaufte im Mai 2007 mindestens 700‘000 solche Titel.

Wichtige Fragen wurden nicht gestellt

Neben Max Entertainment tauchte Martin Schlegel/ASE auch im Umfeld der Firma Labuyla auf, die ebenfalls bereits mehrfach für einschlägige Schlagzeilen sorgte. Martin Schlegel war im Verwaltungsrat der Elite Holding AG anzutreffen, die mit Labuyla in Verbindung stand.

Die Finma hätte das ASE-Desaster früh stoppen können. Denn ASE Investment und Martin Schlegel wurden im Remassa-Bericht ausführlich erwähnt, als die Finma gegen Max Entertainment vorging. Das Umfeld von ASE wurde mit allen Aktienkäufen und auch der Tatsache, dass Martin Schlegel/ASE die 1-Millionen-Dollar-Transaktion für den «Trust Account» zur Verfügung gestellt hatte, erwähnt.

Die Aktivitäten der ASE und Martin Schlegels waren nicht in Übereinstimmung mit den geltenden Vorschriften. Insbesondere hätte die Finma damals unmittelbar ein Verfahren gegen ASE Investment und Martin Schlegel wegen unbewilligten Effektenhandels eröffnen müssen, um die Vorgänge rund um Max Entertainment vollständig zu klären.

Doch nichts dergleichen geschah. Der böse Verdacht liegt nahe: Der ASE-Fall war damals wohl noch nicht gross genug, damit man bei der Finma die Sache mal näher anschaute, obwohl die nötigen Verdachsmoment dank dem Remassa-Berich längst auf dem Tisch lagen.

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