Das Duft-Bäumchen für die Erfrischung im Auto kennt jeder. Es ist grün, rot oder gelb und hängt meist am Rückspiegel. Ein Tannenbaum gegen den abgestandenen Leder-Geruch, produziert unter anderem im schaffhausischen Thayngen nahe an der Grenze zu Deutschland.

Gerade weil der Wunderbaum weltbekannt ist, hat das hippe Modelabel Balenciaga einen Schlüsselanhänger mit dem gleichen Design herausgebracht. Ein Duft-Bäumchen-Imitat für Fashionistas. Erhältlich auf zahlreichen Onlineshops. Kosten: 275 Dollar. Zum Vergleich: ein Schaffhauser Duftbaum belastet das Portemonnaie mit 2.50 Franken.

Balenciaga

Fall/Winter 2018-Kollektion von Balenciaga: T-Shirt mit dem Logo der Welternährungsprogramms.

Quelle: 2017 The Washington Post
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 Thayngen gegen Paris in New York

Das Problem: Die Design-Kopie war nicht abgesprochen. Zusammen mit der Car-Freshner Corporation hat Julius Sämann AG nun eine Klage wegen Markenrechtsverletzung vor einem New Yorker Gericht gegen das Modelabel Balenciaga eingereicht.

Der Vorwurf: Die baumartigen Schlüsselanhänger seien bewusst so gestaltet, dass sie das Design der Wunderbäumchen nachahmen, wie der Modeblog «The Fashion Law» berichtet. Zudem werfen die Kläger Balenciaga vor, genau die Form, Farben und Abmessung der Bäumchen verwendet zu haben, heisst es in der Anklageschrift.

Sofortiger Produktions- und Vertriebsstopp gefordert

Die Kläger haben einen sofortigen Unterlassungsanspruch angemeldet. Balenciaga soll von der Herstellung und dem Verkauf der Wunderbaum-Imitate absehen.

Wunderbaum-Holding-Sitz in Thayngen

Wunderbaum-Holding-Sitz in Thayngen: Mit übergrossem Dufterfrischer.

Quelle: Google Street View

Julius Sämann verlangt zudem eine finanzielle Entschädigung, darunter auch den Gewinn von Balenciaga aus dem noch immer laufenden Verkauf der Schlüsselanhänger. 

Von Deutschland nach Kanada in die USA und die Schweiz

Die Julius Sämann AG produziert die Wunderbäume für den europäischen Markt und ist auch das weltweite Holdingdach über die Kult-Bäumchen.

In den USA hat der Wunderbaum seinen Ursprung. Der aus Deutschland stammende Biochemiker Julius Sämann musste vor den Nazis fliehen und liess sich erst in Kanada nieder, wo er auf die Idee des Lufterfrischers kam. Schliesslich gründete er in New York die Car-Freshner Corporation zur Produktion und dem Vetrieb der Kultbäumchen. Die Holding hat der deutsche Auswanderer in Thayngen angesiedelt.

Ursprung mit Vetements in Zürich

Kopieren gehört zum Stil des Pariser Modelabels Balenciaga, seitdem der neue Kreativdirektor Demna Gvaslia vor zwei Jahren die Leitung übernommen hat. Schliesslich wurde Gvaslia mit seinem in Zürich ansässigen Modelabel Vetements bekannt für das Kopieren und Platzieren von Firmen-Logos auf Kleidungsstücken.

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Karte

Thayngen an der Grenze zu Deutschland: In der Nähe produziert auch die Pharmafirma Cilag (Johnson & Johnson).

Quelle: Google Maps

Mit Vetements hat er beispielsweise ein T-Shirt mit einem Logo des Transportriesen DHL für 300 Franken verkauft. Bereits damals waren die Kreationen von Gvaslia aber ein Fall fürs Gericht. So verklagte Adidas sein Label wegen der Nachahmung eines Stan Smith-Sneakers.

Strategie: Verklagt werden

Die «Trash»-Optik von Vetements hat Gvaslia nun beim Pariser Label Balenciaga weitergeführt. Der Look ist gerade schwer angesagt, die Fashion-Influencer posten gerne Bilder von klobigen Balenciaga-Schuhen oder einem T-Shirt mit dem Logo des Welternährungsprogramms (siehe Bild unten).

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Das war wohl auch der Gedanke bei der Lancierung des «Wunderbaum-Schlüsselanhängers». Eine Klage nimmt Designer Gvaslia für seine provokative Mode bewusst in Kauf.