In einem schwierig gewordenen Umfeld setzt Zürichs einziger Uhrenhersteller voll auf die Zukunft. Mehrere Millionen hat er investiert in den Umbau seines Verwaltungsgebäudes an der Zürcher Lessingstrasse, in eine umfassende Erneuerung seiner Uhrenfabrik in Biberist und in ein hoch entwickeltes EDV-System. Die Kehrseite davon: Am Zürcher Hauptsitz konnten die Abläufe derart rationalisiert und Teile der Buchhaltung und Logistik in die neu strukturierte Fabrik in Biberist verlagert werden, dass im vergangenen Februar neun Stellen gestrichen wurden.

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Obschon das Familienunternehmen den momentanen Uhrenmarkt als «verhalten» einschätzt, will Mondaine konsequent eine Vorwärtsstrategie fahren. Nach Meinung des heute 77-jährigen Firmengründers und VR-Präsidenten Erwin Bernheim gibt es für die Umsetzung von Visionen ohnehin keine guten oder schlechten Zeiten: «Man muss seinen Ideen vertrauen und den Mut haben, sie zu verwirklichen.»

Er weiss, wovon er spricht, war er doch erst 15-jährig, als sein Vater 1941 verstarb und er seinem Wunsch, eine Schneiderlehre zu absolvieren, um das väterliche Atelier zu übernehmen, nachkam. Weil die Familie Bernheim damals ausserhalb Zürichs in der Nähe eines Flüchtlingslagers wohnte, kam der junge Erwin Bernheim während des Zweiten Weltkrieges in Kontakt mit Flüchtlingen. Viele von ihnen wanderten am Kriegsende in alle Welt aus. Einige blieben mit ihm in Briefkontakt und baten um die Gefälligkeit, für sie Schweizer Uhren direkt ab Fabrik einzukaufen und nach der neuen Heimat zu senden.

Daraus wurde bald ein Geschäft, sodass Bernheim 1951 eine Handelsfirma in Zürich gründete. Drei Jahre später liess er Mondaine als Uhrenmarke weltweit schützen. Und als er 1959 die Neuchâtel SA, eine kleine Produzentin von Ankeruhren, übernehmen konnte, begann er eigene Uhren herzustellen und zu exportieren. In den 60er Jahren wurde im solothurnischen Biberist eine neue Uhrenfabrik gebaut und dazu die Remonta Ltd gegründet. 1989 folgte die Übernahme einer Gehäuseherstellerin im jurassischen Courfaivre.

SBB-Bahnhofuhr: Klassik überlebt

Im Laufe von fünf Jahrzehnten hat es das Familienunternehmen geschafft, Mondaine als starke Uhrenmarke aufzubauen und international erfolgreich zu verankern. Sie ist der Schweizer Qualität und dem Design verpflichtet. Dabei ist es immer wieder gelungen, Weltneuheiten zu kreieren etwa die ersten, vom Träger programmierbaren LCD-Uhren mit Mikroprozessor und die ersten Solar-Quarzuhren in den 70er Jahren oder 1992 die erste Recycling-Uhr. Seither sind in Dornach über 100 t Haushaltmetall in Anwesenheit eines Notars eingeschmolzen und daraus von Mondaine Hunderttausende von Uhrengehäusen hergestellt worden.

«Manchmal brauchte es allerdings viel Geduld», erzählt Ronnie Bernheim, der 1975 ins väterliche Unternehmen eingestiegen ist. So etwa bei der Adaptation der SBB-Bahnhofsuhr auf das Handgelenk. «Kein Mensch wollte damals ein schlichtes, fast puritanisches Design in einem dicken Gehäuse. Aber wir glaubten an diese Uhr, so, wie sie ist, als Gegenpol zu den immer verrückter gewordenen Billiguhren.»

Das allerdings mussten die Bernheims jahrelang glauben, bis deutsche Design-Geschäfte die Einzigartigkeit dieser Armbanduhr entdeckten. Einzigartig auch deshalb, weil es den Designern und Uhrmachern bei Mondaine und Remonta gelungen ist, den roten Sekundenzeiger wie bei der originalen Bahnhofsuhr aus den 40er Jahren um 12 Uhr anzuhalten, um ihn eineinhalb Sekunden später wieder auf eine nächste, leicht beschleunigte Runde springen zu lassen.

Just in time für Migros

Ein Husarenstück gelang Mondaine 1983. Innert 28 Tagen entwickelte man für den Grossverteiler Migros die M-Watch, eine Kurzform der Marke Mondaine Watch. Der Schweizer Distributionspartner Migros lancierte sie für 38 Fr. noch vor der ersten Swatch. Seither kreiert Mondaine jährlich zwischen 30 und 40 neue Modelle für saisonale Kollektionen. Bis heute sind allein in der Schweiz über 5 Mio M-Watches exklusiv über diesen Kanal abgesetzt worden. In grossen Märkten wie in Deutschland oder den USA wird die M-Watch ebenfalls über Grossverteiler und in geringerem Masse über den Versandhandel vertrieben.

Die neue EDV-Integration erlaubt seit kurzem eine Direktbelieferung von Geschäften auch im Ausland. Bisherige Importeure nehmen vermehrt die Funktion als Marketingorganisation wahr und überlassen die logistischen Funktionen dem Hersteller. Deshalb wurde im letzten Herbst das Distributionscenter in Courfaivre mit der Uhrenfabrik Remonta in Biberist zusammengelegt. Am Remonta-Sitz sind nun von der Herstellung über die Kontrolle bis zu Logistik, Reparatur- und Ersatzteildienst alle Produktions- und Distributionsprozesse konzentriert. Montage, Qualitätssicherung, Lagerhaltung und weltweite Distribution werden mittels hoch integrierter EDV-Systeme unterstützt, was zum Abschluss eines Just-in-time-Liefervertrages mit der Migros geführt hat. Damit werden die Uhrenverkäufe am Ladentisch online in die Fabrik gemeldet, wo die Produktion und Auslieferung der Uhren ausgelöst wird.

Unter der Leitung der zweiten Generation mit den Brüdern Ronnie (52) und André (44) Bernheim entstand zudem eine neue Führungsstruktur, die sich durch eine stärkere Delegation der Verantwortung an die Mitarbeitenden auszeichnet.

Als Lizenznehmerin produziert und vermarktet Mondaine auch Uhren globaler Marken wie Bally (seit 1998) oder Camel Active (seit 1992). Während sich die neu positionierte Lifestyle-Marke Camel Active heute an ein sportliches und abenteuerorientiertes Publikum wendet, verkaufen sich die Zeitmesser der Luxusmarke Bally insbesondere im Fernen Osten gut. Sie sollen nach den Vorstellungen ihrer Kreateure wie Schuhe, Lederartikel oder Bekleidung zu den Essentials mit Flair für jeden Tag gehören.

Ungenannt bleibt neben Eigen- und Lizenzmarken das dritte Standbein von Mondaine: Die so genannten Private Labels. Das können Firmen mit Uhrenmarken sein, die auswärts produzieren lassen, oder aber bekannte Markenunternehmen, die in einem der Uhrenindustrie fremden Gebiet tätig sind. Insgesamt stellt Mondaine rund 1 Mio Uhren im Jahr her und beschäftigt 150 Personen.