Am Rand von Stans, dem Hauptort von Nidwalden, gleich neben dem Dorffriedhof, liegt ein mächtiger Bau: das Kapuzinerkloster. 2004 verliessen die letzten Kapuziner, auch als Bettelmönche bekannt, nach mehr als 400 Jahren das alte Gemäuer. Nach einer Treppe mit ausgetretenen Stufen und vorbei an der Kirchentüre, findet man linkerhand die kleine Klosterpforte. «Bitte läuten, es dauert etwa zwei Minuten», steht auf einem Schild. Ein kräftiger Zug an einem schmiedeeisernen Klöppel lässt Geschepper ertönen.

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Der Kanton kaufte den Brüdern das Kloster für eine Million Franken ab. Lange stand dann das Gebäude leer, und es wurde in der Öffentlichkeit diskutiert, wer sich überhaupt in den zahlreichen Räumen neu einrichten dürfe. 2008 zog eine junge Firma namens MondoBiotech ein, angelockt vom Schnäppchenmietzins von monatlich 4347 Franken und 50 Rappen. Der Neuzuzug löste harsche Kritik aus bei vielen Stansern sowie den Patres. Bruder Ephrem Bucher sagte damals: «Die Kapuziner verstehen sich von der Tradition her als kapitalismuskritischer Orden.»

Der junge Mann, der die Pforte nach weniger als zwei Minuten öffnet, verkörpert in seiner Freizeitkluft alles andere als einen Vertreter des Kapitalismus. Er führt den Besucher durch einen langen Gang, vorbei an Plakaten voll chemischer Formeln und Phrasen. Mit lautem Hallo und einem jungenhaften Grinsen betritt Fabio Cavalli (Bild) das mit medizinischen Fotos behängte Besucherzimmer. Der 55-jährige Tessiner hat so gar nichts von einem Geschäftsmann an sich. Mit der braunen Cordjacke, dem neckisch zurechtgezupften orangefarbenen Einstecktuch und den halblangen Haaren sieht er eher aus wie ein Designer aus Mailand.

Cavalli, der ein einnehmendes Wesen hat, hob MondoBiotech 2001 zusammen mit seiner Frau Vera sowie zwei Partnern aus der Taufe. Inzwischen hat er den Job des CEO abgegeben und agiert als Präsident. Doch weil ihm der Titel Executive Chairman etwas gar dürftig erschien, verziert er seine Visitenkarte zusätzlich mit einem fantasievollen Chief Business Architect. Cavalli setzt sogleich zu ausschweifenden Erläuterungen über Sinn und Zweck des Jungunternehmens an. Es gebe etwa 7000 seltene Krankheiten, global seien 600 Millionen Menschen betroffen.

Was nach viel tönt, ist, aufgeteilt auf die einzelnen Leiden, relativ wenig, so wenig jedenfalls, dass den Pharmakonzernen seltene Krankheiten zu wenig gewinnversprechend erscheinen, sie ergo kaum an Medikamenten forschen. Nun gibt es bis zu 40 000 Wirkstoffe, die bislang nicht angewendet wurden. MondoBiotech sucht im Internet nach solchen Stoffen. Wird ein Produkt gefunden, das gegen eine seltene Krankheit eingesetzt werden könnte, verlinkt die Firma in ihrem weltweiten Netzwerk Spezialisten zur weiteren Erforschung.

Dieses Netzwerk bestehe aus rund 3000 Ärzten und Wissenschaftlern, behauptet Cavalli. Ein ehemaliger Mitarbeiter veranschlagt diesen Kreis auf höchstens einige hundert Personen. Unterstützung finden die Experten in einer Datenbank, die nach den Ausführungen des Tessiners 90 Millionen selbstgescannter Dokumente enthalte. In Fachartikeln der jüngeren Vergangenheit dagegen wird von einem Bruchteil berichtet. Bei Cavalli sind Zahlen Glücksache. «Bislang haben wir 315 Wirkstoffe identifiziert, den Krankheiten zugeordnet und patentieren lassen», erläutert er.

Das Patentieren erfordert einen riesigen Aufwand: «25 Patentanwälte, überwiegend in Deutschland, arbeiten nur für uns.» Namen will Cavalli partout keine nennen – der Konkurrenz wegen. Dass er nur Minuten vorher erzählt hat, MondoBiotech sei weltweit einzigartig und habe keine Mitbewerber, ist ihm entfallen. Vielversprechende Wirkstoffe werden lizenziert, die Lizenz an ein Pharmaunternehmen verkauft, welches die weiteren Tests übernimmt. MondoBiotech unterhält keine Labors. Geld kassiert man vom Lizenznehmer je nach Erfolg.

Heisse Luft.

Der Firmenname ist irreführend. Mit Biotechnologie hat MondoBiotech nur indirekt etwas am Hut. Eigentlich handelt es sich um ein IT-Unternehmen. Was wohl auch ein Grund dafür ist, dass sich die auf Biotechnologie spezialisierten Finanzanalysten mit MondoBiotech schwertun. «Ich war an zwei Präsentationen, da wurde fast nur heisse Luft produziert», moniert der Basler Andrew Weiss, Finanzanalyst bei der Bank Vontobel. «MondoBiotech erinnert mich stark an Think Tools. Der Verwaltungsrat ist mit hoch angesehenen Personen besetzt, doch niemand weiss, wie das Businessmodell genau aussieht.» Was nichts daran ändert, dass sich breite Kreise vom Geschäftsmodell begeistern lassen.

So konnte MondoBiotech mehrere angesehene Auszeichnungen einheimsen, darunter jene für den Swiss Entrepreneur of the Year von Ernst & Young oder für den Technology Pioneer des WEF. Da will der Nidwaldner Regierungsrat Gerhard Odermatt, der MondoBiotech holte, nicht hintanstehen: «Uns hat das Businessmodell immer überzeugt, obwohl wir das nie so recht beurteilen konnten.» Auch Biologen und Mediziner zeigen sich angetan. Der Verwaltungsrat von MondoBiotech, mit elf Köpfen recht umfangreich für ein KMU, ist mit Berühmtheiten reich bestückt. Im Gremium sitzt beispielsweise der deutsche Chemiker und Nobelpreisträger Professor Robert Huber. Oder Professor Thomas Cerny, Chefarzt am Kantonsspital St.  Gallen. «Das Konzept von MondoBiotech hat mich immer fasziniert. Denn viel vorhandenes Wissen bei Medikamenten wird gar nicht genutzt», schwärmt Cerny.

MondoBiotech nennt auf der Homepage einige Wirkstoffe, die auf bestem Weg zum Erfolg sind. Dass einige in klinischen Studien hängen geblieben sind, wird tunlichst verschwiegen. Bislang jedenfalls kam noch kein Medikament auf den Markt. Einst setzte Cavalli den Zeitpunkt dafür auf frühestens 2011 an, inzwischen spricht er von frühestens 2015. Um den Erfolg zu beschleunigen, wird kräftig ausgebaut. Derzeit werden 50 Personen beschäftigt. Bis Ende 2012 will er weitere 100 Leute anstellen, hauptsächlich Biologen. Nur lassen sich die Firmenstandorte in Basel und im Tessin kaum mehr ausbauen. Deshalb hegt Cavalli grosse Pläne mit dem Hauptsitz in Stans.

Im alten Kloster sollen auf 7000 Quadratmetern neuer Büroraum sowie ein Campus samt 20 Gästezimmern mit Köchen und Hotelpersonal entstehen, wo sich Wissenschaftler in lockerem Rahmen zu Projektbesprechungen treffen können. Für den Umbau wurde kein Geringerer als der in der Schweiz lebende britische Stararchitekt Norman Foster gewonnen. Und dies für ein Honorar, das laut Cavalli deutlich unter jenem lokaler Architekten liegt. Die von Foster ausgearbeitete Variante kostet 19 Millionen. Nur will Cavalli unter dem Kloster noch eine Tiefgarage bauen, womit der Umbau auf gegen 25 Millionen zu stehen käme. Doch da platzte sogar dem der Firma freundlich gesinnten Regierungsrat der Kragen. «Diese Variante ist politisch nicht denkbar wegen der Zufahrt», sagt Odermatt.

So oder so ist das viel Geld für ein Start-up. Der MondoBiotech-Chefdenker winkt ab und zaubert einen «berühmten Ausländer» aus dem Ärmel, der für die Kosten aufkommen wolle; den Namen dürfe er, natürlich, nicht nennen. Beim Unternehmen scheint Geld sowieso nie ein Thema zu sein. Man ist grosszügig, trat als Mitsponsor am Tennisturnier in Gstaad oder beim America’s Cup auf. Doch wenn es um die eigenen Bezüge geht, ist bei Fabio Cavalli fertig lustig. Auf entsprechende Fragen meint der Tessiner: «Ehrlich gesagt, diese Fragen haben mir traurige Gefühle gegeben.» Am Betrag kann es nicht liegen; 2009 – der Jahresbericht 2010 erscheint erst Ende März – stellte er, damals noch als CEO, 695 616 Franken in Rechnung. Die Bezüge seiner Frau Vera werden nicht publiziert.

Ersichtlich ist dafür, was die Cavallis an Miete einstreichen. Sie haben der Firma diverse Liegenschaften verpachtet. 2009 wurden für die 1200 Quadratmeter im Basler Stadtpalais Hardhof 360 000 Franken fällig. Die Immobilie gehört Fabio Cavalli, der Vertrag läuft bis 2016. Seine Ferienwohnung in Sils Maria, 110 Quadratmeter gross, liess er sich mit 45  000 Franken vergolden. Seine Frau ist Eigentümerin eines Hauses in Collina d’Oro, wo sich der Tessiner Arm von MondoBiotech eingemietet hat. Die 900 Quadratmeter kosten 272 400 Franken.

Kein Gewinn in Sicht

Pro Quadratmeter wird also leicht mehr bezahlt als in Basel, obwohl Collina d’Oro ausserhalb Luganos liegt. Es handle sich um marktkonforme Ansätze, so Cavalli. Irritierend ist die Verquickung von Privatbesitz und Geschäft allemal. Ungewöhnlich für ein Start-up ist im Weiteren das in Firmenbesitz stehende Flugzeug PC-12 mit einem Anschaffungspreis von 4,3 Millionen. Das schwarz-silbrig gestylte und mit dem orangen Firmenlogo versehene Flugzeug pilotiert Cavalli höchstpersönlich. Aufhorchen lässt ein weiterer grosser Posten in der Jahresrechnung. Die Vaduzer Treuhandgesellschaft Industrie- und Finanzkontor machte 2009 rund 521  000 Franken geltend für das Führen der Buchhaltung, Personaladministration und weitere Dienste. Damals beschäftigte MondoBiotech 24 Personen.

Hinter der Firma steht Seine Durchlaucht Michael Prinz von und zu Liechtenstein. Derselbe sitzt nicht nur im Verwaltungsrat von MondoBiotech, sondern kontrolliert über seine Biopharmainvest auch rund 73 Prozent der Aktienstimmen. Das Ehepaar Cavalli und Firmenmitgründer Patrick Pozzorini wiederum halten 4,5 Prozent an Biopharmainvest. Dabei hat MondoBiotech noch nie Gewinn erwirtschaftet, sondern bislang einige Dutzend Millionen an Verlusten angehäuft. Im Herbst 2009 wagte die Firma den Schritt an die Börse, und dies in Eigenregie.

«Wir sind ohne Banken an die Börse gegangen, weil wir eine Spekulation mit unseren Aktien verhindern wollten», begründet Cavalli. Das Resultat war dementsprechend. «Ich habe noch nie einen so dilettantisch inszenierten Börsengang gesehen», erinnert sich ein Kadermitglied der SIX Swiss Exchange. Dabei wurde nur ein Listing vorgenommen, es wurden also keine neuen Aktien abgegeben. MondoBiotech selbst setzte den sogenannten Referenzpreis mit 250 Franken fest – was einer Börsenkapitalisierung von 1,6 Milliarden Franken entsprach. Am Ende des ersten Tages, nach dem Handel einiger weniger Titel, lag der Aktienkurs auf 392 Franken, womit MondoBiotech einen Wert von 2,6 Milliarden repräsentierte. Herr Cavalli, ist das nicht eine absurde Bewertung? Er antwortet mit der Gegenfrage: «Und Facebook? Die Firma ist 50 Milliarden Dollar wert.»

Längst ist bei MondoBiotech der Börsenalltag eingekehrt, der Aktienkurs inzwischen um gegen 80 Prozent abgesackt. Heute wird die Firma noch mit 370 Millionen Franken bewertet. Man habe damals ein Listing gemacht, weil die Firma kein Neugeld brauchte, erläutert Cavalli. Vier Monate später allerdings kam der Börsenneuling mit einer saftigen Kapitalerhöhung. Das Management hoffte auf Neugeld von 40 Millionen Franken, es kamen nur 8,6 Millionen zusammen. Die mageren Einnahmen wurden noch geschmälert von der Imperial Asset Management, diese zwackte für die Vermittlung neuer Investoren 574 000 Franken ab. Hinter der in Panama beheimateten Firma steht Giovanni Cusmano, der bis vor kurzem im Verwaltungsrat der MondoBiotech sass.

Nur ein halbes Jahr danach war bereits die nächste Erhöhung angesagt, diesmal flossen 7,4 Millionen in die Kasse. MondoBiotech verbraucht das Geld immer schneller, aktuell stellt sich die Cash Burn Rate auf gegen zwölf Millionen. Derweil hapert es mit den Einnahmen. Wurden 2009 noch ein Umsatz von 13,7 Millionen und ein Verlust von 12,2 Millionen Franken gemessen, blieb im vergangenen Jahr kaum etwas hängen. In den ersten sechs Monaten 2010 flossen noch 0,3 Millionen an Einnahmen in die Firmenkasse, der Verlust kletterte auf 10,0 Millionen. An dieser Situation hat sich im zweiten Semester nichts geändert. «Wir betrachten die Firma als deutlich zu knapp finanziert», sagt Gregor Greber, CEO der zCapital.

Prompt kündigt Fabio Cavalli eine weitere Finanzierungsrunde an: «Die nächste Kapitalerhöhung werden wir noch vor Juni durchführen.» Auch diesmal werden professionelle Anleger abseitsstehen. Das Misstrauen gegenüber MondoBiotech ist gross. Neben der dünnen Finanzierung ist es auch um die Corporate Governance schlecht bestellt. Die auf Nebenwerte fokussierte zCapital hat vor einem Jahr ein Rating gemacht von 130 Small und Mid Caps. MondoBiotech landete auf dem letzten Rang. Bislang haben denn auch fast ausschliesslich Personen aus dem Kreis des Unternehmens sowie Angehörige von Patienten mit seltenen Krankheiten Aktien gekauft.

Nicht teilgenommen an den Kapitalerhöhungen hat auch der Mehrheitsaktionär Prinz Michael. Nicht aus Gründen der Vorsicht, sondern aus altruistischen Motiven. «Während wir im August 2010 auf die Ausübung unserer Bezugsrechte verzichteten, haben wir im Rahmen der Februar-Kapitalerhöhung die uns zustehenden Bezugsrechte möglichen Investoren unentgeltlich zur Verfügung gestellt und damit zur Erweiterung der Investorenbasis beigetragen», liess Seine Durchlaucht ausrichten.