Am morgigen Freitag startet die 48. Ausgabe des Montreux Jazz Festival. Das 25'000-Einwohner-Städtchen wird dann wieder für zwei Wochen im Ausnahmezustand sein. Unter anderem werden Stars wie Soullegende Stevie Wonder, der Hip-Hop-Künstler Pharrell Williams oder Jazzpianist Herbie Hancock die Uferpromenade am Genfersee beschallen. Zudem finden etliche Gratiskonzerte, Workshops und Partys im Rahmen des Mega-Events statt.

Das Montreux Jazz Festival ist ein Schwergewicht in der Schweizer Festival-Landschaft. Das Budget der diesjährigen Ausgabe beläuft sich laut Festival-Chef Mathieu Jaton auf 25 Millionen Franken. 230'000 Besucher erwartet er in diesem Jahr.

Doch das Festival hat nicht nur grosse Bedeutung für Musikfans, sondern auch für die lokale Wirtschaft. «Das Festival hat einen ökonomischen Einfluss nicht nur auf Montreux, sondern die ganze Region», sagt Jaton gegenüber handelszeitung.ch. «Die regionale Wertschöpfung durch das Festival ist sehr hoch.»

Montreux profitiert während des ganzen Jahres

Ökonomen bestätigen Jatons Worte. Francis Scherly, Tourismusexperte und Professor an der Universität Lausanne, analysierte mehrmals in den vergangenen Jahren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Veranstaltung. Er ist sich sicher: «Das Festival dürfte in der Region eine Wertschöpfung von bis zu 50 Millionen Franken generieren.»

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Die Stadt Montreux sei vor allem dank des Festivals rund um den Globus bekannt. Dazu beigetragen habe nicht zuletzt die einmalige Lage der Stadt zwischen Rebbergen und Seeidylle, so Scherly. «Das Image des Festivals ist eines der stärksten der gesamten Genferseeregion.» Deshalb profitiere die Gegend um Montreux von den wirtschaftlichen Effekten während des ganzen Jahres, nicht nur während der zwei Festivalwochen, so Scherly. 

Montreux Jazz Festival: «Universelle Ausstrahlung»

Der internationale Glanz des Montreux Jazz Festival ist denn auch der Unterschied zu anderen touristischen Anziehungspunkten am Genfersee. Zwar zieht etwa das Schloss Chillon mit rund 350'000 Besuchern jedes Jahr mehr Gäste als das Festival an. Den jährlich stattfindenden Weihnachtsmarkt in Montreux besuchen sogar gut 420'000 Menschen.

Doch mit dem weltweiten Ruf des Jazz Festival können beiden Touristenattraktionen nicht mithalten. Der Musikevent lockt jährlich Fans aus der ganzen Welt nach Montreux. Mit 55 Prozent kommt über die Hälfte der Festival-Besucher aus der Romandie, sagt Festival-Boss Mathieu Jaton. Und es sind besonders Musikfans aus anderen Teilen der Schweiz und dem Ausland, die das grosse Geld nach Montreux bringen.

Auswärtige beleben das Geschäft

Davon profitiert vor allem die Hotelbranche. Während der zwei Festival-Wochen im Juli gibt es in der Region kaum freie Betten. Die Zimmerpreise steigen dann bis aufs Doppelte. «60'000 Übernachtungen gehen auf das Konto des Festivals», so Jaton. Das ist gemäss Bundesamt für Statistik knapp ein Viertel der Übernachtungszahlen der gesamten Genferseeregion im letzten Juli. 

Ausländischen Touristen lassen ihr Geld aber nicht nur für Hotelbetten liegen. In der Regel geniessen sie gleich mehrere Tage die Vorzüge der Region und machen Bootsfahrten, buchen Ausflüge und nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel. Roland Scherer, Experte für Regionalökonomie an der Universität St. Gallen bestätigt gegenüber handelszeitung.ch: «Je mehr Besucher von ausserhalb der Region und aus dem Ausland nach Montreux kommen, desto grösser ist die Wertschöpfung.»

Auf dem Festival selbst gibt jeder Besucher für Essen und Trinken im Schnitt bis zu 50 Franken aus. Das füllt vor allem auch die Kassen der Sponsoren. Seit diesem Jahr ist etwa das Kaufhaus Globus neben Heineken, Socar, Parmigiani, Vaudoise Versicherungen und UBS neuer Hauptsponsor und ersetzt den Detailhändler Manor. Globus wird neben den Bühnen an Ständen Essen verkaufen.

Tourismus als Initialzündung

Ein Grund für die Erfolgsstory dürfte sein: Das Montreux Jazz Festival hat seine Wurzeln nicht nur in der Musik, sondern auch im Tourismus. 1967 hatte der 2013 verstorbene Claude Nobs das Festival gegründet. «Damals arbeitete er für das 'Office du Tourisme' in Montreux», sagt Nachfolger Mathieu Jaton.

Nobs schien schon früh das Potenzial eines Musikfestivals in Montreux erkannt zu haben. Er wollte nicht nur seine musikalischen Helden an den Genfersee holen, sondern als Tourismusexperte die Montreux-Region beleben. So verwundert auch nicht, dass «das Festival ursprünglich als Tourismus-Event gedacht war», wie Jaton sagt.