Es ist nicht der Stoff, von dem Investmentbanker träumen. Dafür sind die Zahlen zu klein. 77,5 Millionen Dollar zahlt der amerikanische Uhrenhersteller Movado – zu dem die Schweizer Marken Movado, Ebel und Concord sowie die Uhren von Tommy Hilfiger, Coach, Lacoste und Hugo Boss gehören – für das kleine britische Uhren-Startup Olivia Burton.

Die Marke wurde erst 2011 gegründet, beschäftigt knapp dreissig Leute und setzte im letzten Geschäftsjahr, das per Ende März 2017 abgeschlossen wurde, gerade einmal 15 Millionen Pfund (19 Millionen Franken) um. Olivia Burton stellt Uhren her, die zwischen 75 und 250 Franken kosten. Es sind modische Zeitmesser für Damen, meist minimalistisch designt, teilweise aber mit Blumen und Schmetterlingen geschmückt. Insgesamt nichts, was das Herz von Uhren-Aficionados schneller schlagen lassen würde.

What women want

Aber – und das ist ein grosses Aber: Olivia Burton ist eine Erfolgsgeschichte. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Marke um sagenhafte 64 Prozent gewachsen. Und auch im laufenden Geschäftsjahr sollen die Verkäufe wieder um gut zwei Drittel zulegen. Die Olivia-Burton-Gründerinnen Lesa Bennett und Jemma Fennings – beide noch keine 35 Jahre alt und zuvor beide als Einkäuferinnen im Mode-Business unterwegs – wissen offenbar ziemlich genau, was Frauen ihrer Generation wollen. Keine sündhaft teuren 
Zeitmesser mit viel Bling-Bling, sondern feminine Uhren, die zu 
aktuellen Modetrends passen.

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Das hat Efraim Grinberg, Chef von Movado, offenbar beeindruckt. So sehr, dass er den beiden Londonerinnen nicht nur mehr als das Vierfache ihres Umsatzes als Kaufpreis überwiesen hat, sondern Bennett und Fennings gleich auch an der Spitze ihrer Marke weiter arbeiten lässt. «Was Lesa und Jemma 
geleistet haben, ist spektakulär», 
jubiliert Grinberg. «Ihr starkes 
E-Commerce-Geschäft hat riesiges globales Potenzial.» Und er ergänzt, dass Movado dank der Übernahme Zugang zu Millennials habe.

Jung und trendy

Grinberg weiss, wovon er spricht. Während die etablierten Schweizer Uhrenmarken mit wenigen Ausnahmen äusserst magere Jahre hinter sich haben und erst langsam wieder neues Wachstum verzeichnen, sind im Schatten der Grossen junge, trendige und hochdynamische Uhrenmarken wie Sand am Meer entstanden. Gegründet oft von Unternehmern um die 25, mit Crowdfunding-Starthilfen aus dem Internet.

Bestes Beispiel dafür ist die 
Marke Daniel Wellington. 2011 von 
einem 24-Jährigen in Schweden gegründet, macht das Unternehmen heute umgerechnet knapp 200 Millionen Franken Umsatz und verkauft rund eine Million Uhren pro Jahr. Zum Vergleich: Die bekannte Schweizer Marke Zenith setzt 
gemäss Schätzungen der «Bilanz» rund 160 Millionen Franken um. Daniel Wellington macht keine klassische Werbung, sondern setzt komplett auf Marketing via Social Media und Influencer – mit Erfolg.

Ähnlich funktionieren auch andere neue Labels: MVMT aus den USA (gemäss «Forbes» die weltweit am schnellsten wachsende Uhrenmarke), Kapten & Son aus Deutschland, Brathwait aus Norwegen, 
Linjer aus Spanien, Oak & Oscar aus den USA. In den Zeitmessern dieser jungen Marken ticken meist günstige Werke aus China, manchmal aber auch Werke des Schweizer Herstellers Ronda.

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Blaupause für weitere Deals

Artjem Weissbeck, Gründer und Chef von Kapten & Son, hat eine 
Erklärung für den Erfolg von Labels wie seinem: «Ich denke viel darüber nach, weshalb Millennials überhaupt nichtsmarte Uhren kaufen», sagte er gegenüber dem Magazin «Fast Company». «Viele Milliennials glauben, all die Technologie fresse sie langsam auf. Eine einfache, schöne Uhr macht da einfach glücklich.»

Klar ist: Die Übernahme von Olivia Burton durch Movado wird nicht der letzte Deal sein, bei dem ein etabliertes Uhrenunternehmen für viel Geld eine schnell wachsende junge Marke kauft. Die Transaktion wird vielmehr eine Blaupause für eine Reihe von weiteren Deals sein.

Vier Uhrentrends 2017: